Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.12.2018


Exklusiv

Nach 30 Jahren: Tiroler Musikvolksschulen vor dem Aus

In 28 Tiroler Volksschulen werden Kinder im Rahmen eines Schulversuches mit einem musischen Schwerpunkt unterrichtet. Dieser soll nun nach 30 Jahren abgeschafft werden.

© iStockDas gemeinsame Musizieren in der Klasse an drei Tagen in der Woche droht abgeschafft zu werden.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Seit drei Jahrzehnten gibt es ihn: den Schulversuch, der es Volksschulen in Österreich erlaubt, als Musikvolksschulen ein besonderes Augenmerk auf die musikalische Bildung zu legen. Vor allem in Tirol findet das Modell besonderen Anklag – immerhin sind fast ein Fünftel aller rund 150 Musikvolksschulen Österreichs in Tirol zu finden. 40 Klassen in 28 Tiroler Musikvolksschulen bieten rund 800 Kindern einen Unterricht mit musischem Schwerpunkt. In diesen Klassen haben die Schülerinnen und Schüler drei Stunden statt lediglich einer Stunde Musikerziehung in der Woche. Die Lehrpersonen müssen über spezielle Zusatzqualifikationen verfügen und beispielsweise den Lehrgang für elementare Musikerziehung am Tiroler Landeskonservatorium oder eine Chorleiterausbildung absolviert haben.

Doch nun droht dem Schulversuch nach 30 Jahren das Aus.

Grund dafür ist ein unlängst veröffentlichter Grundsatzerlass des Bildungsministeriums, der die Durchführung von Schulversuchen im Rahmen des schulautonomen Geltungsbereiches neu regelt. Darin ist der Schulversuch „Klasse mit musikalischem Schwerpunkt“ nicht mehr definiert. Der Verein zur Förderung der österreichischen Musikvolksschulen hat daher vergangene Woche einen Aktionstag zur Rettung des Schulversuchs ausgerufen. In ganz Österreich haben Musikvolksschulen für die Weiterführung ihrer Musikklassen musiziert und dabei auch prominente Unterstützung erhalten. In einem Video sprechen sich unter anderem Franz Posch, Andreas Gabalier und Marc Pircher für die Weiterführung von Volksschulklassen mit Musikschwerpunkt aus. „Dass Musik etwas vom Besten ist – für Hirn und Herz –, das hat sogar die Wissenschaft bewiesen“, meint etwa Franz Posch in einer Grußbotschaft. Es sei für das Musikland Österreich geradezu ein Muss, dass es eine stattliche Anzahl von Musikvolksschulen gibt.

Der Landesvorsitzende der Tiroler Musikvolksschulen, Ellmaus Volksschuldirektor Hermann Ortner, hat wenig Hoffnung auf einen positiven Ausgang. Zwar gebe es laufend Gespräche zwischen dem zuständigen Fachinspektor des Landesschulrates für Tirol und dem Ministerium in Wien, „es schaut aber nicht gut aus“, meint Ortner, der von einem äußerst erfolgreichen Modell mit positiven Auswirkungen auf den gesamten Schulbetrieb – also auf das Lernen und das soziale Miteinander – spricht. „Es wäre sehr schade, wenn das jetzt abgewürgt werden würde.“

Lob für den Schulversuch kommt auch aus dem Büro des Landesschulrates. Die intensive Begegnung mit Musik fördere die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstwertgefühl nachhaltig. Gemeinsame musikalische Projekte und Erlebnisse würden die Entwicklung von Teamfähigkeit und sozialem Verhalten unterstützen und die soziale Integration für Kinder mit Migrationshintergrund oder Beeinträchtigung im besonderen Maße erleichtern. Das Land Tirol stehe daher grundsätzlich zum Schulversuch, heißt es.