Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.01.2019


Exklusiv

Zukunft des Freizeitsports: Beim Alltagsskifahrer hapert es

Die Skitouristen werden uns nicht ausgehen, glaubt Tourismusforscher Peter Zellmann. Die Liebe zum Skisport bröckelt allerdings bei den Großstädtern. Der Tiroler Skiverband findet weniger Talente.

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Von Anita Heubacher

Innsbruck – In China ist Skifahren wenige Jahre vor den Olympischen Winterspielen in Peking patriotisch. „Das Regime und die Partei forcieren den Skilauf. Der Skisport steht allerdings noch am Anfang“, erzählt Emanuel Lehner. Er ist für die Österreich Werbung in Peking stationiert. „Die Chinesen sind nicht ganz so tüchtige Skifahrer, das Wintererlebnis steht im Vordergrund.“ In Retortendörfern fünf Stunden von Peking entfernt finden sich ein nachgebauter Kirchturm ebenso wie Häuser im alpinen Stil, die Angabe von Pistenkilo­metern kann allerdings entfallen. Denn die Chinesen rutschen den Hang eher hinunter, den ganzen Tag Ski zu fahren, geht sich nicht aus. „Einzelleistungen sind nicht so wichtig. Im Schnee spazieren, die Natur genießen, darum geht es.“ Österreich müsse wohl sein Produkt überdenken, wenn es chinesische Wintertouristen bewerben wolle, meint Lehner. China sei ein riesiger Markt. Dass die Chinesen im größeren Stil nach Europa zum Skifahren kommen, glaubt Lehner nicht. „Zumindest nicht so bald.“ Japan und Neuseeland seien für chinesische Skifahrer weit leichter zu erreichen. Die Chinesen werden also in unseren Skidestinationen Exoten bleiben und nicht das etwaige nachlassende Interesse am Skisport in unseren Nahmärkten kompensieren.

Die Chinesen wird es auch nicht brauchen. Zumindest, wenn man Peter Zellmann glaubt. Der Professor für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien ist in der Branche ein bekanntes Gesicht. „Dem Wintertourismus werden die Skifahrer nicht ausgehen. Es gibt keinen Grund zum Jammern“, sagt Zellmann. Noch immer kämen die meisten Skifahrer aus Nationen, die einen Alltagsbezug zum Skifahren hätten. „Das Bild des Wintertourismus wird sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren nicht wesentlich ändern, wenn die Beschneiung vorangetrieben wird und der Klimawandel eine solche zulässt.“ Skifahren werde das Hauptprodukt im Winter im Tourismus bleiben.

„Exoten wie China oder Indien werden quantitativ nie eine Rolle spielen. Nähere Märkte wie Russland, Ungarn, Tschechien oder Polen gilt es zu bearbeiten. Dort fährt erst das oberste Achtel und nicht das oberste Viertel Ski.“

Wo es allerdings aus Zellmanns Sicht hapert, ist der Alltagsskifahrer. Hier gebe es innerhalb Österreichs ein gravierendes Ost-West-Gefälle. „Der Nachwuchs aus Ostösterreich versiegt. Skifahren spielt dort bei Großstädtern kaum mehr eine Rolle.“ Alternative Freizeitangebote würden potenzielle Sportler von den Pisten fernhalten. Skischulkurse seien seit Langem nicht mehr verpflichtend, den Lehrern habe man die Kurse vergällt, das wirke sich nun aus. „Dadurch können Eltern nicht mehr Ski fahren und es auch nicht mehr ihren Kindern beibringen.“ Den hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund an Wiener Schulen macht Zellmann nicht für das sinkende Interesse verantwortlich. „Wenn man das Skifahren den Kindern schmackhaft macht, dann funktioniert das auch bei Kindern mit Migrationshintergrund. Man muss das nur wollen.“ Potenzial sieht Zellmann genug. „Es wird aber nicht ausgeschöpft.“

Nachwuchssorgen hat bis zu einem gewissen Grad der Tiroler Skiverband. „Die Gesellschaft ist bequemer geworden. Von 1500 Nachwuchsfahrern sind heute nur noch 500 sehr gut“, erzählt Präsident Werner Margreiter. Früher seien bei 1500 Nachwuchsfahrern 800 sehr gute Skifahrer dabei gewesen. „Heute müssen die Skiclubs Eltern und Kinder zum Fahren animieren und nicht mehr nur nach den Besten suchen.“ Dass das Skifahren nicht mehr so zieht, hängt für Margreiter auch mit dem überbordenden Freizeitangebot zusammen. Es gebe viel mehr Abwechslung und Ablenkung als früher. „Ich kenne keinen Sportverein, der wegen Überfüllung geschlossen wird.“

Die Gesellschaft sei weniger leidensfähig, meint Margreiter. „Da wird gejammert, dass es zu kalt ist, dass man früh aufstehen und zum Skigebiet fahren muss.“ In den Kaderschmieden des Skiverbandes in Stams oder in Neustift zeige sich, dass sich die Gesellschaft weniger bewege. „Wir verzeichnen ein schlechteres Niveau beim Weitsprung aus dem Stand oder beim Hochsprung.“ Die Kinder springen also weniger weit und weniger hoch. „Während Kinder früher zur Schul­e gingen, werden sie heute gefahren. Irgendwann wirkt sich das aus.“

Während also die Qualität der Skifahrer dem Skiverband zu denken gibt, lassen die Mitgliederzahlen etwas Optimismus aufkommen. Der Österreichische Skiverband hat laut Margreiter 145.000 Mitglieder, der Tiroler knapp 39.000. Die widrigen Umstände lassen Margreiter auch kleine Sprünge machen. Das Ziel in Tirol sei, 40.000 Mitglieder zu erreichen. „Das könnten wir schaffen“, meint er.

Symbolfoto.
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