Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.12.2018


Exklusiv

4000 Tiroler verbieten Organspende

2017 wurden in Österreich 789 Organe von Verstorbenen und Lebenden transplantiert. Will man nach seinem Tod auf keinen Fall Organspender sein, kann man sich im Widerspruchsregister eintragen lassen.

© iStock40.742 Personen wollen nach ihrem Tod keine Organe, Organteile, Gewebe oder Zellen spenden. Die Kliniken sind verpflichtet, diese Neins abzufragen.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Auch wenn die Versorgung mit Spenderorganen in Österreich im internationalen Vergleich als „gut zu bezeichnen ist“, stehen laut aktuellsten Zahlen (ÖBIG-Transplantationsbericht 2017) 780 Menschen – davon 205 in Tirol – auf den Organwartelisten.

Ist ein Organ in Österreich nicht verfügbar, kann es über den internationalen Organaustausch Eurotransplant angefordert werden. „Hier geht es vor allem um die Versorgung von hochdringlichen Patienten. Kommt aber z.B. ein hochdringliches Herz aus Belgien nach Österreich, muss im Gegenzug dann auch ein Herz wieder zurückgehen. Damit wird Vorsorge getroffen, dass nicht nur aus einem Land Organe abgezogen werden“ , sagt Birgit Priebe, eine der Autorinnen des ÖBIG-Berichts. 2017 konnten an den vier österreichischen Transplantationszentren 717 Transplantationen mit Organen verstorbener Spender und 72 mit Organen von Lebendspendern durchgeführt werden. Die Lebendspenden gewinnen laut ÖBIG-Bericht immer mehr an Bedeutung, vor allem im Bereich der Nierentransplantationen. „Das bringt allerdings höchste Sorgfaltspflichten gegenüber den Lebendspendern mit sich, für die nun eine gesetzlich verpflichtende Nachsorge eingeführt wurde“, erklärt Priebe.

Noch gilt es, mehr Österreicher für eine Organspende zu gewinnen, denn derzeit gibt es 23,5 Organspender pro Million Einwohner, der Zielwert liegt aber bei 30 Organspendern pro Million Einwohner. „Es gilt, Anstrengungen zu unternehmen, um die Zahl der Organspendermeldungen zu erhöhen und langfristig hoch zu halten. Es gilt, Maßnahmen zu unterstützen, mit denen Verstorbene als potenzielle Organspender erkannt und in weiterer Folge auch gemeldet und entsprechend intensivmedizinisch betreut werden“, heißt es im ÖBIG-Bericht. Als zielführend habe sich hier die Einrichtung regionaler Transplantationsreferenten erwiesen, 25 solcher Transplantationsbeauftragter arbeiten in 21 Krankenanstalten. Ein weiterer Schlüsselfaktor ist laut Transplantationsbericht die Möglichkeit, „die Hirndiagnostik nach anerkannten Qualitätskriterien auf allen spenderbetreuenden Intensivstationen durchführen zu können“.

Dass nicht alle Österreicher Organspender sein wollen, zeigt sich im Widerspruchsregister, in dem aktuell bundesweit 40.742 Personen eingetragen sind. In Österreich ist es nämlich zulässig, verstorbenen Personen Organe zu entnehmen, wenn dadurch das Leben eines anderen Menschen gerettet werden kann. Die Krankenhäuser sind aber gesetzlich verpflichtet, vorab eine Abfrage im Widerspruchsregister (transplant.goeg.at) durchzuführen. Dort kann man sich zu Lebzeiten eintragen lassen, wenn man eine Organentnahme oder eine Entnahme von Organteilen, Gewebe oder Zellen nach dem Tod ausdrücklich verbieten will, was in Tirol derzeit 3494 Personen tun. Üblich ist zudem, vor einer Organentnahme die Zustimmung der Angehörigen einzuholen.

Neue Lunge nur bis zum 65. Lebensjahr?

Wien, Natters — Ex-Formel-1-Star Niki Lauda wurde im August im Wiener AKH eine neue Lunge transplantiert — und das mit 69 Jahren. Für Verunsicherung unter einigen Tiroler Patienten sorgt daher ein Satz auf der Homepage der MedUni Innsbruck: „Die obere Altersgrenze (für eine Lungentransplantatio­n) liegt derzeit bei etwa 65 Jahren."

Dass man in Tirol nach dem 65. Geburtstag kein­e Chance auf eine neue Lung­e hat, ist laut zuständigen Ärzten nicht richtig. „Das ist nur ein prinzipieller Richtwert, es zählen vielmehr das biologische Alter des Patienten und seine Vitalität", erklärt Michael Grimm, Leiter der Herzchirurgie (und damit zuständig für Herz- und Lungentransplantationen) an der Universitätsklinik Innsbruck. Ob transplantiert werden kann oder nicht, „basiert immer auf einer individuellen Einschätzung des Ärzteteams. Ist ein 69-jähriger Patient sonst in guter gesundheitlicher Verfassung, wird man über ein­e Transplantation diskutieren", sagt Grimm. Dem schließt sich auch Ludwig Müller, Leiter des Lungentransplantationsprogramms an der Uniklinik Innsbruck, an: „Üblicherweise transplantiert man etwa bis zu diesem Alter. Aber es zählt nicht exakt der 65. Geburtstag, denn auch mit diesem Alter kann ein Mensch biologisch jünger oder älter sein." Eine Lungentransplantatio­n habe dann keinen Sinn, „wenn die Gefahr besteht, dass sich die postoperativen Komplikationen wie z. B. ein­e Dialysenotwendigkeit häufen könnten." An erster Stelle stehe, „dass man dem Patienten etwas Gutes tun will, und wenn eine Transplantation nichts außer viel Leid bringt, muss man leider Nein sagen", so Müller. Außerdem müsse man mit den Spenderorganen haushalten, „denn sie sind Mangelware. Man muss sich für den Patienten entscheiden, bei dem die Transplantation den größten Erfolg hat."

Dass man „einem Menschen nicht immer mit einer Transplantation hilft", weiß Brigitte Bucher, Leiterin der Pneumologie im Landeskrankenhaus Natters, wo im Vorfeld die Transplantationsmöglichkeit abgeklärt wird. „Man muss die Belastungen einer Transplantation aushalten. Weil oft auch andere Organe Schäden haben, ist das das große Problem."