Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 25.11.2018


Innsbruck

Ein Kunstprojekt gegen die Bestrafung Armer in Innsbruck

© privatFiguren aus Holz stellvertretend für vertriebene Obdachlose aus dem öffentlichen Raum: Mit dieser Aktion kritisieren die Bettellobby Tirol und der Verein für Obdachlose die aktuelle Politik.



Bereits wenige Tage nach Eröffnung (die TT berichtete) ist die Winternotschlafstelle des Roten Kreuzes schon nahezu voll belegt. Die Einrichtung in der Amraser Straße ergänzt jene der Tiroler Sozialen Dienst­e (TSD) am Schusterbergweg und bietet akut wohnungslosen Frauen und Männern insgesamt 25 Schlafplätze. Hier stehen ihnen nicht nur ein Bett und sanitäre Einrichtungen zur Verfügung, sie bekommen auch ein­e warme Mahlzeit und haben die Möglichkeit, mit Sozialarbeitern ins Gespräch zu kommen. Auch die TSD-Notschlafstelle Schusterbergweg ist ziemlich ausgelastet. Verstärkt unterwegs sind auch die Streetworker des Vereines für Obdachlose: „Wir ziehen abends unser­e Runden und schauen, wer in der Kälte unsere Hilfe braucht. Wir verteilen auch Schlafsäcke an Obdachlose", sagt Street­worker Franz Wallentin. Fakt sei, so Wallentin, dass immer mehr Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose obdachlos auf der Straße landen: „Es fällt auf, dass diese Zahl steigt. Viele mit psychiatrischen Problemen fallen aus sämtlichen Netzwerken." Abseits der angebotenen Hilfseinrichtung werden der Verein für Obdachlose und die Bettellobby Tirol nicht müde, insgesamt darauf hinzuweisen, dass bettelnde und arme Menschen in Innsbruck vermehrt mit Strafen konfrontiert sind und auch zunehmend aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden. Ungestraftes Betteln sei in Innsbruck kaum mehr möglich.

Mit einer neuen Kunst-Aktion namens „Armut bestraft" soll das auch für die Bevölkerung sichtbar werden — verteilt über die ganze Stadt, werden dazu in der Vorweihnachtszeit Figuren aus Holz plaziert, die zeigen sollen, dass vor allem aus dem Innenstadt arme Menschen zunehmend verdrängt werden bzw. worden sind.

„Die Bestrafung der bettelnden Menschen hat zurzeit einen Höhepunkt ereicht", so die Initiatoren. So werde zum Beispiel ein „Bitte" für ein Essen, schnell als „aggressives Betteln" von der Polizei gewertet wird: „In der Folge heißt das für Betroffene oft eine 500-Euro-Strafe." Das bestehende Gesetz würde in der Praxis auch schnell ohne Indizien als „gewerbsmäßiges Betteln" ausgelegt und damit bestraft — vor allem für EU-Bürger aus anderen Regionen. Von Armut betroffene Menschen haben aber oft keine andere Möglichkeit, als im öffentlichen Raum auf ihre Notlage hinzuweisen, so die Bettellobby Tirol. Jede Holzfigur trägt stellvertretend für „echte" Obdachlose eine Plastiktasche mit Infos zur aktuellen Problematik. (TT, lipi)