Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Buch

Herz für Kinder: Wenn eine Tanne Hilfe braucht

35 Jahre lang hat Beate Troyer als Sozialarbeiterin Kindern in Notsituationen geholfen. Jetzt hat sie ein Buch verfasst, das Pflegefamilien helfen soll.

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© Foto TT / Rudy De Moor



Von Evelin Stark

Thaur — An einem idyllischen Waldstück wächst ein kleines Tannenbäumchen heran. Es steht eng bei seiner Mutter, die es sehr liebt. Diese verschließt sich aber immer mehr, wird depressiv und vernachlässigt ihr Kind. Ein Eichhörnchen bemerkt das immer trauriger werdende Bäumchen und erzählt den anderen Waldbewohnern davon.

Troyers Buch „Das Pflegebäumchen“ (Limbus Verlag, 16 Euro) soll Kindern in Not helfen.
Troyers Buch „Das Pflegebäumchen“ (Limbus Verlag, 16 Euro) soll Kindern in Not helfen.
- Foto TT / Rudy De Moor

„Das Eichhörnchen ist eines von insgesamt sieben Tieren in der Geschichte. Sie repräsentieren die verschiedenen Stufen, die es in vielen Fällen braucht, bis ein Kind in die Fremdbetreuung kommt", sagt Beate Troyer. Die 60-Jährige hat 35 Jahre lang im Innsbrucker Jugendamt gearbeitet, wo sie Kindern aus schwierigen Situationen geholfen und sie in Pflegefamilien untergebracht hat. Das Thema lässt die Wahl-Thaurerin aber auch in ihrer Pension nicht los, weshalb sie es in das Buch „Das Pflegebäumchen" gepackt hat.

„Fremdunterbringung ist sehr negativ besetzt. Deshalb war es mir wichtig, eine Geschichte zu schreiben, die Verständnis weckt für die Situation von Pflegekindern, aber auch für die abgebende Mutter", so die diplomierte Sozialarbeiterin. Das Buch solle die Eltern und Kinder begleiten und erklären, warum es für ihr Umfeld wichtig ist, hinzuschauen und nicht weg.

Sie habe sich dabei bewusst dafür entschieden, die Geschichte nicht mit Menschen als Hauptfiguren, sondern in ein Wald-Märchen verpackt zu erzählen, so Troyer weiter. „Wenn ich die Geschichte mit Menschen gemacht hätte, wäre es zu nah an den eigenen Geschichten der Pflegekinder und -eltern", erklärt Troyer. Ihr kleines Tannenbäumchen landet nach viel Einsatz der Waldtiere bis hin zum Förster schlussendlich bei einer Familie von Apfelbäumen. Es ist hier zwar fremd, aber es hat ein Zuhause.

Die Geschichte des „Pflegebäumchens" ist die Geschichte vieler Kinder in Tirol. Im Jahr 2016 lebten laut Statistik Austria 845 Kinder fremduntergebracht, einige davon in Pflegefamilien. Die Gründe sind vielfältig — von körperlicher Misshandlung und Gewalt in der Familie bis hin zu einer depressiven Erkrankung der Eltern.

Auch Troyer selbst hat in den 35 Jahren ihrer Arbeit im Jugendamt der Stadt Innsbruck einigen Kindern in die Fremdunterbringung geholfen. „Ich habe vieles gesehen und erlebt. Es ist ein besonders schwerer Schritt für Eltern, ihr Kind loszulassen und einzusehen, dass es besser ist, wenn es in eine andere Familie kommt", erzählt Troyer.

Die ehemalige Sozialarbeiterin Beate Troyer hat ein Herz für Kinder, besonders für die in Not.
Die ehemalige Sozialarbeiterin Beate Troyer hat ein Herz für Kinder, besonders für die in Not.
- Foto TT / Rudy De Moor

„Gleichzeitig sind die Pflegeeltern oft so überbemüht, dass es schwierig sein kann für das Kind." Am besten wäre es, wenn sie in der ersten Zeit psychologische Begleitung zur Seite gestellt bekämen, um den Übergang so gut wie möglich zu gestalten, sagt die Autorin. Ihr Buch vom „Pflegebäumchen" könne hier vielleicht helfen.

Die Illustrationen des Tiroler Künstlers Hubert Flattinger machen das Büchlein mit dem ernsten Thema zu einer leichteren Kost für die kleinen und großen Leser. „Bei unserem ersten Treffen hat er gleich gemerkt, wie sehr mir das Thema am Herzen liegt, und hat sich genau angehört, worum es geht", beschreibt sie Flattingers Herangehensweise. Herausgekommen seien ausdrucksstarke Bilder, die ihrer Geschichte zusätzliche Kraft und Farbe verleihen.

Das Buch ist vor wenigen Wochen erschienen und erfreut sich bereits großer Nachfrage. Der Bedarf an einem Werk zu diesem Thema scheint eindeutig vorhanden zu sein. „Mir ist dabei besonders wichtig, dass die Menschen verstehen, dass das Pflegekindsein nicht unbedingt ein schweres Schicksal sein muss", sagt Troyer. Das Ende ihrer Geschichte ist jedenfalls ein schönes: Das Tannenbäumchen wächst glücklich inmitten der Apfelbäume auf. Und auch Mama Tannenbaum winkt ihrem Kind am Ende in Liebe zu.