Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.11.2018


Bezirk Kufstein

Am Berg spielt Geschlecht (k)eine Rolle

Als zwei von nur sieben weiblichen Bergrettern im Bezirk Kufstein beweisen sich Judith Kirchner und Saskia Held in einer männerdominierten Welt. Herausforderungen liegen nicht nur in den sportlichen Anforderungen.

© HrdinaJudith Kirchner (l.) und Saskia Held helfen als Bergretterinnen in alpinen Notlagen.



Von Jasmine Hrdina

Kufstein, Kramsach – Sie arbeiten in schwindelerregenden Höhen und entlang tiefer Abgründe – und wagen sich dabei in eine Männerdomäne vor: Judith Kirchner und Saskia Held sind zwei von insgesamt sieben weiblichen Bergrettern im Bezirk Kufstein. Gemeinsam mit ihren 216 männlichen Kollegen helfen sie Menschen in alpinen Notlagen – und leisten dabei Freiwilligenarbeit, die neben extremer körperlicher Fitness auch mentale Kraft erfordert.

„Man muss ganz schön stark sein, um diesen Job machen zu können“, meint die 33-jährige Kirchner, spricht dabei aber nicht von den sportlichen Herausforderungen im alpinen Gelände. Vielmehr schildert die Krams­acherin, wie es ist, mit den Angehörigen verunglückter Sportler zu sprechen. Denn auch das sei Aufgabe eines Bergretters – eine, die ihre männlichen Kollegen nur allzu gern an die Retterin abgeben, sagt Kirchner.

Stereotype Rollenverteilung zwischen dem „starken“ und dem „schwachen“ Geschlecht? „Es gibt auch Männer, die lieber nur die Einsatzmappe tragen“, schmunzelt die Kramsacherin. Auch Kollegin Held von der Ortsstelle Kufstein pflichtet dem bei: „Jeder wird entsprechend seinen Stärken eingesetzt, unabhängig vom Geschlecht.“ Klettern, Skifahren, Bergen, medizinisches Versorgen, Organisation, persönliche Gespräche – das Aufgabengebiet eines Bergretters ist breit gesteckt, „daher muss auch die Mannschaft vielfältig sein“, führt Kirchner aus. Außerdem ändere moderne Technologie die Spielregeln. „Früher musste man sich beim Tragen eines 100-Meter-Seils schon abwechseln. Heute sind die so leicht, dass ich ein dreimal so langes Seil auch alleine tragen kann“, sagt Held.

Seit 2001 werden weibliche Mitglieder bei der Bergrettung aufgenommen – doch auch 17 Jahre später sind Frauen im Verein immer noch eine Ausnahme (siehe rechts). Gut aufgehoben fühlen sich die beiden trotzdem. Auch wenn man laut Held „mit dem Schmäh der Männer umgehen können muss“.

Nach 14 Jahren im Dienste der bayerischen Bergwacht stieß die 45-jährige Deutsche 2015 zur Tiroler Bergrettung. Ihr Geschlecht stand damals nicht zur Diskussion, erinnert sie sich. Vielmehr wunderten sich die Tiroler, dass sich ausgerechnet eine Deutsch­e in der Tiroler Bergwelt zurechtfinden wolle. „Kannst du denn überhaupt Ski fahren?“, fällt der ehemaligen Fachübungsleiterin für Skihochtouren dazu die plumpe Frage beim Aufnahmeverfahren ein.

Über lange Zeiträume waren Held und Kirchner die einzigen Frauen in ihrer Ortsstelle – was manchmal ungewohnt war. In der Unterkunft im Jamtal – dort werden die Retter in mehrtägigen Kursen ausgebildet – hatte es bis letztes Jahr keine eigenen Sanitärbereiche für Frauen gegeben. Mit Zetteln an der Tür wurden etwa die Duschkabinen temporär zur männerfreien Zone erklärt. „Die Männer haben uns immer den Vortritt gelassen“, berichtet Kirchner, seit 2006 Mitglied in der Ortsstelle Kramsach. „Außerdem ist man es vom Berggehen ja gewohnt, wenn Unterkünfte etwas rudimentär ausgestattet sind“, so Held. Der Großteil der Erfahrungen in der männerdominierten Welt der Bergretter sei positiv, betonen beide. Zwischen den Worten lässt sich aber heraushören: Die Anerkennung weiblicher Bergretter ist auch eine Generationenfrage. „Je mehr ich altgedienten Kollegen mit Respekt begegne, desto mehr erhalte ich auch retour“, formuliert es Kirchner vorsichtig. Ob sie sich mehr weibliche Unterstützung im Verein wünschen würden? „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir unbedingt mehr Frauen brauchen“, sagt Held. Bedarf habe man an jungen Anwärtern, die Engagement und Zeit mitbringen – und dafür spiele das Geschlecht keine Rolle.

Bergretterinnen bleiben Ausnahme

Auf Tirols Gipfeln trifft man in der Freizeit zwar viele Frauen, doch nur wenige von ihnen tragen das Wappen der Bergrettung an ihrer Uniform. 3171 aktive Mitglieder zählt der freiwillige Verein derzeit landesweit, nur 192 von ihnen sind weiblich. Das sind gerade einmal sechs Prozent.

Seit 17 Jahren werden Bergretterinnen in Tirol ausgebildet — bis 2001 war der Einsatz am Berg reine Männersache. Tirol war damit das letzte Bundesland Österreichs, das diesen Schritt der Gleichberechtigung — begleitet von heftigen Diskussionen — wagte.

Die Erfahrungen bei Aufnahme von Frauen seien „durchwegs positiv", meint der Landesleiter der Tiroler Bergrettung, Hermann Spiegl. „Leider hat sich die Bergrettung Tirol am Beginn der diesbezüglichen Diskussion nicht gerade mit Ruhm geschmückt, was uns noch immer ein wenig nachhinkt", fügt Spiegl bedauernd an.

Viele Ortsstellen sind auch heute noch ausschließlich mit Männern besetzt. „Die größte Hemmschwelle besteht nach unserer Einschätzung für die erste Frau. Ist erst einmal eine dabei, geht es üblicherweise flotter voran", führt Spiegl aus.

Angesichts der steigenden Zahl an Teilnehmerinnen in der Ausbildung sehe man aber eine positive Entwicklung: Immerhin sind von 529 Anwärtern 83 weiblich, das entspricht knapp 15 Prozent.

Generell üben aber mehr Männer als Frauen anspruchsvolle alpine Sportarten aus — dies spiegle sich dann auch in der demografischen Bilanz der Bergrettung in Tirol wider, ist man bei der Landesleitung überzeugt.




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