Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 21.01.2019


TT-Ombudsmann

Nervige Nachbarn: Wenn der Lärm von nebenan zum Problem wird

Wohnexperte Klaus Lugger ist seit zwei Jahren Mitglied des Ombudsteams und hat seither 220 Fälle bearbeitet. Sein Rat ist gefragt – auch bei Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Manche sind der Meinung, dass der Nachbar in der darüberliegenden Wohnung regelrecht auf ihnen herumtrampelt.

© iStockphotoManche sind der Meinung, dass der Nachbar in der darüberliegenden Wohnung regelrecht auf ihnen herumtrampelt.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Zu hohe Betriebskosten, Baumängel, Probleme mit der Hausverwaltung und immer wieder auch mit den Nachbarn: In den Anfragen an das Ombudsteam zum Thema Wohnen spiegelt sich das Leben in all seinen Facetten wider. Da geht es auch darum, dass die Mieterin in der Wohnung darüber die Blumen zu stark gießt, die Familie gleich nebenan das Stiegenhaus nicht reinigt oder mit Schuhregalen verstellt und die Kinder von gegenüber bis in die Nacht hinein lärmen.

Klaus Lugger, der in Österreich zu den führenden Experten in Sachen Wohnen gehört, bearbeitet mehrere Anfragen pro Woche. Seit nunmehr zwei Jahren verstärkt der frühere Geschäftsführer der Wohnbaugesellschaft Neue Heimat Tirol das Ombudsteam der Tiroler Tageszeitung und hat sich in dieser Zeit in rund 220 Fällen eingesetzt. Dabei stand er Hilfesuchenden mit seinem Rat, einer profunden Auskunft oder auch als Vermittler zur Verfügung.

Sehr oft geht es um Lärm, verursacht von den manchmal leider gar nicht lieben Nachbarn. Betroffenen rät Lugger, Unterschriften anderer Leidtragender zu sammeln – je mehr, desto besser. Gemeinsam sei die Chance wesentlich größer, sich gegen Störenfriede zu wehren. Am schwersten hätten es jene, die direkt unter einer überaktiven Familie wohnen, denn für allein Betroffene sei es entsprechend mühsamer, sich durchzusetzen – vor allem dann, wenn der vermeintliche Lärmverursacher alles abstreitet. Manchmal steht dann letztlich der Geplagte selbst als Querulant da, weiß der Wohnexperte aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Um nervenaufreibende, oft jahrelange Nachbarschaftsstreitigkeiten zu vermeiden, empfiehlt er, zuerst immer auch die andere Seite zu hören. „Der laute Bewohner nebenan oder über der Wohnung merkt vielleicht gar nicht, dass er andere sekkiert und regelrecht auf ihnen herumtrampelt. Da steckt ja keine Bosheit dahinter.“

Wo das nicht möglich ist und die Stimmung schon aufgeheizt und gereizt, wird häufig der Hausverwalter als Schlichter dazugerufen. Bei Privatstreitigkeiten zu vermitteln, sei aber eigentlich nicht dessen Aufgabe, auch wenn viele doch oft und mit entsprechender Lebenserfahrung als Schiedsrichter agieren und Zusammenkünfte organisieren. Als Außenstehender und mit entsprechender Autorität ausgestattet, wird seine Meinung auch eher akzeptiert. Erst wenn alles nichts nützt, der egoistische, rücksichtslose Nachbar gar kein Einsehen hat und so das Nebeneinanderleben zur täglichen Hölle wird, sollten die Rechtsanwälte bemüht werden.

Das Problem bei Lärmbelästigungen sei ein entsprechender Nachweis für eine Beeinträchtigung. Messungen sind immer mit einem großen Aufwand und hohen Kosten verbunden.

In zwei noch nicht abgeschlossenen Fällen geht es um den benachbarten Supermarkt als Lärmverursacher. Wie schon berichtet, fühlt sich ein Mann aus Wattens durch morgendliche Warenanlieferungen schon ab 4 Uhr in seinem Schlaf gestört. Ihm wurde letztlich von der Bezirkshauptmannschaft zugesagt, dass ein gewerbetechnischer Amtssachverständiger eine Umgebungslärmbeurteilung vornehmen werde – das war im September. Bis heute ist nichts geschehen, weshalb Klaus Lugger der Sache nun erneut nachgeht. Ende des vergangenen Jahres meldete sich außerdem eine Kirchdorferin, die sich ebenfalls von einem Betrieb nebenan stark beeinträchtigt fühlt und über einen Lärmpegel von 60 Dezibel in ihrem Schlafzimmer klagt. Auch in diesem Fall versucht der Ombudsmann zu vermitteln.

Ein Dauerbrenner sind auch die Bäume in Nachbars Garten. Ein besonders krasser Fall ist eine Baum- und Heckenfront, die gleich hoch ist wie das zweistöckige Gebäude der Betroffenen, die ihre hochwertigen Wohnungen in dem Glauben erworben hatten, dass der nur wenige Meter entfernte Bewuchs wegen eines neuen Zufahrtswegs gerodet würde. Doch die Straße wurde nicht gebaut, die massiv beeinträchtigten Bewohner – die Bäume werfen lange Schatten und Unmengen an Laub ab – verzweifeln. Eine Lösung scheint nicht in Sicht, im Gegenteil. Der Nachbar bekam vor Gericht Recht und schickte einer Bewohnerin im Erdgeschoß, die einige Äste einer Hecke abgeschnitten hatte, sogar eine Rechnung in Höhe von rund 2000 Euro.

In solchen Fällen hilft es oft, die Schlichtungsstelle in der Landwirtschaftskammer einzuschalten. Sachverständige beurteilen die Situation und informieren über Rechte und Pflichten.

Aber auch in einem schwerwiegenden Betrugsfall wurde der Ombudsmann aktiv: Eine Innsbruckerin hatte um 170.000 Euro eine Wohnung gekauft – zumindest dachte sie das. Erst später fand sie heraus, dass es sich laut Grundbuch um eine Garage handelte. Ihre Klage auf Rückabwicklung des Geschäfts war schließlich auch erfolgreich, doch der Verkäufer hatte inzwischen Insolvenz angemeldet. Schließlich erkannte die Behörde die als Autoabstellplatz ausgewiesenen Räumlichkeiten doch noch als Wohnung an, die Investition war gerettet.

Wer absichtlich reingelegt wird, dem bleibt oft nur der Gang zum Gericht. Bei Streitigkeiten unter Nachbarn geht nun die Neue Heimat Tirol in einem Fall sozusagen als gutes „Best Practice“-Beispiel voran und richtet ein eigenes Mediationsverfahren ein. Dabei geht es – wie so oft – um eine Lärmbelästigung.