Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.12.2018


Exklusiv

Josef Achleitner: „Wir trieben die Wintergeister aus“

Der 92-jährige Josef Achleitner aus Kundl erinnert sich an seine Zeit als Percht in den 1930er-Jahren. Einfache Kostüme, der Respekt der Einwohner und der Glaube an die Kraft des Rituals prägten damals den Brauch.

© MariasteinerhofDer Mariasteiner Josef Sandbichler (Mitte hinten an der Trommel) lernte den heute 92-jährigen Kundler Josef Achleitner Anfang der 1930er-Jahre in die bereits damals alte Tradition des „Peaschtlns“ ein.



Von Florian Haun

Kundl – „Die größte Freud­e hatten wir immer dann, wenn wir zu einem Bauern gekommen sind, der uns ein Honigbro­t oder zehn Groschen gegeben hat“, erinnert sich Josef Achleitner an seine Zeit als junger Percht in den 1930er-Jahren.

Der 1926 in Breitenbach Geborene kam in seiner Jugend erstmals mit dem Perchtenbrauch in Berührung. Der Mariasteiner Josef Sandbichler – er trug damals das Brot in der Region aus – begeisterte den jungen Achleitner für den bereits seit Hunderten Jahren in Mariastein gepflegten Brauch. Die Perchten zogen von Haus zu Haus, um die bösen Geister des Winters auszutreiben, denn damals gab es noch starke Schneefälle, die das Leben der Menschen erschwerten, sagt Achleitner. „Wenn bis Mitternacht noch keine Peaschtl da gewesen sind, haben die Leute einfach die Haustür offen gelassen. Wenn in der Nacht noch welche gekommen sind, gingen sie in die Stube, wo eine Flasche Schnaps für sie auf dem Tisch bereitstand.“

Josef Achleitner.
- Haun

Sandbichler habe den jungen Perchten die wichtigsten Dinge erklärt. Etwa, dass sie niemals läuten, klopfen oder mit dem Bockhorn blasen dürfen, wenn sie an der Kirche vorbeigehen. „Wenn sich zwei Peaschtl-Passn getroffen haben, ist jede auf einer Seite der Straße stehengeblieben und die Hexen haben dann der anderen Pass Auskunft gegeben, wer sie sind“, sagt Achleitner. Danach sangen die beiden Passen gemeinsam ein kleines „Gstanzl“, ehe sie ihren Weg fortsetzten.

Die Buben durften ab dem ersten Schuljahr mitmachen. „Ich bin bei der Ried-Pass als Trommler gegangen“, schmunzelt der 92-jährige Wahlkundler. Zu einer Pass gehörten meist vier bis fünf Trommler, fünf „Glockenhupfer“ und eine Hexe. Zum Trommeln habe Achleitner einen Stock aus Buchenholz genommen, „der hat länger gehalten und lauter war er auch.“ Aufwändig genähte Kostüme aus Maisblättern gab es in den 1930er-Jahren nicht: Die Männer trugen normale Arbeitskleidung, das Gesicht wurde mit Ruß vollgeschmiert und auf jede Schulter und auf die Mütze wurde eine einzelne „Bratsche“ aufgenäht. „Anfang der 1940er-Jahre hat der Knecht vom Breitenbacher Köpfnbauer, ein Kärntner namens Alfons, der gut schnitzen konnte, die allerersten Holzlarven angefertigt“, weiß der Kundler.