Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


Bezirk Kitzbühel

Sprengungen auf der Bichlalm: Auge in Auge mit der Lawine

Es sind sehr intensive Tage, die hinter den Lawinenkommissionen im ganzen Bezirk liegen. Die TT blickte den Männern in Kitzbühel bei Lawinensprengungen im Bereich der Bichlalm über die Schulter.

Die TT begleitete Alois Haselwanter, Alexander Semonsky und Andreas Werlberger bei einer Lawinensprengung auf der Bichlalm.

© Harald AngererDie TT begleitete Alois Haselwanter, Alexander Semonsky und Andreas Werlberger bei einer Lawinensprengung auf der Bichlalm.



Von Harald Angerer

Kitzbühel – Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, wenn Alois Haselwanter, Alexander Semonsky und Andreas Werlberger in der Früh ihre Sachen packen. Sie sind Teil der Lawinenkommission der Stadt Kitzbühel und der Bergbahn Kitzbühel. In den vergangenen Wochen sind sie täglich ausgerückt, um Lawinen zu sprengen.

Immer mit dabei die komplette Lawinenausrüstung mit Pieps, Sonde und Schaufel, der Lawinen-Airbag und das Sprengmaterial. Zünder und Sprengladung werden dabei auf zwei Rucksäcke aufgeteilt. Beim Lokalaugenschein der Tiroler Tageszeitung waren es drei Sprengladungen. Das Ziel: der Hochetzkogel. Er liegt knapp oberhalb der Bichlalm, dazwischen liegt ein gefährlicher Lawinenhang, der mit Schutzbauten versehen ist, doch daneben sind freie Hänge. Hier könnten Lawinen auf die Piste oder die Lifttrasse rutschen. Das gilt es zu verhindern.

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- Harald Angerer

Doch bei Verhältnissen wie in den vergangenen zwei Wochen ist alleine schon das Erreichen der Sprengpunkte eine Herausforderung. Zuerst geht’s mit dem Geländewagen bis zur Mittelstation des Bichlalmliftes, dann steigen die Männer auf die Schneekatze um, doch auch für diese ist bei der Bichlalm an diesem Tag Schluss. „Die Raupe kommt hier nicht mehr weiter, es ist zu viel Schnee“, erklärt Bergbahn-Kitzbühel-Bereichsbetriebsleiter Andreas Werlberger. Somit heißt es ab dort umsteigen auf die Ski. Ein Aufstieg durch die Schneemassen ist kräftezehrend und auch nicht ganz ungefährlich.

Schon beim Aufstieg sammeln die Männer aber Informationen über den Aufbau der Schneedecke und die Beschaffenheit. Eine erste grobe Einschätzung der Lage ist damit möglich. Die Niederschlagsmengen waren enorm und die Lawinengalerien verschwinden auch schon zum Teil unter den Schneemassen. „Das ist aber kein größeres Problem. Wenn sie wirklich eingeschneit ist, müssen wir den Schnee über den Galerien absprengen. Ihre Haltefunktion darunter bleibt ja erhalten“, schildert Alexander Semonsky.

Doch das ist an diesem Tag nicht notwendig, nach einem kurzen Blick auf die Galerien bringen die Männer die Sprengladungen an einem dort platzierten Sprengmasten an. „Dann bleiben uns drei Minuten, uns in Sicherheit zu bringen“, schildert Werlberger. Der Ablauf erfolgt aber dennoch recht entspannt. Während einer die Sprengladung anbringt, assistiert ihm der zweite und die dritte Person macht einen Fluchtweg bereit und wartet hinter einer leichten Kuppe. Nach einem dumpfen Knall gehen die Männer auf dem Fluchtweg zurück. „Wir machen uns dann ein Bild von der Sprengung und können auch dort Rückschlüsse auf den Schneeaufbau ziehen“, sagt Semonsky.

Doch zur Überraschung der Experten ist nichts abgerutscht. Damit wird ein zweiter Sprengmast gut 50 Meter daneben scharf gemacht. Er ist direkt oberhalb einer steilen Rinne. „Hier geht sicher etwas“, ist Werlberger überzeugt. Das Prozedere wiederholt sich, Ladung anbringen, Fluchtweg bereit machen, in Sicherheit bringen und abwarten. Wieder ein dumpfer Knall und ein weiteres Mal die Überraschung. Kaum etwas ist abgerutscht. „Die Schneedecke scheint gefestigter zu sein, als wir dachten“, sagt Semonsky. Kein Problem, denn damit ist für heute der Lift und die Piste von der Bichlalm gesichert. Vor Lawinen zumindest. Denn bei der Auffahrt mit der Schneekatze mussten schon Bäume von der Piste geräumt werden. „Eine Freigabe ist damit nicht möglich“, erklärt der Betriebsleiter. „Die Gefahrenpunkte werden mehr, es ist derzeit einfach zu unsicher“, bilanziert dazu Haselwanter. Für die Kommission ist die Arbeit aber noch nicht beendet. Der Einsatz muss erst noch am Computer an der Bergstation genau dokumentiert werden. Die Bilanz dabei: mäßiger Sprengerfolg. Auf die Männer der Lawinenkommission wartet dann aber die Belohnung, die Abfahrt zur Talstaion im Pulverschnee.

Die Männer der Lawinenkommission Kitzbühel waren in den vergangenen Wochen fast täglich im Einsatz.
Die Männer der Lawinenkommission Kitzbühel waren in den vergangenen Wochen fast täglich im Einsatz.
- Harald Angerer



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