Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 31.10.2018


Sterben in Würde

Sterben in Würde: „Man isst nicht mehr, weil man stirbt“

Für Angehörige ist es sehr schwer, wenn Patienten nicht mehr essen oder trinken wollen. Man könne doch nicht jemanden verhungern oder verdursten lassen, so der Vorwurf, den Ärzte und Pfleger entkräften müssen.

© iStock(Symbolfoto)



Von Anita Heubacher

Innsbruck — In den letzten drei bis vier Wochen vor ihrem Tod habe die alte Dame die Nahrung abgelehnt. Immer, wenn ein Pfleger den Löffel zu ihrem Mund geführt habe, hat die Frau den Kopf geschüttelt und ihn zur Seite gedreht. Die Angehörigen hätten jedoch das Gefühl gehabt, die alte Dame müsse essen. Bei jedem Besuch hätten sie die Frau gefüttert, nach jedem Besuch hätten die Pfleger die Nahrung wieder aus den Wangentaschen herausholen müssen.

TT-Chat

Am Mittwoch stellte sich Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker im TT.com-Chat den Fragen der Leser zum Thema "Sterben in Würde".

„Die Angehörigen haben uns vorgeworfen, die Frau verhungern und verdursten zu lassen und wollten rechtliche Schritte einleiten", erzählt Simone Pfefferle. Sie ist Pflegedienstleiterin in einem Pflegeheim in Nassereith mit 56 Betten. Das Heim war das erste Haus in Tirol, das an einem österreichweiten Projekt teilgenommen und sich intensiv mit Palliativmedizin auseinandergesetzt hat. Die Angehörigen klagten nicht, die Herausforderungen des würdevollen Sterbens sind geblieben.

„Die Ernährung ist ein besonders heikles Thema", sagt Pfefferle. Es sei den Angehörigen kaum zu vermitteln, dass jemand aufhöre, zu essen und zu trinken. „Ein Mensch stirbt nicht, weil er nicht mehr isst, sondern isst nicht mehr, weil er stirbt." Diesen Leitsatz versuche das Pflegepersonal den Angehörigen zu vermitteln und weiterzugeben. „Am Ende braucht der Körper keine Nahrung mehr", erzählt Pfefferle und verweist auf die Menschen, die im Heim in Nassereith beim Sterben begleitet wurden. „Das trifft auf alle zu, unabhängig davon, ob jemand an Demenz erkrankt ist oder nicht."

Inzwischen habe die Palliativmedizin in den Altenheimen Einzug gehalten. Bis vor ein paar Jahren habe man den im Sterben Liegenden in Pflegeheimen noch subkutan Infusionen gegeben. „Mehr, damit die Angehörigen sehen, es wird was gemacht. Genützt hat das dem Patienten nicht." Noch etwas habe sich im Vergleich zu früher geändert, erzählt die Pflegedienstleiterin. „Im Spital wurde früher recht schnell eine Ernährungssonde gesetzt, das ist heute anders." Eine Sonde bekämen nur Patienten, die noch „recht gut beisammen" seien, alte, multimorbide Menschen jedoch nicht. Pfefferle verweist auf Studien. „Ernährungssonden belasten viel mehr, als dass sie etwas bringen, wenn der Körper die Nährstoffe gar nicht mehr aufnehmen kann." All das werde in einem Vorsorgedialog rechtzeitig mit dem Betroffenen, den Angehörigen, Ärzten und Pflegern besprochen, „um vorbereit zu sein auf eine schwere Zeit".

Zur großen psychischen Belastung kommen rechtliche Fragen dazu. Wie sich absichern als Betroffener oder als Angehöriger? Patientenanwalt Birger Rudisch rät zu einer Patientenverfügung oder einer Vorsorgevollmacht, um klarzustellen, dass man keine Zwangsernährung wolle.

„Für das Pflegepersonal oder die Angehörigen kann es auch ein Dilemma sein, wenn der Patient verfügt hat, nicht mehr ernährt werden zu wollen", sagt Rudisch. „Zuzusehen, wie jemand sich vermeintlich etwas Schlechtes tut, ist schwer." Insbesondere bei der immer größer werdenden Zahl an Demenzkranken stelle sich dann die Frage, ob der Patient richtig entschieden habe. Auf ein Urteil des Oberlandesgerichts München verweist Barbara Friesenecker (siehe unten). Sie ist seit 17 Jahren Intensivmedizinerin an der Klinik Innsbruck und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, kurz ÖGARI. Sie hatte am Sonntag in der TT zum Thema Sterben in Würde Stellung bezogen. Die Palliativmedizin komme zu spät zum Einsatz, weil Ärzte auf Heilung getrimmt seien, hatte sie gemeint.

Bei der Ernährung von Schwerstkranken laufe in Spitälern und Altenheimen sehr viel falsch, sagt Friesenecker. „Wenn der Patient nicht mehr essen und trinken will, soll und muss das beachtet werden. Dann soll man ihn mit ,Medizin' in Ruhe lassen." Verhungern und Verdursten seien Urängste und würden tiefe Emotionen hervorrufen. Der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit sei aber ein Teil des natürlichen Sterbeprozesses. „Der Wille des Patienten ist zu respektieren."

Friesenecker hält ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in der Medizin. „Wir sind oft keine Ärzte mehr, sondern Medizinmechaniker und uns fehlt oft der Mut, Entscheidungen zu treffen."

Zu lange am Leben erhalten, Arzt verurteilt

Das Oberlandesgericht in München verurteilte im Dezember 2017 einen Arzt auf Schadenersatz, weil er einen Patienten zu lange am Leben erhalten hatte. Geklagt hatte der Sohn des Patienten.

Der Patient war todkrank und schwer dement. Sein Hausarzt hielt ihn ohne Aussicht auf Besserung mit einer Ernährungssonde am Leben. Der Sohn verlangte 150.000 Euro Schadenersatz für die Leiden seines Vaters und die Behandlungskosten. Sein Vater sei nur noch verkrampft im Pflegebett gelegen und habe schwer gelitten, sagte der Sohn. Der Arzt erklärte, er habe nach dem Grundsatz „Im Zweifel für das Leben" gehandelt.

Das Oberlandesgericht sah in der Weiterbehandlung einen Behandlungsfehler. Die Lebensverlängerung könne für einen Patienten einen Schaden im Rechtssinne darstellen, meinte das Gericht. Der Anwalt des Sohnes sagte laut Legal Tribune Online, der Fall zeige „die traurige Realität in der Breite der Altenpflege. Ohne nachzudenken, wird immer einfach weiterbehandelt."

Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg hat einen Palliativ- und Hospizschwerpunkt gesetzt und das Angebot in Tirol ausgebaut. Palliativmedizin kümmert sich um die Linderung der Leiden eines Patienten. Der Name rührt vom lateinischen Wort „palliare", was so viel meint wie „mit einem Mantel umhüllen" oder „schützen". (aheu)