Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.01.2019


Exklusiv

Drama um „staatenlose“ Bergziegen am Brenner

Die in Gries am Brenner illegal außer Landes gebrachten Tiere sollten aus Gründen des Seuchenschutzes geschlachtet werden. Gibt es jetzt ein Happy End?

Kurz vor Weihnachten sorgte ein angeblicher Diebstahl von 17 "Passeirer Gebirgsziegen" für Aufsehen. "Der Bauer hatte die italienischen Ohrmarken entfernt", sagt der Amtstierarzt

© Kleintierzüchter.itKurz vor Weihnachten sorgte ein angeblicher Diebstahl von 17 "Passeirer Gebirgsziegen" für Aufsehen. "Der Bauer hatte die italienischen Ohrmarken entfernt", sagt der Amtstierarzt



Von Benedikt Mair

Gries am Brenner – Wohin sind 17 Ziegen aus einem Stall in Gries am Brenner verschwunden? Waren Tierschützer am Werk? Oder war es ein Racheakt? Diese Frage beschäftigte kurz vor Weihnachten die Polizei Steinach. Schnell stellte sich heraus: Freunde des Besitzers, welcher den Diebstahl selbst zur Anzeige brachte, hatten die Tiere außer Landes gebracht – nach Südtirol, um sie dort auf zwei verschiedenen Höfen unterzubringen.

Als Grund dafür gab der 53 Jahre alte und in Südtirol wohnhafte Mann an, dass seine „Passeirer Gebirgsziegen“ ohne Grund zur Notschlachtung geführt werden sollten. Jose­f Oettl, Amtstierarzt des Bezirkes Innsbruck-Land und derjenige, der die Tötung verordnet hat, dementiert: „Ich habe den Erlass aus Gründen des Seuchenschutzes ausgesprochen. Denn unter anderem hat der Besitzer die italienischen Ohrmarken der Tiere vorsätzlich entfernt.“ Frei übersetzt: Die Ziegen waren „staatenlos“, ihre Herkunft nicht einwandfrei nachweisbar.

Aber der Reihe nach. „Die Tiere wurden von mir im Sommer von ihrem Heimatstall in Südtirol auf eine Weide oberhalb von Gries am Brenner gebracht“, erzählt der Besitzer. „Dort hat sie ein Tierarzt kontrolliert. Da war alles in Ordnung, keines der Tiere krank.“ Er hab­e schließlich einen Stall im Tal angemietet, um die Tiere dort für den Winter unterzubringen. Dann der Schock: „Mir wurde gesagt, dass alle 22 Geißen getötet werden müssten. Weil sie krank seien.“ Als zwei seiner Freunde davon erfahren haben, hätten sie, wie der 53-Jährige erzählt, den Entschluss gefasst, die Tiere wieder nach Südtirol zu bringen.

Der Mann, der im Umland von Sterzing lebt, ist kein Haupterwerbsbauer. Die Ziegenzucht bezeichnet er als sein „größtes Hobby. Weil ich als kleiner Bub schon über drei Jahre im Sommer auf einer Alm war und die Tiere dort gehütet habe.“ Er sehe zwar ein, dass es nicht richtig war, seine 17 Ziegen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion außer Landes zu bringen. Der finanzielle Schaden, der ihm durch die Schlachtungen gedroht hätte, sei aber auch immens, gibt er an.

Anders schildert der Amtstierarzt des Bezirkes Innsbruck-Land, Josef Oettl, die Begebenheiten: „Bereits drei Wochen vor der angeordneten Tötung waren wir mit dem Mann in Kontakt.“ Dieser habe nämlich seine Ziegen bereits im Sommer illegal – sprich ohne die nötigen Papiere – nach Nordtirol verbracht. Dann seien die Ohrmarken entfernt worden. Da es kurz vor Weihnachten gewesen sei, habe man versucht, einen „für alle Seiten zufriedenstellenden Kompromiss zu finden“, sagt Oettl. „Die Rückführung in das Herkunftsland wurde von der zuständigen Behörde aber verweigert. Dadurch wurde aus tierseuchenrechtlichen Gründen und der Gefährdung des Seuchenstatus von Österreich die Tötung der Tiere angeordnet.“ Bei fünf Ziegen, die man im Stall vorgefunden habe, sei dies passiert.

Laut Polizei Steinach seien die Ermittlungen gegen den 53-jährigen Südtiroler wegen des Verdachts der Vortäuschung einer Straftat fast abgeschlossen. Wenn ein letzter Zeuge befragt ist, soll Anzeige an die Staatsanwaltschaft erstattet werden.

Für die restlichen 17 Zuchtziegen könnte es jetzt aber ein Happy End geben, sagt ihr Besitzer: „Der Amtstierarzt von Sterzing hat mir gesagt, dass ich die von mir entfernten italienischen Ohrmarken nachbestellen und die Tiere damit behalten kann.“