Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.12.2018


Gesellschaft

Ärzte müssen mit 70 in Pension: „Haben jetzt schon zu wenige“

Ab 1. Jänner verlieren niedergelassene Ärzte wie Landärzte mit 70 Jahren ihren Kassenvertrag. In Tirol verhandelt man über eine Lösung der Pensionsfrage.

Immer mehr ältere Ärzte: 1998 lag die höchste Alterskonzentration bei 45 Jahren. Heute liegt sie laut Österreichischer Ärztekammer bei etwa 60 Jahren.

© iStockImmer mehr ältere Ärzte: 1998 lag die höchste Alterskonzentration bei 45 Jahren. Heute liegt sie laut Österreichischer Ärztekammer bei etwa 60 Jahren.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien — Ab 1. Jänner gilt für alle praktizierenden Ärzte ein Pensionslimit von 70 Jahren. Länger dürfen sie nicht arbeiten bzw. ihre Kassenverträge werden nicht mehr erneuert. Angesichts der österreichweiten drohenden Pensionierungswelle und unbesetzter Kassenstellen könnte sich das Pensionsalter zum Problem entwickeln.

Österreichweit sind es derzeit 142 niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte, die ihren 70. Geburtstag überschritten haben und dennoch praktizieren. In Tirol betrifft die neue Regelung laut Günter Atzl, Direktor der Tiroler Ärztekammer, 2019 zwar nur einen Arzt, aber das Thema ist dennoch ein dringendes auf der Agenda der Ärztekammer.

„Für uns ist diese Regelung nicht gut, weil wir jetzt schon zu wenige Ärzte für alle Kassenstellen haben", sagt Atzl. Derzeit sind „sieben Stellen für Allgemeinmedizin und 14 Facharztstellen ausgeschrieben, einige Stellen davon sind schon länger frei", erklärt der Direktor. Zwar habe man mit den Kassen in Tirol die Vereinbarung, dass ein Arzt weiter arbeiten darf, wenn eine Stelle zweimal ausgeschrieben wurde und es keine Bewerber gibt, „aber wir wollen eine weiterreichende Lösung".

Diese könnte laut Ärztekammer folgendermaßen aussehen: „Die Stellen sollen ausgeschrieben werden, wenn der Arzt praktiziert und noch nicht das Pensionsalter erreicht hat. Es geht darum, dass man sich also parallel um eine Nachfolge bemüht. Aber hier sind wir noch im Gespräch mit der Tiroler Gebietskrankenkasse."

Wieweit die Tiroler Ärztekammer auch in Zukunft derartige Dinge mit den „Tiroler" Kassen verhandeln kann, ist für Atzl noch nicht geklärt. Man habe zwar seit dieser Woche das Bundesgesetzblatt des neuen Sozialversicherungsorganisationsgesetzes in Händen, aber mit wem was in Zukunft verhandelt wird, „darüber wissen wir noch nicht Bescheid".

Wenn die Landeskassen in der Österreichischen Gesundheitskasse aufgehen, „reden wir dann mit der Gesundheitskasse z. B. über die Palliativmedizin oder die aktuelle Neuaufstellung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes?" Andreas Huber (Büro Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg) beruhigt: „Innovative Tiroler Themen wie die Palliativmedizin bleiben durch die Landes-Zielsteuerungskommission weiter in Tirol. Andere Themen wie z. B. Verhandlungen über die Honorare von niedergelassenen Ärzten werden in den Bereich der neuen Österreichischen Gesundheitskasse fallen."

Niedergelassene Ärzte

Altersdurchschnitt: Die Altersverteilung der niedergelassenen Ärzteschaft hat sich zwischen 1998 und 2018 dramatisch verschoben. 1998 lag die höchste Alterskonzentration bei etwa 45 Jahren, heute bei etwa 60. In zehn Jahren werden in Österreich 48 Prozent aller niedergelassenen Ärzte, also fast die Hälfte, das Pensionsantrittsalter erreicht haben. (Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, bei einem Pressegespräch im Dezember in Wien)
Niedergelassene Ärzte: Österreichweit gibt es 18.287 niedergelassene Ärzte. In Tirol praktizieren 1376 niedergelassene Ärzte, davon sind 503 Allgemeinmediziner und 873 Fachärzte.
Länger unbesetzte Kassenstellen in Tirol: Allgemeinmedizin in Kufstein, Kirchberg, Lienz und Kitzbühel, Fachärzte für Psychiatrie in Imst, Schwaz und Jenbach, Hautarztstelle in Reutte, gynäkologische Facharztstellen in Innsbruck und Wörgl und Kinderarztstelle in Kitzbühel