Letztes Update am Sa, 08.12.2018 20:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Islamische Glaubensgemeinschaft

Anwalt, Kurde, Kammerrat: Ümit Vural ist neuer IGGÖ-Präsident

Der 36-jährige Jurist wurde am Samstagabend zum neuen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich gewählt. Vural kandidierte mit einer eigenen Liste bei den AK-Wahlen. Das Gastarbeiterkind engagierte sich bereits in jungen Jahren sozial und religiös.

© IGGÖ/Eyüp KusDie Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich hat Ümit Vural zum neuen Präsidenten gewählt.



Wien – Mit Ümit Vural (36) tritt ein Pragmatiker an die Spitze der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Der aus der Türkei stammende Kurde und Rechtsanwalt wurde am Samstagabend mit 84 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Präsident Ibrahim Olgun gewählt, der nach interner Kritik nicht mehr angetreten war.

Vural will „reformieren, verbessern, professionalisieren“

In seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl schwor Vural die Glaubensgemeinschaft auf Einigkeit und den geplanten Reformkurs ein: „Die Glaubensgemeinschaft muss besser werden. Das erwarten die Muslime in Österreich von uns. Schon aus unserem eigenen Selbstverständnis und aus unserem eigenen Selbstanspruch heraus müssen wir alle Hebel in Bewegung setzen und uns zukunftssicher aufstellen. Wir tragen nicht nur gegenüber den Muslimen in Österreich eine Verantwortung, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche. Auch dort dürfen wir die Erwartungen nicht enttäuschen. Deshalb lauten unsere Ziele: Reformieren, verbessern, professionalisieren,“ so Vural.

In der Öffentlichkeit ist Vural bis jetzt nicht groß in Erscheinung getreten. Unter den heimischen (organisierten) Muslimen hat er sich allerdings schon einen Namen gemacht. Der Schurarats-Vorsitzende war es nämlich, der IGGÖ-Präsident Olgun erklärt hat, dass es notwendig ist, die Vertrauensfrage zu stellen und den Weg für vorgezogene Neuwahlen zu öffnen. Vorangegangen waren Querelen in der IGGÖ wegen Moscheen-Schließungen durch die Regierung.

Vertraute bezeichnen Vural als ruhigen Juristen und pragmatische, zurückhaltende Person. So habe er sich aus Machtkämpfen in der IGGÖ herausgehalten und sei schließlich gebeten worden, die Aufgabe als Präsident zu übernehmen. Vural steht – wie auch Olguns schärfster Kritiker, Vizepräsident Abdi Tasdögen – der Islamischen Föderation nahe, die zur türkisch-nationalistischen Bewegung Milli Görüs gezählt wird. Dennoch gilt er als Pragmatiker.

1982 in Yozgat in Zentralanatolien geboren, stammt Vural aus jener Gegend, aus der die meisten Auswanderer aus der Türkei kommen. Als ältestes von vier Geschwistern kam er 1988 mit sechs Jahren nach Österreich. Vural gilt als typisches Gastarbeiterkind: Sein Vater arbeitete als Maurer. Er studierte Rechtswissenschaft und engagierte sich sehr bald als Jugendvertreter in seiner Moschee im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus, wo er bis heute wohnt.

Soziales und religiöses Engagement

Vural ist bekannt für sein soziales Engagement und kandidierte mit einer eigenen Liste „Perspektive“ bei der Arbeiterkammer-Wahl 2009, wo er drei Mandate erreichte, die er 2014 auf vier ausbauen konnte. Er setzte sich vor allem gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt ein und ist nach wie vor – wie einer seiner Brüder – als Kammerrat aktiv.

Auch religiöses Engagement legte Vural an den Tag. So organisierte und moderierte er 2006 eine Großveranstaltung aller namhaften türkisch-islamischen Verbände anlässlich des Geburtstages des Propheten Muhammad in der Wiener Stadthalle mit 12.000 Teilnehmern. Als Jurist versuchte er, das fast fertige und viel kritisierte neue Islamgesetz zu ändern. Er verfasste auch die neue Verfassung der IGGiÖ und wurde Präsident des Schurarats, dem Parlament der Glaubensgemeinschaft.

Vural ist verheiratet und hat drei Kinder. Er spricht Deutsch, Türkisch, Englisch, Kurdisch und ein wenig Arabisch. Neben türkischer Küche bevorzugt er „Halal Wiener Schnitzel“ und Apfelstrudel. Im Gegensatz zur seinen Vor-Vorgänger als IGGÖ-Präsident, Fuat Sanac, der Boxer war, spielte Vural bis 2001 Fußball beim Favoritner AC und schaffte es in die Kampfmannschaft. Heute ist er glühender Rapid-Fan und betont, dass seine Religion trotzdem der Islam geblieben ist. (APA, TT.com)