Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 18.12.2018


Teil 18

Die Gute Geschichte: „Inzwischen sind wir Freunde“

Das Projekt ertebat vermittelt Patenschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlingen. So haben Lisa Engele und Sabine Becker auch Momo kennen und schätzen gelernt.

Die beiden Studentinnen Lisa Engele (rechts) und Sabine Becker unternehmen viel mit Momo. Sie kochen gemeinsam, gehen schwimmen, wandern oder hängen einfach nur zusammen ab.

© Benedikt MairDie beiden Studentinnen Lisa Engele (rechts) und Sabine Becker unternehmen viel mit Momo. Sie kochen gemeinsam, gehen schwimmen, wandern oder hängen einfach nur zusammen ab.



Innsbruck – Beim dritten Treffen wusste er, dass sie einander schon vertraut geworden sind, erinnert sich der junge Mann, der von allen Momo genannt werden will. „Ich wollte die Hand zur Begrüßung reichen und Lisa und Sabine haben mich umarmt.“ Er hat die beiden über das Projekt ertebat von der Plattform Asyl kennen gelernt. Die Studentinnen Lisa Engele und Sabine Becker haben sich dort als Patinnen für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling beworben. „Und wir hatten wirklich Glück, dass wir Momo vermittelt bekommen haben“, sagen sie.

Seit einem Jahr kennen sich die drei bereits. Beim ersten Treffen waren sie Pizza essen, inzwischen gehen sie gemeinsam schwimmen, wandern oder kochen zusammen. Was als Patenschaft begonnen hat, ist mittlerweile mehr. „Inzwischen sind wir richtige Freunde geworden. Auch unsere anderen Freunde fragen inzwischen immer, ob wir ihn zu Treffen mitnehmen können“, sagt Engele. Dem pflichtet Momo bei: „Wenn ich bei den beiden bin, dann fühle ich mich nicht alleine.“

Das Projekt ertebat wurde im Jahr 2016 gestartet. „Im Moment laufen 35 von uns vermittelte Patenschaften“, erzählt Jutta Binder von der Plattform Asyl. „In den zwei Jahren des Bestehens waren es rund 45.“ Der Hintergedanke dieser Patenschaften sei, dass die jungen Geflüchteten jemanden haben, mit dem sie die Freizeit verbringen können. „Wir wollten, dass sie trotz der oft schweren Vergangenheit einfach ganz normale Jugendliche sein können.“ Zwar hätten sie in den Heimen einen Betreuer, wenn sie dann volljährig seien, stünden viele Flüchtlinge dann alleine da.

Aber nicht nur das zählt. Der kommunikative Aspekt war für Momo auch von Bedeutung: „Etwas vom Wichtigsten für mich war, dass ich sehr schnell Deutsch lernen konnte. Damit das funktioniert, müssen die Paten aber auch sehr geduldig sein.“ Anfangs sprach Momo nur Englisch, inzwischen fließend Deutsch.

Wer sich als Pate bewerben will, muss nicht nur Geduld, sondern auch Zeit mitbringen, erläutert Jutta Binder: „Wir setzen voraus, dass die Bewerber mindestens ein Jahr für ihre Tätigkeit aufbringen können. Es gab schon Studenten, die ein Semester in Innsbruck waren und eine Patenschaft übernehmen wollten. Das haben wir abgelehnt, weil die Jugendlichen, die sonst schon viel verloren haben, nach einem halben Jahr wieder einen Verlust zu verarbeiten hätten.“ Ansonsten gibt es keine weiteren Voraussetzungen, es muss lediglich eine kurze Schulung absolviert werden. Die meisten Paten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, die älteste 68.

Lisa Engele und Sabine Becker würden die ertebat-Patenschaften in jedem Fall weiterempfehlen. „Wer Menschen helfen will, wer etwas bewegen und zu besserer Integration beitragen will, muss irgendwo auch anfangen“, glaubt Engele. Außerdem empfindet sie es als spannend, andere Kulturen auf diesem Weg kennen zu lernen. Becker bereut die Entscheidung, eine Patenschaft übernommen zu haben, auch nicht im Geringsten: „Ich habe viele neue Erfahrungen gemacht.“ (bfk)