Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Exklusiv

Geniale Sonderlinge sind eine Modeerscheinung

Fernsehserien haben autistische Figuren für sich entdeckt – ein zwiespältiger Trend. Die Autismustage Tirol klären über die Störung auf.

Die Hauptfigur von „The Good Doctor“ ist ein Arzt mit autistischen Zügen.

© ORF/Sony Pictures/ABCDie Hauptfigur von „The Good Doctor“ ist ein Arzt mit autistischen Zügen.



Von Evelin Stark

Innsbruck – In der letzten Zeit beschäftigen sich immer mehr Fernsehproduktionen mit Autismus. Die Serie „The Good Doctor“ (immer montagabends in ORF eins) porträtiert zum Beispiel einen autistischen und hochbegabten jungen Arzt, dessen diagnostischer Scharfsinn seiner sozialen Hilflosigkeit gegenübersteht. In „Die Brücke“ (ZDF) löst eine Kommissarin, die an Asperger-Autismus leidet, knifflige Kriminalfälle. „Atypical“ (Netflix) zeigt wiederum einen autistischen Teenager als ausgezeichneten Schüler.

Eine so komplexe Behinderung wie den Autismus glaubhaft und realistisch darzustellen, ist schwierig, und sie glückt auch nicht immer. Das Paradebeispiel, der Film „Rain Man“ (1988) über den Sonderling Raymond, der Zahnstocher zählt und sich weigert zu fliegen, ist mit ein Grund, weshalb viele verfälschte Bilder über autistische Menschen entstehen konnten. Raymond ist nämlich nicht Autist, sondern er weist eine Inselbegabung auf – was bei Autismus zwar häufig vorkommt, aber an sich kein Autismus-Symptom ist.

„Ich finde es grundsätzlich gut, dass Autismus vermehrt in den Medien vorkommt, denn dadurch werden die Menschen für das Thema sensibilisiert“, sagt Susanne Windisch. Sie ist Sonderkindergartenpädagogin, Mototherapeutin und Psychologin. Gleichzeitig könne damit aber auch einhergehen, dass Autismus – ähnlich wie ADHS – zu einer Art Modeerscheinung wird. Und dass erneut Klischees entstehen, die das Bild verzerren.

„Autismus ist im Grunde eine Ansammlung von Symp­tomen. Die Diagnose erfolgt so, dass eine gewisse Zahl dieser Symptome vorhanden sein muss, um den Stempel ,Autist‘ zu bekommen. Hat man eines weniger, ist man keiner“, erklärt sie. Autismus zeichnet sich durch Probleme im sozialen Bereich, in der Kommunikation, sich wiederholenden Verhaltensweisen und einer veränderten Reizverarbeitung aus. Häufig wird noch zwischen frühkindlichem, atypischem sowie Asperger-Autismus unterschieden. Inzwischen wird der Sammelbegriff der „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) bevorzugt.

„Wir sagen lieber ,Autismus-Spektrum-Lebensstärken‘. Die Betroffenen nehmen ihre Situation nämlich nicht als Störung wahr, sondern sie sprechen von einer ,anderen Wahrnehmung‘“, sagt Ellen Mayr-Vons. Sie ist Obfrau der Autistenhilfe Tirol und Mutter eines autistischen Sohnes. Aus Erfahrung weiß sie, dass die Förderung und Unterstützung für diese Menschen wichtig sind.

Auch beim Berufseinstieg braucht es Hilfe. Der wird für Menschen mit ASS in Tirol durch das fördernde Begleitprogramm „Job-Fit für Menschen mit Autismus-Spektrum“ des Innsbrucker Bildungsanbieters Innovia unterstützt. „Job-Fit“ umfasst den gesamten Begleitprozess der Berufsausbildung zum IT-Experten – bis hin zum Einstieg in den Arbeitsmarkt.

„Die Plätze sind hier allerdings begrenzt und viel zu wenige“, sagt Mayr-Vons. Das ist mit ein Grund, weshalb die Autistenhilfe jedes Jahr die Autismustage Tirol veranstaltet. Die Tagung, die heuer von 16. bis 18. November in der UMIT Hall (Eduard-Wallnöfer-Zentrum 1) stattfindet, steht unter dem Motto „Stärken im Vordergrund“. Sie bietet die Möglichkeit, neue Erkenntnisse der Forschung, aber auch technische Fortschritte kennen zu lernen, die die Kommunikation und den Berufseinstieg erleichtern.

Plätze gibt es noch für den Vortrag „Autismus und Intensive Frühinterventionen als Chance für mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität für Kinder mit Autismus-Spektrum-Lebensbedingungen“ von Hanns Rüdiger Röttgers (16.11., 19 Uhr). Anmeldung: ellen@autistenhilfe-tirol.at.


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