Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.11.2018


Innsbruck

Erinnerung an die Hetzjagd gegen Innsbrucks Juden

Die Pogromnacht gegen jüdische Innsbrucker jährt sich zum 80. Mal. Ein Hörabend gibt Einblick in eine Geschichte von Gewalt und Schweigen.

© Archiv Horst SchreiberHeinz Mayer (M.), hier Ende der 1920er-Jahre vor dem Geschäft seines Vaters Ludwig (l.) in der Innsbrucker Fuggergasse, erinnerte sich 1991 in einem langen Interview an die Pogromnacht von 1938.



Innsbruck – Am Freitag jährt sich die Pogromnacht in Innsbruck zum 80. Mal. Bei der gezielten Hetzjagd gegen Innsbrucker Jüdinnen und Juden wurden vier Menschen ermordet, Familien brutal niedergeschlagen, Geschäfte und Wohnungen zerstört und die Synagoge verwüstet.

Augenzeuge der organisierten Gewalt war Heinz Maye­r (1917–1999): Er erlebte die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bereits als Häftling im Polizeigefangenenhaus Innsbruck. Dort hörte und sah er, wie jüdische Innsbrucker ins Gefängnis „nicht eingeliefert, sondern eingeprügelt“ wurden.

Schon seit März 1938 hatte er die systematischen Maßnahmen zur Eigentumsentziehung und Schädigung von jüdischen Wirtschaftstreibenden hautnah miterlebt: Denn auch das Geschäft seines – später in Auschwitz ermordeten – Vaters Ludwig für Feuerbekämpfungsartikel in der Innsbrucker Fuggergasse war rasch ins Visier der Ariseure geraten. Der Katholik Heinz Mayer, der gemäß den Nürnberger Rassegesetzen zum „Halbjuden“ gemacht wurde, war bereits im Ständestaat gegen die NSDAP aufgetreten und nach dem „Anschluss“ an der Gründung einer der ersten Widerstandsorganisationen in Tirol beteiligt gewesen.

Das Geschäft seines Vaters wurde „arisiert“ und geschleift, um Platz für den Neubau des „Gauhauses“ zu schaffen. Durch die NS-Politik gezielt mittellos gemacht, wurde Heinz Mayer zur Zwangsarbeit „dienstverpflichtet“, im „Arbeitserziehungslager“ Reichenau inhaftiert und 1943 ins KZ Buchenwald deportiert.

Er überlebte das Grauen schwer gezeichnet, kehrte nach der Befreiung nach Tirol zurück und begann sich sofort in der Vertretung von Opfern des Nationalsozialismus zu engagieren. 1991 erinnerte er sich in einem langen Interview mit Matthias Breit, dem heutigen Leiter des Gemeindemuseums Absam, und dessen Vater Bert Breit an die Pogromnacht. „Es ist eine Geschichte der Ignoranz gegenüber den Opfern und der Nichtverfolgung der Täter, der juristischen Winkelzüge und Ausweichmanöver“, bilanziert Matthias Breit. Dabei war die Pogromnacht in Innsbruck im Bezug zur Einwohnerzahl der Stadt eine der brutalsten im ganzen Deutschen Reich – und kaltblütig vorbereitet: So hatte Arisierungskommissar Hermann Duxneuner eine Liste jener Wohnungen und Geschäfte bereitgestellt, die in der Pogromnacht überfallen wurden. Polizei und Feuerwehr hatten Anweisung, nicht einzuschreiten. Zugleich zeige Mayers Bericht auch, „dass es in der Zweiten Republik verabsäumt wurde, Überlebende wieder nach Österreich einzuladen“, sagt Breit.

Ausschnitte aus dem Interview (begleitet von Musik von Hermann Leopoldi) sind am Freitag unweit jenes Standorts zu hören, wo sich früher das Geschäft der Familie Mayer befand – jeweils um 18, 19, 20 und 21 Uhr im Café Crema am Durchgang von der Maria-Theresien-Straße zum Landhausplatz. Da dort nur je 20 Sitzplätze zur Verfügung stehen, wird um Platzreservierung unter Tel. 0676/840532700 gebeten. An Heinz Mayer erinnert heute eine Gedenktafel beim Waldhüttl am Mentlberg. Eine solche wäre aber auch zentral in der Innsbrucker Innenstadt angebracht, regt Breit an.

Apropos: SP-Stadträtin Elisabeth Mayr bringt in der Gemeinderatssitzung kommende Woche zwei Anträge zum Thema ein. Dabei sollen so genannte Stolpersteine in der Stadt angebracht werden, um an die Opfer zu erinnern. „Wir denken, dass wir mit vier Stolpersteinen, die sichtbare Plaketten sein sollen, beginnen könnten. Zum Gedenken an die Todesopfer damals.“ Dies soll in Abstimmung mit Experten und der Israelitischen Kultusgemeinde geschehen. Mayr regt auch ein Denkmal für die Opfer der Wehrmachtsjustiz an. (md, mw)