Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.11.2018


Gesellschaft

Großer jüdischer Reuttener bekam eine späte Würdigung

An Anwalt Hermann Stern wird im Grünen Haus mit einer Gedenktafel erinnert. Seine Enkel freut der nun offizielle Schritt.

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© Tschol



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Wie wird man einem Mann gerecht, der so entscheidende Weichenstellungen für die Marktgemeinde Reutte vorgenommen hat, dem man so übel mitgespielt hat, der aber selber kein Heiliger und harter Kämpfer in den gemeindepolitischen Fehden Reuttes der 1920er-Jahre war? Die Rede ist von Rechtsanwalt Hermann Stern, dem die Gemeinde heuer eine Gedenktafel im Grünen Haus, wo er lange lebte, gewidmet hat.

Schon vor Jahren hatte Architekt Sigi Wacker darauf gedrängt, das „Verschweigen der Leistungen des Juden Stern“ zu beenden und deshalb das Grüne Haus gleich in Sternhaus rückzubenennen. Einem solch weitreichenden Schritt konnte wiederum Historiker Richard Lipp nichts abgewinnen, sei doch der Name Sternhaus nur einer von vielen in der Geschichte des Gebäudes gewesen. Er präferiere hier in allen Fällen immer, den geschichtlich ältestbekannten zu wählen. Und das sei nun einmal Grünes Haus. Die herausragende Rolle, die Stern, Halbjude und katholisch, in Reutte gespielt hat, ist für Lipp aber unbestritten: „Nämlich verantwortlich für die Ansiedelung des Metallwerks Plansee. Stern war auch der erste Geschäftsführer im Metallwerk bis 1927.“ Seine persönliche Tragödie lag im Scheitern seines Zugspitzprojekts, wobei es maßgeblichen Kreisen gelang, dieses Missgeschick seinem alleinigen Verschulden zuzuschreiben, heißt es in der Dissertation Lipps. Die Reuttener E-Werke mussten für das finanzielle Desaster nach dem Bau geradestehen, wobei die für die wirtschaftliche Misere verantwortliche Tausendmarksperre damals niemand voraussehen hatte können. Stern wurde sogar verhaftet.

BM Luis Oberer enthüllte heuer „die längst überfällige Gedenktafel“, wie er es selbst formulierte, „für den verdienten Reuttener Dr. Hermann Stern. Rechtsanwalt Stern war ein wichtiger Pionier der industriellen Entwicklung der Region Reutte. Das Außerfern verdankt ihm unter anderem den Ausbau der Elektrizitätswerke Reutte, die Ansiedlung des Metallwerkes Plansee und den Bau der Zugspitzbahn. Stern war auch eine Zeit lang Vizebürgermeister der Marktgemeinde. Für seine Verdienste um die Republik Österreich wurde ihm das goldene Ehrenzeichen verliehen“, führte Oberer weiter aus.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Stern in der NS-Zeit (1938–1945) verfolgt und gezwungen, Reutte zu verlassen. Seine Kanzlei wurde beschlagnahmt. „Er kehrte als gebrochener Mann zurück. Sein Schwiegersohn Manfred Larcher führte die Rechtsanwaltskanzlei bis in die 1980er-Jahre weiter“, weiß Sterns Enkel Michael Larcher, praktischer Arzt in Oetz.

Der direkte Nachfahre freut sich über die Würdigung durch die Gemeinde Reutte. „Die Idee, dem verdienstvollen Reuttener eine Würdigung zukommen zu lassen, ist ja nicht neu, allerdings kam es aus politischen Gründen bisher nie zu deren Umsetzung“, erklärte Alois Oberer. Deshalb zeigte er sich besonders erfreut über die schlichte, aber würdige Tafel.

Der Anregung Sigi Wackers, auch noch eine Sternstraße in Reutte zu benennen, kann Stern-Enkel Michael Larcher durchaus etwas abgewinnen. Auch für Historiker Richard Lipp wäre das ein vertretbarer Gedanke.