Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.11.2018


Exklusiv

„Die Kunden sollten wissen, wer das Trinkgeld bekommt“

Trinkgeld ist Trinkgeld? Nein, im Handel wird mit Rückgeld anders umgegangen als in der Gastronomie. Nicht überall bekommen die Mitarbeiter dieses Geld. Die AK Tirol will klare Verhältnisse. Insgesamt ändert sich mit der bargeldlosen Zahlung die Trinkgeld-Kultur.

© iStockphotoEgal, ob wenige Cent oder mehrere Euro ? ist Rückgeld, das der Kunde an der Kassa hinterlässt, als Trinkgeld zu werten oder nicht? Darüber scheiden sich die Meinungen.



Von Liane Pircher

Innsbruck – „Passt schon!“ oder „Stimmt so!“ – Sätze, die Kunden mitunter auch im Supermarkt oder beim Bäcker an der Kassa schnell über die Lippen kommen. Anders als in der Gastro handelt es sich meist „nur“ um ein paar Cent und selten um einen Euro oder mehr. Trotzdem scheint jeder Betrieb damit anders umzugehen. Nicht überall gehört dieses Geld den Mitarbeitern, teils landet es in der Tageslosung und damit beim Unternehmen.

Uneinigkeit bezüglich der Einbehaltung von Rückgeld – ob Trinkgeld oder nicht – gab es zuletzt etwa zwischen der AK Tirol und der heimischen Supermarktkette MPreis, die gegenüber ihren Kassakräften die Annahme von Trinkgeld verbietet. Stellungnahme war bis Redaktionsschluss dazu keine einholbar. Auch wenn es sich nur um wenige Cent von Kupfermünzen handle, ist es aus Sicht des AK-Präsidenten immer eine persönliche Schenkung des Kunden, um die es sich handelt: „Man kann hier nicht einfach von Rückgeld ausgehen, das zufällig zurückbleibt, aus unserer Sicht handelt es sich hier um Trinkgeld, also eine Schenkung des Kunden an die Kassiererin“, sagt dazu AK-Präsident Erwin Zangerl.

Rechtlich gesehen könne ein Betrieb gegenüber seinen Mitarbeitern allerdings durchaus ein Trinkgeldverbot, also die Annahme von Trinkgeld, aussprechen, stellt AK-Jurist Thomas Radner fest. Dies wird auch in einigen Betrieben so gehandhabt, so heißt es etwa seitens der Pressesprecherin der Hofer-Kette: „Für alle Hofer-Mitarbeiter gilt, dass etwaige Geschenke nicht angenommen werden dürfen.“

Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann erklärt hingegen: „In unseren Filialen gelangt Extrageld in eine Gemeinschaftsbox und damit machen die Mitarbeiter der jeweiligen Filiale etwas, beispielsweise gemeinsam essen gehen.“ Die meisten Firmen, die ein Trinkgeldverbot aussprechen, argumentieren damit, dass es sich nicht um Trinkgeld, sondern vielmehr um Cent-Beträge handle, die der Kunde zurücklässt, um den Kassavorgang schneller abzuwickeln.

Laut dem AK-Experten ist es in jedem Fall unzulässig, wenn sich das Unternehmen das Geld behält, da man grundsätzlich nicht davon ausgehen kann, dass der Kunde dem Unternehmen das Geld schenken will. Anders verhält es sich, wenn ein Unternehmen eine Spendenbox für das Restgeld aufstelle: „Dann gelangt das Geld ja nie direkt in Besitz der Kassiererin. Am besten wäre es, wenn ein Unternehmen eine möglichst hohe Transparenz nach außen abgibt, was mit diesem Geld passiert“, so Radner.

Mittels Spende regelt etwa die Rewe-Gruppe die Sache mit dem Rückgeld, das Kunden an der Kassa hinterlassen. Viele wollen ihre Geldtasche einfach nicht prall gefüllt mit kleinen Kupfer-Centmünzen haben. Auch dort dürfen Mitarbeiter kein Geld annehmen. Stattdessen gibt es die Aktion „Aufrunder bewirken Wunder“, die mit der Caritas in den Handelsfirmen Billa, Merkur, Penny und Bipa läuft. „Wir stehen momentan bei über 910.000 Euro seit Einführung vor etwa fünf Jahren, dieses Geld kommt sozialen Projekten zugute“, erklärt Rewe-Pressesprecher Paul Pötschacher. Aufgrund dieser Initiative komme es tatsächlich sehr selten vor, dass Geld – das nicht über den regulären Verkauf lukriert wurde – über bleibe. Bleibt dennoch Geld zurück, wird es allerdings auch hier, wie bei Hofer und MPreis, nicht als Trinkgeld für die jeweilige Kassiererin gewertet.

Generell, so Branchensprecher Martin Wetsche­r, spiele Trinkgeld im Handel eine sehr untergeordnete Rolle: „Anders als in der Gastronomie gibt es hier im Handel keine Trinkgeld-Kultur“, sagt er. Dass sich mit Zunahme des bargeldlosen Zahlens und der fortschreitenden Digitalisierung (Registrierkassa) insgesamt die Trinkgeld-Kultur zum Schlechteren verändert, ist bis dato übrigens ein Mythos bzw. kann dies keiner aus der Branche bestätigen. Untersuchungen dazu stellten bis dato auch nur Kartenanbieter wie Mastercard an. Zahlen belegen, dass die deutliche Mehrheit der Gäste (83,9 Prozent) selbst mit Karte auch Trinkgeld gibt und so ein freundliches Service würdigt. Viele Bankomatkassen haben zudem eine Trinkgeldfunktion, bei der das Trinkgeld eingegeben werden kann. Auf jedem Rechnungsbeleg sowie auf der Gesamtabrechnung sind der jeweilige Tagesumsatz und die Trinkgeldsumme extra ausgewiesen. Steuerlich wird das mittels Trinkgeldpauschalen geregelt – digital ist alles offensichtlicher. Trotzdem würden viele Gäste, die mit Karte bezahlen, häufig „extra“ ein wenig Bargeld als Trinkgeld dazulegen, weiß etwa Tirols Hotellerie-Fachgruppen-Chef Mari­o Gerber. In der Gastr­o sei es meist so geregelt, dass im Hotel Trinkgeld in einen Topf für alle Mitarbeiter kommt, im À-la-carte-Bereich kommt das Extrageld meist dem einzelnen Kellner direkt zugute.