Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.10.2018


Exklusiv

Gratwanderung bis zum Tod: Über das Sterben in Würde

Bei Todkranken würde von Ärzten oft zu lange zu viel gemacht, meint Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker und setzt auf das neue Ärztegesetz.

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© Universitätsklinik



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Ein Sterben in Würde, ohne Angst, ohne Stress, Schmerz oder Atemnot und nicht allein. Das dürfte der Wunsch vieler, wenn nicht aller Patienten sein. Die Palliativmedizin wolle und könne das leisten. „Dieser Pfad wird aber erst zu spät von Medizinern beschritten, weil sie Zeit ihrer Ausbildung und Zeit ihres Berufslebens auf Heilung getrimmt sind“, sagt Barbara Friesenecker. Sie ist seit 17 Jahren Intensivmedizinerin an der Universitätsklinik Innsbruck und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, kurz ÖGARI.

„Ich habe schon viel gesehen und viel erlebt, was wir mit all dem technischen Schnickschnack anstellen können. Immer alles zu machen, wiegt Ärzte in Sicherheit und kann dennoch für den Patienten das Falsche sein.“

Friesenecker begrüßt daher eine Novelle zum Ärztegesetz, die sich gerade in Begutachtung befindet. Demnach darf ein Arzt Schmerzen und Qualen eines Patienten lindern, auch wenn der Patient dadurch früher sterben könnte. „Das sichert ab, was wir in der Praxis täglich tun, nämlich Symptome zu lindern und Therapieentscheidungen im Interesse des Patientennutzens zu treffen“, sagt Friesenecker. Der Nutzen für den Patienten, nicht leiden zu müssen, wird so über das Risiko eines eventuell früheren Ablebens gestellt.

Im alten Gesetz sei das nicht ausdrücklich formuliert gewesen, nun aber schon. „Es ist kein Therapieziel, dass jemand ein oder zwei Tage länger lebt, dafür aber lausig leben muss“, sagt Friesenecker. Ärzte hätten durch die Novelle mehr Rechtssicherheit. „Manche Patienten leben mit guter Palliativmedizin sogar länger, als wenn bis zur letzten Minute jede therapeutische Option ausgeschöpft wird.“

Die Expertin verweist auf 38 Studien mit 1,2 Millionen Patienten weltweit. Demnach würden in fast 40 Prozent der Fälle Therapien und Behandlungen in den letzten sechs Lebensmonaten angewandt, die für den Patienten nichts mehr brächten. Untersucht wurde das Übertherapieren in den USA, Europa, Kanada, Brasilien, Taiwan, Südkorea und Australien. „In Ländern, wo viel Geld und viel Technik im System sind, wird in vielen Fällen zu viel gemacht“, kritisiert Friesenecker. Bei 33 Prozent der Patienten sind laut Studie nicht sinnvolle, aber sündteure Chemotherapien noch in den letzten sechs Lebenswochen zum Einsatz gekommen. 38 Prozent der Schwerstkranken hätten Herzkatheter, Darmbehandlungen und Antibiotika verabreicht bekommen. An 30 Prozent ist eine Nierenwäsche durchgeführt worden, 28 Prozent wurden reanimiert. Alles umsonst, wie sich im Nachhinein herausstellte. „Zu viel zu machen, heißt, eine Körperverletzung zu begehen“, sagt Friesenecker.

Die letzten Lebensmonate stellen Patienten und Angehörige vor große Belastungen und quälende Fragen. „Der Angehörige muss nicht über Leben und Tod entscheiden, aber sagen, was für ein Leben die Oma gewollt hätte, was in ihrem Sinne wäre.“ Die Führungsrolle bei solchen Gesprächen und Situationen liege beim Arzt. Der müsse entscheiden, ob eine Operation oder Chemotherapie gemacht werde oder nicht. „Die große Frage ist, ob es ein Therapieziel gibt. Kommt der Patient noch einmal von der Intensivstation weg in sein voriges Leben oder nicht?“ Der Patient müsse der Behandlung zustimmen oder sie ablehnen. „Es gibt auch das Recht auf Unvernunft.“

Es sind drei Gesetzesgrundlagen, die bereits novelliert oder gerade in Begutachtung sind, die das Lebensende betreffen. Neben dem Ärztegesetz gilt seit Juni das neue Erwachsenenschutzgesetz, und das Patientenverfügungsgesetz wird gerade neu geregelt (siehe Kasten). Die Ärztin empfiehlt, eine nicht verbindliche Patientenverfügung und dazu eine Vorsorgevollmacht einzurichten. Also jemanden zu benennen, der im Ernstfall entscheiden könne, ob die vorgeschlagene Therapie im Sinne des Patienten wäre, wenn dieser nicht mehr für sich selbst sprechen kann.

Künftig soll die Patientenverfügung statt bisher fünf acht Jahre gelten und es ist angedacht, sie in der Elektronischen Gesundheitsakte ELGA zu vermerken. Die Rechtslage ist derzeit, dass der Patient bzw. dessen Angehöriger die Patientenverfügung dem Arzt übergeben muss. Es ist eine Bringschuld, anders als bei der Organentnahme. Jeder ist Organspender, außer er erklärt explizit, dass keine Organe entnommen werden dürfen. Bei der Patientenverfügung gibt es bisher noch kein Register.

Für Friesenecker ist eines ganz klar: „Das Ziel ist, am Ende des Lebens in Würde leben und auch sterben zu können und nicht auf der Intensivstation oder in einem Altenheim dahinzusiechen.“ Die Intensivmedizinerin sieht großen Nachholbedarf. Es gebe auf allen Seiten eine Scheu, über das Lebensende zu sprechen. Ärzte würden in ihrer Ausbildung zu wenig auf solche Dialoge und Entscheidungen vorbereitet und mehrheitlich auf Heilung getrimmt. „Für Ärzte ist es das Schwerste, etwas nicht zu machen“, sagt die Medizinerin.

156 verbindliche Patientenverfügungen

Innsbruck — Bei der Patientenanwaltschaft in Innsbruck hält sich die Zahl der verbindlichen Patientenverfügungen über die Jahre auf sehr niedrigem Niveau. 2016 waren es 181, letztes Jahr 180 und heuer sind es bis dato 156. „Die große Mehrheit sorgt nicht vor, was im Ernstfall an Behandlungen erwünscht ist und was nicht", meint Patientenanwalt Birger Rudisch. Er rät, über das Sterben nachzudenken und die Angehörigen zu informieren. „Sonst tut der Arzt, was er für richtig hält." Ärzte seien nicht verpflichtet, nachzuforschen, ob es eine Patientenverfügung gebe oder nicht.

„Die größtmögliche Privatautonomie ist die Vorsorgevollmacht", sagt Rudisch. Also jemanden, im besten Fall gleich mehrere zu benennen, die im Ernstfall wissen, was zu tun ist. Mehrere zu informieren mache deshalb Sinn, „weil dann der Wille des Patienten klarer ist". Nur ein Eingeweihter könne vor dem Problem stehen, Verwandte überzeugen zu müssen. „Eine Rechtsunsicherheit bleibt, ob der Bevollmächtigte im Ernstfall auch da ist." Eine Vorsorgevollmacht kann bei einem Notar erstellt werden.

Patientenverfügungen macht die Patientenanwaltschaft gratis. Rechtlich sind sie kompliziert. „Als gesunder Mensch ist es schwierig, zu antizipieren, was bei einem Tumor oder Schlaganfall von Ärzten zu tun oder zu unterlassen ist", sagt Rudisch. (aheu)