Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Bezirk Schwaz

Kletterer schlagen Alarm: Bouldergebiet im Zillergrund bedroht

Die Granitbrocken im Zillergrund sind heiß begehrt. Die Boulderer wollen sie ebenso wie eine Baufirma. Der Blockstein-Abbau könnte bald das beliebte Klettergebiet „Wald“ inmitten der Natur verschlucken.

© Thomas LindingerDas Kletter- und Bouldergebiet im Zillergrund wird oftmals auch „Zauberwald“ genannt und zieht Kletterer aus aller Welt an.



Von Eva-Maria Fankhauser

Brandberg – Nadelbäume ragen in die Höhe. Moos bedeckt den Boden. Zwischen all dem Grün stechen große Felsbrocken hervor. Natur pur. Das ist es, was unzählige Kletterer und Boulderer aus nah und fern in den so genannten „Wald“ im Zillergrund lockt. Doch wie lange noch?

In unmittelbarer Nähe zum Klettergebiet liegt der Blockstein-Abbau der Firma Hollaus Bau. Dieser soll erweitert werden. Die Verhandlung dazu findet nächste Woche statt. „Wenn das so bei der Behörde durchgeht, dann käme das ganze Bouldergebiet weg“, sagt Markus Schwaiger vom Österreichischen Alpenverein, Abteilung Sportklettern. Mit über 180 Blöcken und mehr als 320 verzeichneten Boulderrouten zählt der Zillergrund Wald zu den größten Klettergebieten Österreichs. „Es ist ein besonderes Gebiet, das durch den Abbau unwiederbringlich zerstört würde“, sagt Schwaiger. Parteistellung hat der Alpenverein keine.

Laut Markus Gasser vom Umweltreferat der BH Schwaz hole man ein Gutachten eines Sportsachverständigen des Landes Tirols ein. Mehr könne er dazu vor der Verhandlung noch nicht sagen.

„Das ist ein absoluter Wahnsinn“, sagt Paul Steger von der AV-Sektion Zillertal. Laut ihm entspricht die derzeitige Fläche für die Gesteinse­ntnahme jener von knapp fünf Fußballfeldern. „Mit der Erweiterungsfläche wäre es doppelt so viel“, sagt er. Er kann nicht nachvollziehen, wie das Land Tirol noch im Sommer die Werbetrommel für Zillertaler Klettergebiete rührte und nun „Naturzerstörer“ werken lässt.

LHStv. Josef Geisler wollte zum laufenden Verfahren keine Stellungnahme abgeben.

Kletterer Gerhard Hörhager ist entsetzt: „Es geht ja nicht nur ums Klettern dort, sondern auch um die unberührte Naturlandschaft.“ Das Gebiet wird vielfach als „Zauberwald“ bezeichnet. Er hat bereits unzählige der Gesteinsbrocken erklettert und will das Bouldergebiet unbedingt erhalten. „Solche Natursteine wachsen nicht wie Schwammerln aus dem Boden“, sagt Hörhager. Das sieht auch Anna Stöhr so. Sie zählt zu den Weltbesten in der Wettkampfdisziplin Bouldern und kennt den Zillergrund Wald seit ihrer Jugend. „Dieses Gebiet sollte für künftige Generationen erhalten werden. Es ist ein besonderer Platz, der nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird“, so Stöhr. Zudem sei die Qualität der Granitsteine für Kletterer ideal. „Es gibt nicht viele solche Plätze auf der Welt.“

Viele Kletterer verstehen das Ansuchen auf Erweiterung nicht. Vor allem, da der Blockstein-Abbau noch für weitere 13 Jahre genehmigt ist.

Das habe laut Friedrich Hollaus einen einfachen Grund: Die Erweiterung wird für eine Wegnutzung benötigt, um den derzeitigen Bestand etappenweise von oben nach unten weiter abzubauen. „Das geht auch ohne Erweiterung, ist aber wesentlich schwieriger“, sagt Hollaus. Er habe Verständnis für die Kletterer und habe bisher im guten Einvernehmen mit ihnen zusammengearbeitet, aber „es gibt sicher auch andere Plätze für sie“. Hollaus betont, dass es in Tirol einen Rohstoffmangel gebe. „Wenn eine Katastrophe wie in Osttirol passiert, dann muss ich gerichtet sein“, erklärt er. Auch für Lawinenschutzzwecke, Ufersicherungen oder Wassereinbauten werden die Granitsteine gebraucht. „Man wird sicher eine Lösung mit den Kletterern finden.“

Als Grundbesitzer verweisen die Österreichischen Bundesforste auf ein Kletterkonzept mit AV, Land Tirol und Hochgebirgsnaturpark Zillertaler Alpen. Heuer seien bereits vier neue Klettergebiete auf Bundesforst-Flächen dazugekommen. Man wolle den Sport lenken und die Natur schonen. Konkret heißt es in einer Stellungnahme: „Vom Erweiterungsansuchen der Firma Hollaus ist keine der offiziellen Routen betroffen.“

Reinhold Scherer kann nur noch den Kopf schütteln. Er hat den Klettersport in Tirol geprägt wie wenige sonst. „Ich verstehe nicht, dass da keiner aufschreit – etwa vom Tourismus. Alle steigen auf die Kletterschiene auf, aber im selben Atemzug werden Steine abgebaut“, sagt er. Im Zillertal würde wohl noch immer die Wertschätzung gegenüber dieser Sportart fehlen. „Bei der Kletter-Weltmeisterschaft war die internationale Elite hier. Die kennen alle den Zillergrund Wald und trainieren gerne dort. Die werden große Augen machen, wenn dort plötzlich nichts mehr ist“, sagt Scherer.