Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.11.2018


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Keine Entschädigung: Bissopfer im Stich gelassen

Eine Frau wollte ihren dreibeinigen Gefährten vor der Attacke eines nicht angeleinten, großen Hundes schützen und wurde gebissen. Selbst schuld, heißt es von Seiten der Versicherung.

© iStockZum Davonlaufen: Nach Hundeattacken müssen sich manche Opfer für ihre Reaktion rechtfertigen



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Immer nach Hunde­bissen wird über aggressive Rassen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial diskutiert, einen verpflichtenden Hundeführschein, Maulkorb- und Leinenpflicht. Nachdem in Wien ein Baby nach der Attacke eines Rottweilers starb, ist eine einheitliche Gesetzgebung wieder Thema geworden. Über die Opfer hingegen, die einen Angriff überleben, ihre Verletzungen und die langfristigen beruflichen oder gesundheitlichen Folgen wird nur wenig bekannt. Nun haben sich zwei Frauen mit ihrer Geschichte an das Ombudsteam gewandt, und dabei wird klar: Eine entsprechende Entschädigung ist auch bei schwerwiegenden Folgeerscheinungen nicht selbstverständlich.

Die Physiotherapeutin Natalie Luyten ging mit ihrem kleinen, dreibeinigen Hund Benji auf den Feldern in Zirl spazieren, als ihr ein Paar mit einem nicht angeleinten Schäferhundmischling entgegenkam. In dem Gebiet besteht Leinenpflicht. „Plötzlich lief er auf uns zu und attackierte meinen Hund. Niemand hat etwas dagegen unternommen!“, erzählt die Zirlerin. Benji wiegt nur 13 Kilo und hat zwei Bandscheibenvorfälle mit inkomplettem Querschnitt hinter sich.

„Ich hatte Riesenangst um ihn. Der Schäfer saß mit seinem ganzen Gewicht auf ihm und biss sich an seinem Hals fest. Da griff ich ein.“ Sie fuhr mit der rechten Hand unter ihrem Hund durch und wollte ihn am Brustgurt wegziehen, dabei habe das größere Tier zugeschnappt und ihren Daumen erwischt. „Ich schrie vor Schock“, schildert die 40-Jährige. Da endlich hätten die Besitzer eingegriffen und versucht, ihren Hund wegzuziehen. „Als sie es endlich schafften, spuckte er den abgebissenen Daumen aus.“

In der Klinik machten ihr die Ärzte klar, dass die in einem sauberen Gassisackerl verpackte, etwa eineinhalb Zentimeter große Fingerspitze wegen der Infektionsgefahr nicht angenäht werden könnte. Sie kürzten den Knochen und nähten die Haut darüber zusammen. Seither kämpft die junge Frau um Schmerzensgeld. Die gegnerische Versicherung lehnt die Forderungen zur Gänze ab. Die Begründung: „Offenbar hat eine Fehleinschätzung der Gefährdungssituation ihres Hundes zu einem Fehlverhalten geführt, wodurch sie Verletzungen davongetragen hat.“

„Demnach bin ich also selbst schuld“, sieht sich die selbstständige Physiotherapeutin vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Die Heilung dauerte mehrere Monate, weil der Stumpf nicht zuwuchs. Der Verdienstausfall beträgt 20.000 Euro. Inzwischen arbeitet sie wieder, aber unter Schmerzen, „außerdem fehlt mir die für meine Arbeit wichtige, sensible Daumenspitze“. Die eigene Versicherung erkennt entsprechend der Vorgaben nur zehn Prozent Behinderung an.

Die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) hat eine Daumenprothese genehmigt, „auf dem Selbstbehalt werde ich aber wohl sitzen bleiben“. Jetzt wartet Natalie Luyten auf die Entscheidung ihrer Rechtsschutzversicherung, einen Rechtsstreit zu übernehmen. Stimmt sie zu, geht die Sache vor Gericht. „Ich selbst kann mir ein Verfahren leider nicht leisten!“ Für sie habe sich alles geändert, erzählt die Zirlerin unter Tränen. „Niemand hilft mir“, kritisiert sie auch die Behörden, sie hätten die Sache unter den Tisch gekehrt. Das Ombudsteam versucht nun zu vermitteln. Der Hund – offensichtlich griff er öfters andere Hunde an – soll immer noch herumlaufen.

Der Innsbrucker Rechtsanwalt Christian Winder verweist auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs, der klar erkannt habe, dass der Schutz des eigenen Hundes eine verständliche und auch berechtigte Reaktion sei, sodass kein Mitverschulden vorliege. In dem Fall war eine Hundehalterin von einem frei und ohne Beißkorb laufenden Hund eines anderen angesprungen und umgerissen worden, nachdem sie ihren eigenen, kleineren Vierbeiner in Sicherheit hatte bringen wollen und hochgehoben hatte. Winder: „Allerdings handelt es sich immer um Einzelfall-Entscheidungen, weil jede Situation etwas anders gelagert ist. Eine sichere Prognose, wie ein Urteil vor Gericht ausfällt, ist daher nicht möglich.“

Der Jurist vertrat jene Frau vor Gericht, die trotz Fahrverbots zu einem Bauernhof fuhr, um zu fragen, ob sie Löwenzahn sammeln dürfe. Nachdem sie ausgestiegen war, wurde sie vom Hofhund angefallen, dabei erlitt sie Bissverletzungen im Gesicht und schwere Prellungen. Der Hundehalter wurde vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen, der Hund vom Amtstierarzt als nicht aggressiv eingestuft. Das Zivilverfahren endete mit einem Vergleich, der Frau wurden 16.000 statt der geforderten 22.000 Euro zugesprochen. Die Begründung: Die 65-Jährige treffe eine Mitschuld wegen unbefugten Betretens des Hofs. Weil es schon vorher einen Vorfall mit einer Zeitungszustellerin gegeben hat, ist sie der Meinung, ihr Fall sei nicht richtig beurteilt worden.

Laut Josef Kössler, Leiter der Landesveterinärdirektion, ist es nicht einfach einzuschätzen, ob ein Hund auffällig ist oder nicht. „Das hängt immer auch vom Besitzer ab, wie er mit seinem Hund umgeht.“ In Zukunft werde es deshalb darum gehen müssen, auch das Herrchen zu beurteilen.