Letztes Update am Mo, 05.11.2018 15:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


40 Jahre Zwentendorf

Ein hauchdünnes Nein vor 40 Jahren: Wo steht Atomenergie heute?

Zum Atomkraftwerk Zwentendorf fand heute vor 40 Jahren die erste Volksabstimmung der Zweiten Republik statt: Mit 50,5 Prozent Nein-Stimmen ging es nicht in Betrieb. Für „Sonnenkanzler“ Kreisky war das eine große Niederlage, für die Grün-Bewegung die Geburtsstunde. Heute macht Atomenergie weltweit immer noch zehn Prozent aus.

© APA/FohringerAm 5. November 1978 entschied sich die Mehrheit der Österreicher gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf.



Zwentendorf – Die ablehnende Haltung gegenüber Atomkraft ist in Österreich mittlerweile einzementiert – das war allerdings nicht immer so. Vor 40 Jahren, am 5. November 1978, sprach sich bei der ersten Volksabstimmung der Zweiten Republik nur eine hauchdünne Mehrheit von 50,5 Prozent gegen das AKW Zwentendorf aus. Politisch war dies eine Niederlage für Kanzler Bruno Kreisky, aber auch die Geburtsstunde der Grün-Bewegung.

1978 fertig gebaut, aber nie in Betrieb

Der Startschuss für das österreichische Nuklearprogramm fiel noch im August 1969, als unter der ÖVP-Alleinregierung das „Strahlenschutzgesetz“ beschlossen wurde. Im März 1972 wurde Zwentendorf, rund 30 Kilometer vor Wien, als Standort für das erste heimische Atomkraftwerk genehmigt. Ein zweites AKW im oberösterreichischen St. Pantaleon war in Planung. Das 1978 fertiggestellte AKW Zwentendorf kostete sieben Mrd. Schilling (nicht inflationsangepasst ca. 509 Millionen Euro) – doch es sollte nie in Betrieb gehen.

Von Anfang an gab es Widerstand gegen die Pläne. Bei den Protestmärschen formierte sich auch erstmals die Grünbewegung: Eine der schärfsten Kritikerinnen war Freda Meissner-Blau, die schließlich acht Jahre später die erste Klubchefin der Grünen im Parlament wurde. Freilich gab es nicht nur Atom-Gegner in der Bevölkerung, im Gegenteil: In Umfragen sprach sich die eine Hälfte für, die andere gegen die Nutzung von Atomenergie aus. SPÖ-“Sonnenkanzler“ Kreisky teilte gegen die Kernkraft-Gegner ordentlich aus: „Ich habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen.“

Und obwohl die mit absoluter Mehrheit regierende SPÖ die Inbetriebnahme des AKW auch im Alleingang hätte beschließen können, ließ Kreisky eine Volksabstimmung ausrufen. Einerseits wollte er mit einem positiven Ausgang die Entscheidung auf eine möglichst breite Basis stellen, andererseits wollte er die Diskussion vor den Nationalratswahlen 1979 vom Tisch haben. Am Höhepunkt seiner Popularität verknüpfte Kreisky wenige Tage vor der Abstimmung sogar seine persönliche Zukunft mit dem Ausgang des Plebiszits. Ein taktischer Fehler, denn das Junktim des SPÖ-Kanzlers dürfte den einen oder anderen ÖVP-Wähler zum „Nein“-Kreuzerl bewogen haben.

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Umfragen signalisierten Pro-Mehrheit vor Abstimmung

Zwar signalisierten die Umfragen vor der Volksabstimmung eine leichte Pro-Mehrheit, es kam aber ganz knapp anders: Am 5. November stimmten 1,576.709 Österreicher für die Atomkraft, 1,606.777 votierten dagegen – die Gegner lagen mit nur 30.068 Stimmen vorne.

Kreisky sprach danach von einer „persönlichen Niederlage“, die Parteigremien konnten den Kanzler aber zum Weitermachen überreden und er blieb im Amt. „Kann ich mich auch nicht aufhängen, hab ich gesagt. Dann gibt‘s halt ein Kraftwerk nicht“, erklärte er seinen „Rücktritt vom Rücktritt“. Bei der Wahl im Mai 1979 erreichte die SPÖ unter Kreisky dennoch mit 51 Prozent ihr historisch bestes Ergebnis.

Nur ein paar Wochen nach der Volksabstimmung, am 15. Dezember, beschloss der Nationalrat mit dem „Atomsperrgesetz“ ein Verbot der Stromerzeugung aus Kernenergie in Österreich. Eine Zeit lang gab es immer wieder Vorstöße, das Nein zur Atomkraft zu überdenken, doch spätestens mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 war das Thema in Österreich erledigt. Das bedeutet freilich nicht, dass Österreich frei von Atomstrom ist: Greenpeace geht davon aus, dass aufgrund von Importen noch immer mindestens zehn Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken stammen.

AKW Zwentendorf heute Besuchermagnet

Das 40 Jahre alte Atomkraftwerk steht indes immer noch. Es hat 1050 Räume, kein einziges Fenster, hinter eineinhalb Meter Stahlbeton fehlt fast durchgehend auch der Handyempfang. Dennoch ist das AKW Zwentendorf Anziehungspunkt für bis zu 15.000 Besucher jährlich. Anstelle von Kernspaltungen finden im Gebäude neben Führungen vor allem Rückbautrainings für Experten statt.

Vor nunmehr 13 Jahren erwarb die EVN, Niederösterreichs größter Strom-, Gas- und Wärmeversorger, das damals noch zu 50 Prozent im Besitz des Verbund stehende Gebäude komplett. „Über Jahre war das ein Ort, an dem alles gescheitert ist, was überlegt wurde“, sagte Unternehmenssprecher Stefan Zach im Hinblick auf die Zeit nach dem Nein zum AKW bei der Volksabstimmung am 5. November 1978. In den Überlegungen der EVN spielte vor allem die Umgebung des niemals ans Netz gegangenen Reaktors eine große Rolle. Rund 24 Hektar seien dort inmitten des Augebiets als Kraftwerksgelände gewidmet und gelten in den Planungen des Energieversorgers laut Zach als Reservestandort. Gedacht werde dabei hauptsächlich in Richtung erneuerbarer Energien.

Die Anlage selbst dient seit 2015 als internationales Rückbautrainingszentrum für Kerntechniker. Diese könnten im Bezirk Tulln den stufenweisen Abbau eines AKW in einem gefahrlosen, strahlungsfeien Umfeld, sozusagen im Trockenen, trainieren, so Zach. Zwentendorf sei ein „1:1-Übungsmodell“, das in dieser Form auch eine Zukunft habe – potenzielle Trainingskandidaten seien genug vorhanden: „Es gibt 36 ähnliche Siedewasserreaktoren in Europa“, hielt Zach fest.

Auch auf erneuerbare Energien setzt die EVN in Zwentendorf bereits seit 2009. Auf dem Dach sowie auf der Außenfassade wurden Photovoltaik-Anlagen angebracht, diese wurden vor sechs Jahren erweitert. Sehr positive Rückmeldungen erhalte das Unternehmen nach Publikums-Führungen durch den Reaktor, die seit 2010 angeboten werden. Mehrmals pro Woche wird den Besuchern „ein Stück österreichischer Zeitgeschichte“ nähergebracht, erläuterte Zach.

Auch Filmlocation und Expertentreff

Das AKW Zwentendorf habe sich mittlerweile auch als Filmlocation einen Namen gemacht, sagte der EVN-Sprecher und verwies auf mehrere Spielfilmstreifen und Dokumentationen. Zudem würden Modeshootings und Firmenveranstaltungen im historischen Gebäude abgehalten. Zach: „Wir hatten auch schon Autopräsentationen in der Turbinenhalle“.

Immer größerer Beliebtheit erfreut sich das von der Independent Event GmbH veranstaltete „Shutdown“-Musikfestival am AKW-Gelände, das bei seiner zweiten Auflage im Jahr 2018 laut dem Unternehmenssprecher 10.000 Besucher verzeichnete. „Diese Veranstaltung, die uns eine große Freude macht, wird es auch in den nächsten Jahren geben.“

So sieht es im Inneren des AKWs Zwentendorf heute aus.
- Micha Pawlitzki

Die jährlichen Betriebskosten für den zweckentfremdeten Meiler liegen nach Angaben von Zach bei 350.000 bis 500.000 Euro. Dank Erträgen aus den diversen Aktivitäten stehe bereits seit etlichen Jahren am Ende „eine schwarze Null“.

EVN wiederholt Volksabstimmung

Zum Jahrestag der Abstimmung ruft der EVN als heutiger Betreiber der Anlage zu einer „Wiederholung“ der Abstimmung auf, wie Zach in einer Aussendung mitteilte. Bis Montag um 17 Uhr kann online erneut über den „Gesetzesbeschluß des Nationalrates vom 7. Juli 1978 über die friedliche Nutzung der Kernenergie in Österreich“ abgestimmt werden. Die Frage, wie die Abstimmung heute ausgehen würde, werde bei Führungen durch die Anlage immer wieder gestellt. Das Ergebnis sei zwar nicht bindend, aber „interessant alle Mal“, so Zach.

Zur heutigen Abstimmung:

Das Ergebnis von damals werde laut Peter Traupmann von der Austrian Energy Agency mit den Entwicklungen seither bestätigt. Heute bestehe ein breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens in Österreich darüber, dass Kernenergienutzung keine nachhaltige, sichere Art der Stromerzeugung darstellt. Das Thema sei aber mehr denn je auf der Agenda ganz oben: „Diesmal geht es um unser Klima und es braucht einen massiven Wandel, wenn wir die spürbaren Änderungen eindämmen wollen.“ Für Traupmann sollte auch fossile Energie in Zukunft ein „No Go“ für Österreich sein, auch wenn die Herausforderungen auf diesem Weg beträchtlich sind, wie das Beispiel Strom zeigt: Laut der Klima- und Energiestrategie #mission2030 soll im Jahr 2030 in Österreich mindestens gleich viel Strom aus erneuerbaren Energieträgern erzeugt werden, wie insgesamt verbraucht wird. Um die dann benötigten 88 TWh aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen, muss etwa der Anteil von Wind und Photovoltaik von heute 12 Prozent (6,1 TWh) auf 42 Prozent (36,7 TWh) gesteigert werden.

Entwicklung der Kernkraft in Europa

In den 1950iger Jahren hatte der Vorsitzende der U.S. Atomic Energy Commission, Lewis L. Strauss, noch angenommen, dass Atomstromproduktion „too cheap to meter“, also „zu günstig, um sie überhaupt zu messen und zu verrechnen“, sein werde. Es wurden große Hoffnungen in diese Technologie gesetzt. Auch Österreich wollte den „Eintritt in das Zeitalter der Kernenergie“ schaffen (so ein damaliger Werbefilm). In der Energieplanung der 1970iger Jahre waren in Summe drei Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 3.300 MW vorgesehen, die nach dem Nein der Österreicher zur Atomkraft nie realisiert wurden. In elf der heutigen Mitgliedstaaten der EU-28 wurden bereits damals AKWs betrieben: Belgien, Bulgarien, Deutschland (damals noch knapp vor Frankreich), Spanien, Frankreich, Niederlande, in der damaligen Tschechoslowakei, Italien, Finnland, Schweden und Großbritannien. Die Erzeugung betrug allerdings nur etwa 20 Prozent der Produktion des Jahres 2016, damit konnten neun Prozent des Stromverbrauchs gedeckt werden. Seit 1987 erzeugt Italien keinen Atomstrom mehr. In den 1980er Jahren wurden aber weitere Anlagen in Litauen, Tschechien, Slowenien und Ungarn errichtet. 1996 wurde in Cernavodă (Rumänien) ein neues AKW in Betrieb genommen, 1998 das Kernkraftwerk Mochovce (Slowakei) und 2002 Temelin (Tschechien). Damit betreiben heute 14 der 28 EU-Mitgliedstaaten Kernkraftwerke.

Der Anteil von Atomstrom im Strommix der EU-28 lag im Jahr 2016 bei 26 Prozent, das bedeutet Platz Zwei hinter den Erneuerbaren mit 30 Prozent. Auf Kohle entfielen 22 Prozent, auf Gas 19 Prozent und auf andere fossile Energieträger 3 Prozent. Im Jahr 2014 wurde in der EU-28 erstmals mehr Strom aus Erneuerbaren als aus Kernenergie erzeugt.

Auf Frankreich entfielen im Jahr 2016 48 Prozent (403 TWh) der EU-Stromerzeugung aus Kernkraftwerken, gefolgt von Deutschland (10 Prozent), Großbritannien (8,5 Prozent), Schweden (7,5 Prozent) und Spanien (7 Prozent). Diese fünf Länder kommen zusammen auf 81 Prozent der AK-Erzeugung in der EU.

Zwischen 1990 und 2004 stieg die EU-Stromerzeugung aus AKWs um 27 Prozent, danach fiel sie bis 2016 um 17 Prozent. Hauptverantwortlich dafür waren die Schließung des litauischen AKW Ignalina im Jahr 2009 sowie der Atomausstieg Deutschlands, der bis 2022 abgeschlossen sein soll.

Atomenergie weltweit: Zehn Prozent des Stroms

Nicht wesentlich anders als in Europa liegen die Fakten für die USA. Das hat auch die von Energieminister Rick Perry im Jahr 2017 ausgegebene Devise „Make Nuclear Energy Cool Again“ nicht geändert. Die Stromerzeugung der AKWs, die 2016 in etwa auf dem Niveau des Erzeugungsparks der EU-28 lag, stagniert. Das durchschnittliche Alter der insgesamt 99 Reaktoren liegt bei 37 Jahren, seit mehr als 20 Jahren wurde kein neues AKW in Betrieb genommen und nur zwei Reaktoren sind im Bau.

Die Zukunftshoffnungen der Atomindustrie reduzieren sich daher weltweit auf drei Länder. Das lässt sich anhand der Anzahl der Reaktoren, die sich im Bau befinden, nachvollziehen: China mit 18, Indien und Russland mit jeweils 7. Auf diese drei Staaten entfallen 55 Prozent der 59 im Bau befindlichen Projekte, wobei in der Statistik der International Atomic Energy Agency (IAEA) der Baubeginn teilweise jahrzehntelang zurückliegt (beispielsweise für zwei AKWs in der Ukraine 1986/87, damals Teil der UdSSR).

In der gesamten Stromerzeugung weltweit machte Atomenergie im Jahr 2017 laut der IAEA rund zehn Prozent der gesamten Stromerzeugung weltweit aus. Derzeit sind 455 Atomreaktoren mit etwa 400 GW Kapazität im Netz. In Nord-, West- und Südeuropa könnte die Produktionskapazität bis 2030 um bis zu 30 Prozent sinken, so die IAEA. In Osteuropa dürfte die Kapazität in den kommenden zwei Jahrzehnten hingegen gleich bleiben oder sogar um bis zu 30 Prozent steigen. Laut dem aktuellen „Renewables 2018 Global Status Report“ (GSR 2018) beträgt der Anteil von Nuklearenergie am gesamten weltweiten Energieverbrauch 2,2 Prozent, fossile Energien machen ganze 79,5 Prozent aus. (TT.com/APA)