Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.11.2018


Gesundheit

Nahrungsergänzungsmittel: Die Dosis macht das Gift

In der Regel helfen Nahrungsergänzungsmittel zwar nicht viel, schaden aber auch nicht. Von deren wahllosem Konsum raten Ärzte und Diätologen jedoch ab.

© Getty Images/iStockphotoNahrungsergänzungsmittel sind in aller Munde. Eingenommen werden sollten sie jedoch nur nach tatsächlichem Bedarf, eingehender Untersuchung und fachlicher Beratung.Fotos: iStock



Von Gabriela Stockklauser

Innsbruck – Es gibt sie überall: In der Apotheke, im Supermarkt, in der Drogerie und sogar an der Tankstelle kann man sie kaufen. Besonders beliebt ist das Bestellen via Internet: Denn dort kriegt man sie alle! Das ganze bunte Sortiment auf einen Klick. Von A wie Ascorbinsäure, bekannter als Vitamin C, bis Z wie Zink. Vitamine, Spurenelemente, Antioxidantien und Mineralstoffe in Hülle und Fülle. Als Pille, als Shake, als Booster, zum Löffeln oder als Ampulle: Nahrungsergänzungsmittel.

„In Zeiten, in denen suggeriert wird, dass unsere Lebensmittel nicht ausreichend Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente enthalten – was nicht stimmt –, hoffen viele auf schnelle Abhilfe durch Nahrungsergänzungsmittel“, weiß Andrea Tichy, Diätologin der Landessanitätsdirektion Tirol. Versprechen tun sie viel: Nicht nur ein Mehr an Gesundheit sollen sie spenden, auch Wohlbefinden, Vitalität, Ausstrahlung und sogar ein längeres Leben. Sie können anscheinend entgiften, Falten reduzieren, die Serotoninausschüttung fördern und damit glücklicher machen, den Stoffwechsel anregen, die Fettverbrennung sowieso und sogar Krebserkrankungen vorbeugen. Was aber ist tatsächlich dran an den Verheißungen der Nahrungszusätze? Von Nebenwirkungen, Überdosierungen und den Schattenseiten der Nahrungsergänzungsmittel wird nämlich kaum einmal gesprochen. Auch nicht von den satten Gewinnen deren Hersteller.

„Fakt ist, dass wir uns noch nie so gut und abwechslungsreich ernähren konnten wie heute. Eine ausgewogene Kost enthält alles, was der Körper benötigt. Außerdem ist der Ausgleich einer Fehlernährung durch frei verkäufliche Nahrungszusätze ohnehin nicht möglich. Meine Empfehlung: Gemüse, Salat und Obst in den Speiseplan einbauen“, sagt Tichy.

Auch die Innsbrucker Diätologin Karin Ratschiller rät vom ziellosen Konsum der Nahrungsergänzungsmittel ab: „Nahrungsergänzungsmittel sind nicht kennzeichnungspflichtig, unterliegen nicht dem Medikamentengesetz. Produzenten können nach Belieben mischen und mixen, der Endverbraucher hat kaum Kontrolle über Dosis und Wirkung.“ Daher sollten nur Menschen mit besonderen Bedürfnissen – etwa bei Erkrankungen oder eingeschränkter Lebensmittelauswahl – einen Mangel an Makro- und Mikronährstoffen ausgleichen. Aber nur nach medizinischer und fachlicher Untersuchung und Beratung.

Dabei sei die gefahrloseste Folge beliebiger Einnahme, dass sich auch nach längerer Zeit keine maßgebliche Verbesserung von Gesundheitszustand oder Wohlbefinden einstellen würden, so Ratschiller. Schwerwiegender seien deutliche Unverträglichkeitsreaktionen, etwa gegen diverse Füllstoffe, die den Kapseln beigemischt sind. Aber auch zu Ablagerungen in der Niere nach zu hohem Konsum von Vitamin C kann es kommen. „Die Auswirkungen einer Überdosierung treten nicht akut, sondern in der Regel schleichend auf“, weiß Karin Ratschiller.

Achtung! Muster

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) gelten rechtlich als Lebensmittel, unterliegen deshalb dem Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG).

Die Ernährungszusätze sind keine Medikamente, dürfen auch nicht diesen irreführenden Eindruck vermitteln. Sie dienen weder der Heilung noch der Linderung oder Verhütung von Erkrankungen. Sie unterliegen weder dem Arzneimittelgesetz noch den strengen Prüfungskriterien.

Werbung für NEM darf nicht den Eindruck erwecken, dass bei normaler Ernährung Nährstoffdefizite entstehen würden. Sie darf zudem keine kosmetischen Anwendungsempfehlungen enthalten. NEM müssen exakte Inhalts- und Mengenangaben aufführen.

Weitere Nebenwirkungen reichen von Durchfällen bis zu juckenden Hautreaktionen. Gefährlich können die Folgen aus der übermäßigen Einnahme von Kaliumpräparaten sein. Kalium ist ein wesentliches Element u. a. im Funktionssystem des Herzens. Nicht nur bei Kaliummangel, sondern auch bei einem Überschuss kann das Herz schnell einmal aus dem Takt geraten. Daher rät die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit AGES: „Für die gesunde Durchschnittsbevölkerung ist der Verzehr von Nahrungsergänzungsmitteln aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht notwendig!“

„Jedoch kann in bestimmten Lebensphasen eine vorübergehende Einnahme Sinn machen, z. B. die Folsäuregabe bei Frauen mit Kinderwunsch, Vitamin- und Mineralstoffkombinationen bei schwangeren Frauen oder bestimmte Präparate für Hochleistungssportler. Die Absprache mit dem Arzt ist in jedem Fall zu empfehlen“, weiß Andrea Tichy.

Den Menschen ist also nicht immer geholfen mit den frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln – auch wenn sie sich selbst damit lediglich Gutes tun wollen. Wem jedenfalls geholfen ist durch die epidemische Verbreitung der scheinbar gesunden Mittelchen, sind deren Hersteller. Im Jahr 2017 lag der Umsatz allein in Österreich bei satten 100 Millionen Euro.