Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.01.2019


Tirol

“Medcare“: Die etwas andere Ordination

Seit fünf Jahren bietet das Projekt „medcare“ medizinische Basisversorgung für Menschen im Abseits. Armut und Krankheit sind hier alltägliche Realität.

Ärztliche Arbeit ist nicht gleich ärztliche Arbeit: „Hier erlebt man die Medizin sehr direkt. Man schaut teils in soziale Abgründe und die Dankbarkeit der Patienten ist groß“, sagt Thomas Fluckinger.

© Foto TT / Rudy De MoorÄrztliche Arbeit ist nicht gleich ärztliche Arbeit: „Hier erlebt man die Medizin sehr direkt. Man schaut teils in soziale Abgründe und die Dankbarkeit der Patienten ist groß“, sagt Thomas Fluckinger.



Von Liane Pircher

Innsbruck — Auf den ersten Blick unterscheidet die „medcare"-Ordinatio­nen wenig von anderen Arztpraxen. Erst bei genauerer Betrachtung merkt man, dass hier doch einiges anders ist: „Unsere ganzen Geräte und Möbel sind gespendete Secondhand-Ware aus alten Ordinationen", erklärt Thomas Fluckinger. Er ist der Ärztliche Leiter des Projektes medcare, das heuer seinen fünften Geburtstag feiert. Ursprünglich am Innsbrucker Bahnhof angesiedelt, bekommen hier Menschen, die auf der Straße leben, eine medizinische Basisversorgung. Ohne E-Card und Versicherung. Ohne bezahlen zu müssen.

„Zu uns kommen Menschen, die größtenteils als Obdachlose auf der Straße leben, es sind Einheimische, aber auch Asylanten oder Roma und Sinti. Viele von ihnen haben ein hartes Leben, oft psychische Probleme und würden nicht ohne Weiteres einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen", erklärt Fluckinger, Vizepräsident und Chefarzt vom Roten Kreuz.

„Wir sind gut mit anderen sozialen Einrichtungen vernetzt“, erklärt Veronika Schneider, die Organisatorische Leiterin von medcare. Auch Apotheken spenden Medikamente.
„Wir sind gut mit anderen sozialen Einrichtungen vernetzt“, erklärt Veronika Schneider, die Organisatorische Leiterin von medcare. Auch Apotheken spenden Medikamente.
- Foto TT / Rudy De Moor

Vor knapp einem Jahr musste das Projekt des Roten Kreuzes und der Caritas seine Räumlichkeiten aufgrund des PEMA-3-Bauprojekts am Bahnhof aufgeben, die Herbergssuche gestaltete sich als schwierig. An vielen Orten gab es Ängste von Anrainern. Zu groß war die Befürchtung, dass sich an Ort und Stelle „betrunkene Sandler" aufhalten würden. Dass dem nicht so ist, beweisen die Projektbetreiber seit nunmehr einem Jahr in den neuen Räumlichkeiten am Innrain. Die Ordination hat zu bestimmten Zeiten offen, Freitagnachmittags ist das Team mit einer mobilen Ordination im Bus unterwegs — für all jene, die aus verschiedensten Gründen den Weg in die geschlossenen Räumlichkeiten nicht schaffen. Angesteuert werden Notschlafstellen, aber auch der Marktplatz, wenn dort der Vinzibus zur Essensausgabe hält. Das ganze Team — vom Arzt bis hin zu Diplompflegern — arbeitet ehrenamtlich. Warum? „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach einem Tag in einer ?normalen' Ordination hier arbeitet. Unser Klientel ist nicht ganz einfach, hier kommt keiner wegen einem kleinen Wehwehchen. Diese Menschen halten oft viel aus. Es ist eine spannende Arbeit, weil man als Arzt anders denken muss, um dem Patienten helfen zu können", sagt Fluckinger.

Krankheit und Armut seien eng miteinander verknüpft, weiß die Organisatorische Leiterin Veronika Schneider. Nicht vergessen dürfe man, dass einige Klienten früher ein „normales" Leben mit Arbeit und Familie gehabt hätten und — oft durch Krankheit bedingt — abgestürzt seien.

Nicht zuletzt deshalb sei man auch mit anderen Institutionen, etwa Sozialeinrichtungen, gut vernetzt. „Wir versuchen die Leute ins öffentliche Gesundheitssystem zurückzubringen, falls es möglich ist", erklärt sie. Regelmäßig schauen auch Ärzte von außen vorbei, etwa der Ordinarius der Innsbrucker Hautklinik. Diese Hilfsbereitschaft freut Fluckinger, er ergänzt aber: „Wir könnten in Zukunft neue Ärzte brauchen, am besten wären solche, die in Pension gehen und noch etwas tun wollen." Insgesamt könne bei vielen gesundheitlichen Problemen geholfen werden, schwieriger werde es bei chronischen. Aufwändige Therapien kann sich medcare nicht leisten.

Gefördert wird medcare übrigens vom Land Tirol, der Stadt Innsbruck und der Tiroler Gebietskrankenkasse. „Medcare ist eine tolle niederschwellige Ergänzung in unserem Gesundheitssystem. Es hat viel mit sozialer Verantwortung zu tun, wenn wir uns diese Hilfestellung als Gesellschaft leisten", sagt TGKK-Direktor Arno Melitopulos dazu.




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