Letztes Update am Mi, 21.11.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Der zornige Mann: Journalistin Angelika Hager im Interview

Männer befinden sich nicht erst seit #MeToo in der Krise, sagt Angelika Hager. Was die maskuline Unsicherheit und Unzufriedenheit mit Donald Trump zu tun hat, erklärt die Journalistin in ihrem neuen Buch.

© AFPWer hat Donald Trump gewählt? Sehr viele verunsicherte und zornige Männer, die sich durch ihn gehört fühlen, sagt Angelika Hager.



Frau Hager, in Ihrem neuen Buch „Kerls“ zeichnen Sie anhand von vielen Studien ein eher düsteres Bild vom gegenwärtigen Zustand des männlichen Geschlechts. Was war für Sie die überraschendste Erkenntnis?

Angelika Hager: Was mich am meisten schockiert hat, war die Tatsache, dass sich dreimal so viele Männer umbringen wie Frauen – und, dass diese Zahl seit Jahren relativ stabil ist. Gleichzeitig scheinen Männer in der Statistik mit viel geringeren Depressions- und Angststörungsraten auf. Was sagt uns das? Dass es sich dabei um ein Paradoxon handeln muss, das tödlich sein kann: Männer verdrängen offensichtlich ihre Probleme und Sorgen und empfinden es als unmännlich, Hilfe zu beanspruchen. Viele Männer haben kein Ausdrucksrepertoire für emotionale Dinge.

Seit #MeeToo scheint das starke Geschlecht in der Krise zu sein. Oder wie schätzen Sie diese durch diverse Missbrauchsfälle weltweit ausgelöste Debatte ein?

Hager: Für so wichtig ich die #MeToo-Debatte halte, so irritiert war ich von der Hysterisierung und Eskalation. Was mich störte, war, dass Delikte vermischt wurden – eine anzügliche Mail wurde gleichgesetzt mit einem sexuellen Übergriff oder sogar einer Vergewaltigung. Da wurden Existenzen zerstört, ohne dass es eine Anzeige oder einen Prozess gegeben hat.

Doch Männer befinden sich nicht erst seit #MeToo in der Krise, eigentlich ist das schon seit zehn Jahren Thema. Nur momentan ist ihre Situation prekär. Und viele wissenschaftliche Ergebnisse und Zahlen belegen das.

Sie stellen auch eine Verbindung zwischen dem verunsicherten Mann und der momentanen weltpolitischen Lage her: sprich einerseits den vielen „starken“ Männern, die politisch an der Macht sind und andererseits dem zunehmenden Extremismus. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Hager: Vor einigen Jahren hat der US-Soziologe Michael Kimmel ein Buch mit dem Titel „Angry White Men: Die USA und ihre zornigen Männer“ geschrieben. Darin geht er u. a. auf jene zornigen, weißen, jungen Männer ein, die US-Präsident Donald Trump gewählt haben. Eine solche Entwicklung kann man jetzt in vielen europäischen Ländern beobachten. Männer, die oft aus bildungsschwachen Schichten kommen, denen positive männliche Identifikationsfiguren fehlen, fühlen sich von den traditionellen Großparteien ab- und weggelegt. Dementsprechend enttäuscht und desillusioniert reagieren sie.

Sie sind auch wütend auf die emanzipierten, zunehmend autonomen Frauen, die sie an Bildung überholen. Und sie sind konfrontiert mit der Digitalisierung des Arbeitsmarkts, wo Muskelarbeit zunehmend zu ersetzen sein wird. Die haben nun das Gefühl, dass sich vermeintlich starke Männer – wie Donald Trump oder Viktor Orban – und rechtsextreme Parteien wie die FPÖ oder AfD mit ihren Problemen beschäftigen. In diesen radikalisierten Milieus bekommen sie Anerkennung und Bedeutung, die ihnen im echten Leben verwehrt ist.

Macht Ihnen diese Entwicklung nicht Angst? Und haben nicht auch viele Frauen Trump gewählt?

Hager: Natürlich macht mir diese Entwicklung Angst. Ich glaube, dass es den Männern zur Zeit wirklich nicht gut geht, was ihre Identitätsbestimmung, ihre Positionierung im Leben betrifft. Und wie wir aus der Psychologie wissen, erzeugt Frustration oft Aggression. Erschreckenderweise haben auch viele Frauen Trump gewählt. Weil sie sich offensichtlich ebenfalls nach diesem zornigen, pseudo-virilen Mann sehnen.

Frauen und Männer sollen sich wieder an den Verhandlungstisch setzen, fordern Sie. Um was zu besprechen?

Hager: Wir müssen uns wieder an den Tisch setzen, um den Umgang miteinander zu bestimmen. Zum einen ist es nicht tragbar, dass Frauen für dieselbe Arbeit immer noch weniger bezahlt bekommen – Stichwort Gender Pay Gap. Und nein, der Gender Pay Gap ist kein Mythos: Frauen müssen im Schnitt noch immer für die gleiche Aufgabe um drei Monate länger arbeiten, um dasselbe Geld zu bekommen wie Männer. Solange wir es mit einer derartigen Machtschieflage zu tun haben – auch was die Verantwortung in gehobenen Positionen betrifft oder die Quoten in Aufsichtsräten –, solange werden wir uns an den Verhandlungstisch setzen müssen. Es muss z.B. für Väter selbstverständlich werden, dass sie 50 Prozent der Verantwortung übernehmen. Und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darf in einem Frauenleben kein Entweder-Oder mehr sein.

Aber braucht es nicht auch eine andere Sozialisierung des Mannes?

Hager: Auch das. Beispiel Schule: Es gibt zweimal so viele Sonderschüler wie Sonderschülerinnen. Es brechen 42 Prozent aller männlichen Teenager in der OECD ihre schulische Ausbildung vorzeitig ab. Gleichzeitig ist das ADHS-Syndrom eine durchgängig männliche Problematik. Man muss den Burschen also beibringen, dass ihre Ausbildung etwas Quintessenzielles ist – vor allem in Zeiten wie diesen. Und man muss Unterrichtssysteme bubenfreundlicher gestalten. Das österreichische Schulsystem ist noch sehr traditionell ausgerichtet, mit typisch weiblichen Eigenschaften wie Funktionieren, sich Anpassen. Da tun sich Burschen schwerer.

Sie schreiben seit Jahren u. a. über Frauenthemen, haben Sie nicht oft das Gefühl, dass sich sehr wenig bewegt?

Hager: Bis vor Kurzem war dieses Thema noch frustrierend. Denn die neue Generation von Frauen um die 20 hat gemeint, dass Feminismus ein Unwort ist. Da sind Argumente gefallen wie „Ich brauche das nicht“ oder „Ich kann sowieso alles machen, was ich will“. Junge Frauen, die sagten „Mama, wie du das angegangen bist, möchte ich nicht leben und mich zwischen Job und Familie zerreißen müssen“ und die vermehrt zu Hause bleiben bei den Kindern.

Da sage ich aber dann, passt auf: Denn der Mann, der euch dieses Leben ermöglicht, brennt vielleicht mit fünfzig mit der Yoga-Lehrerin durch. Und wenn man keine Ausbildung oder nur kurz gearbeitet hat, wird man feststellen, dass der Arbeitsmarkt nicht auf Frauen mit Ende 40 wartet.

Paradoxerweise hat sich aber durch Männer, wie etwa den US-Präsidenten Donald Trump, eine neue feministische Bewegung formiert. So sind nach seiner Amtseinführung weltweit Frauen auf die Straße gegangen. Es hat zwar wenig genützt, weil Trump immer noch im Amt ist. Aber es hat eine Bewusstseinsschärfung stattgefunden. Der Begriff Feminismus hat wieder Sex-Appeal bekommen.

Das Interview führte Irene Rapp

Zur Person und zum Buch

Zur Person: Angelika Hager ist eine österreichische Journalistin, sie leitet das Gesellschaftsressort des Nachrichtenmagazins profil. Im Kurier schreibt sie im wöchentlich erscheinenden Samstags-Magazin die Kolumne „Polly Adler".

Zum Buch: „Kerls! Eine Safari durch die männliche Psyche" lautet der Titel des jüngsten Werks von Hager. Darin listet sie u. a. zahlreiche Studienergebnisse auf, die auf eine momentane Krise des Mannes hinweisen, erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau. 2014 erschien ihr Buch „Schneewittchenfieber. Warum der Feminismus auf die Schnauze gefallen ist und uns das Retro-Weibchen beschert hat", ebenfalls im Verlag Kremayr & Scheriau.