Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Exklusiv

Abgeschobene Familie hofft auf Rückkehr in ihre „Heimat Tirol“

Nach vier Jahren in Reith wurde eine sechsköpfige Familie nach Bangladesch abgeschoben. Dort fristet sie ein tristes Dasein.

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© Privat



Von Denise Daum

Reith bei Seefeld — Der Bildschirm ist schwarz, es knackt in der Leitung. Kurz taucht eine Nase in Großaufnahme auf, dann ist Mohammed E. zu sehen. Wir erreichen ihn per Videotelefonie in einem kleinen Zimmer in Bangladesch. Die Stadt möchte Mohammed nicht öffentlich nennen, ebenso seinen Nachnamen nicht. Er fühlt sich nämlich nicht sicher in dem Land, das eigentlich seine Heimat wäre. Deshalb hat er Bangladesch vor über vier Jahren verlassen. Als oppositioneller Politiker sei er Repressionen ausgesetzt gewesen. Zum Schluss habe er um sein und das Leben seiner Familie gefürchtet.

Safi, hier mit seinem Skilehrer, liebt den Schnee.
Safi, hier mit seinem Skilehrer, liebt den Schnee.
- Privat

Hinter Mohammed taucht am Bildschirm ein Bub auf. Neugierig blickt er in die Kamera. Es ist der zwölfjährige Safi. Schüchtern streckt ein Mädchen seinen Kopf ins Bild. Afra. Die Neunjährige winkt verhalten zurück. Gespannt lauschen die beiden Kinder, was ihr Vater in die Kamera spricht. In Englisch. Er kann zwar Deutsch, aber er ist aufgeregt.

Es ist die Geschichte einer mühsamen Flucht von Bangladesch durch halb Europa nach Tirol. Die Geschichte über eine herzliche Aufnahme in Reith bei Seefeld, über die jahrelange Hoffnung auf ein besseres Leben für seine Kinder, über die Geburt seiner Zwillinge in Tirol. Und über die Abschiebung. Ein Trauma für die ganze Familie, wie Mohammed sagt.

Safi hört aufmerksam zu. Er möchte auch berichten, was an jenem Sonntagmorgen Anfang September passiert ist. Safi spricht einwandfreies Deutsch, mit leichtem Tiroler Einschlag. „Wir haben noch geschlafen, die Polizei hat uns geweckt. Sie haben gesagt, wir müssen nach Wien. Dort waren wir zwei Tage. Dann musste wir ins Flugzeug nach Bangladesch steigen. Dort hat wieder Polizei auf uns gewartet", erzählt Safi. Die Familie steht in Bangladesch vor dem Nichts, kann vorerst bei Bekannten unterkommen.

Der Asylantrag der Familie wurde in zwei Instanzen abgelehnt, damit ist eine Abschiebung legal. Auch wenn die Entscheidung des Höchstgerichts noch aussteht.

Die dreijährigen Zwillinge Abrar (r.) und Ayaan sind in Tirol auf die Welt gekommen.
Die dreijährigen Zwillinge Abrar (r.) und Ayaan sind in Tirol auf die Welt gekommen.
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Mohammed hofft, doch noch nach Tirol zurückkommen zu dürfen. „Das ist unsere Heimat. Meine Kinder sprechen kein Bengali, ihre Sprache ist Deutsch. Zwei meiner Kinder sind in Tirol geboren. Hier haben sie keine Zukunft, keine Bildung. Unser Leben ist zerstört." Österreich, so sagt Mohammed, sei das beste Land der Welt, die Menschen so hilfsbereit. Die Verzweiflung ist dem Mann ins Gesicht geschrieben.

Realistische Chancen auf eine Rückkehr nach Tirol gibt es kaum. Das weiß auch Jacqueline Holzer, die sich jahrelang in Reith um die Familie gekümmert hat und nach wie vor über Internettelefon Kontakt mit ihnen hält. Sie lernt auch regelmäßig mit den Kindern, sie haben derzeit keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen.

Holzer kann nicht nachvollziehen, warum die Familie abgeschoben wurde. „Sie war bestens integriert. Die Kleinen waren im Kindergarten. Die beiden Größeren hatten einen Schulplatz. Wenige Tage vor Schulbeginn kam dann die Polizei", sagt Holzer. Auch für sie ein Schock. „Obwohl wir wussten, dass das passieren kann, erwischte es alle eiskalt."

Mohammed will das Telefonat nicht beenden. Er klammert sich an jede Verbindung nach Tirol. Das Leben in dem Zimmer in Bangladesch ist trist. Untertags ist er unterwegs, um Arbeit zu finden. Bislang erfolglos. Seine Frau Sayla und die vier Kinder sind zum Nichtstun verdammt. Die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, gibt es nicht.

Safi kommt noch mal ins Bild. Um uns zu sagen, wie sehr er den Schnee liebt. Und das Skifahren. Und wie sehr er seine Freunde in Tirol vermisst. Wir sollen sie grüßen.