Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.11.2018


Tirol

In Tirol fehlen 35 Zahnärzte: Die Lücke bezahlt der Patient

In Tirol fehlt es an Kassenzahnärzten. 35 von 228 Kassenstellen sind unbesetzt, Tendenz steigend. Viele Leistungen deckt die Kasse gar nicht oder nur mit geringen Honorarsätzen. Draufzahlen tut der Patient.

© iStockphotoEin Kassenarzt bekommt für das Ziehen eines Zahnes samt örtlicher Betäubung 18,20 Euro. Wahlärzte sind bei der Honorargestaltung frei.Foto: iStock



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Auch nach dem Besuch beim Zahnarzt bleibt vielen Patienten beim Anblick der Rechnung der Mund offen stehen. 260 Euro für Mundhygiene, Röntgen und Kontrolle beim Wahlarzt, 50 Euro Rückerstattung von der Tiroler Gebietskrankenkasse. 50 Euro sind 80 Prozent des Honorars, das die Kasse dem Kassenzahnarzt zahlen würde. 260 Euro richten sich nach den empfohlenen Honorarsätzen der Zahnärztekammer.

Die Lücke zahlt der Patient. Zähne sind in Österreich ein teurer Spaß, das stellte der Bundesrechnungshof im April dieses Jahres fest. Aus dem Bericht ging hervor, dass die Österreicher mehr als die Hälfte der Leistungen aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. Mit Stand 2014 waren es laut Rechnungshof exakt 926,1 Millionen Euro von insgesamt 1,815 Milliarden Euro, die privat bezahlt wurden, basierend auf den Einkommenssteuerdaten der Zahnärzte. Nicht eingerechnet ist, was ohne Rechnung beglichen wurde oder ins Ausland geflossen ist.

So wie der Rechnungshof kommen auch Tiroler Gebietskrankenkasse und Tiroler Zahnärztekammer zum Schluss: Die Verträge für Zahnmedizin müssen dringend überarbeitet werden. Es hapert nicht nur an der Höhe der Honorare, sondern auch daran, welche Leistungen von den Krankenkassen überhaupt bezahlt werden.

Die Lücke zwischen Wahl- und Kassenarzt, die der Patient auszugleichen hat, ist deshalb groß, weil der Gesamtvertrag für die Zahnärzte aus 1957 stammt. 1992 sei er überarbeitet worden, erzählt der Präsident der Tiroler Zahnärztekammer, Wolfgang Kopp. „Die Tarife sind zu niedrig und die Kassenleistungen hinken der modernen Zahnheilkunde hinterher.“

Rund 400 Zahnärzte ordinieren in Tirol, 133 davon sind Frauen. 228 Kassenarztstellen sind vorgesehen, 35 sind derzeit unbesetzt. 2018 sind laut TGKK elf Kassenzahnarztstellen nachbesetzt worden. Für die offenen Stellen in Telfs, Seefeld und Abfaltersbach gebe es Bewerbungen, sagt TGKK-Direktor Arno Melitopulos. Weniger Kassenärzte bedeuten für die Patienten längere Wartezeiten und, falls sie auf einen Wahlarzt ausweichen, höhere Kosten.

Kassenzahnärzte können sowohl mit der Kasse als auch mit den Patienten direkt abrechnen. Eine weiße Füllung vorne zahlt beispielsweise die Kasse, die hinten nicht. „Das ist der Grund, warum bis dato das System funktioniert hat: Die privaten Zahlungen haben die Kassenleistungen querfinanziert“, sagt Kopp. Der Patient zahlt zweimal. Einmal Sozialversicherung und einmal Privathonorar.

Künftig könnte sich das Angebot an Kassenzahnärzten weiter verknappen. 25 Prozent der Ärzte sind mehr als 60 Jahre alt. In Tirol sind 59 Zahnärzte zwischen 61 und 65 Jahren, weitere 40 Ärzte sind über 65 Jahre alt. „Die Ärzte, die nachkommen, haben eine ganz andere Work-Life-Balance“, sagt Kopp. Heutzutage werde die Zahnarztausbildung mit 24 Jahren abgeschlossen. „Da stehen große Investitionen für eine Zahnarztpraxis an. Vom Studenten zum Unternehmer – das schaffen viele nicht.“

Zu allem Überfluss fällt bald die Quotenregelung bei der Zahnarztausbildung. Derzeit sind 75 Prozent der Studienplätze Österreichern vorbehalten, nach 2019 ist das Geschichte. Deutsche Studenten könnten die Uni regelrecht stürmen. „Wir bilden dann Zahnärzte für Deutschland aus“, sagt Kopp.

Zahnärztekammer und Gebietskrankenkasse fordern schon seit Langem, bei den Honorarsätzen nachzuschärfen, Job-Sharing-Modelle leichter zu ermöglichen und Lehrpraxen einzurichten. „Da sehe ich derzeit schwarz“, meint Kopp. Der Hauptverband habe kein Ohr dafür, meint er.