Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.01.2019


Exklusiv

Kinder fördern, ohne ihnen einen Stempel aufzudrücken

Die Frühförderung der Lebenshilfe stärkt Kinder und Familien. Ein Bescheid mit der Diagnose „behindert“ schreckt aber viele ab.

Bei Frühchen, deren Zahl steigt, setzt die Begleitung gleich nach der Entlassung ein.

© TT-ArchivBei Frühchen, deren Zahl steigt, setzt die Begleitung gleich nach der Entlassung ein.



Innsbruck – Seit 35 Jahren ermöglicht die Lebenshilfe im Zuge der Frühförderung und Familienbegleitung gesellschaftliche Teilhabe von Anfang an. „Das Angebot wurde laufend verbessert, wir unterstützen Familien derzeit ab dem Verlassen der Geburtsstation bis zum Eintritt in die Volksschule“, erzählt Bereichsleiterin Elisabeth Gärtner.

Die Frühförderung wird vom Land finanziert. Ein problematischer Punkt harrt der Lösung: Damit das Land die Kosten übernimmt, muss ein Bescheid ausgestellt werden, der den Vermerk „behindert“ trägt. „Das schreckt einige Eltern ab, weil sie meinen, ihr Kind sei zeit seines Lebens abgestempelt“, sagt Gärtner. Dabei sei diese Bezeichnung gar nicht nötig. Es müsse genügen, wenn ein Arzt einen Förderbedarf feststelle. Seitens der Politik gebe es positive Signale, hier eine „Entstigmatisierung“ einzuleiten.

Zwei Stunden pro Woche gehen die psychologisch und pädagogisch ausgebildeten Frühförderinnen zu den Familien. Zusätzlich haben sie eine einschlägige dreijährige Ausbildung. Es wird vor allem mit den Stärken der Kinder gearbeitet. Die Eltern werden auch ermutigt und Geschwisterkinder eingebunden. „Wir vernetzen, wenn wir merken, dass weitere Hilfe anderer Institutionen benötigt wird“, so Gärtner. Eine Studie legt erstmals dar, wie sehr das Angebot von den Eltern geschätzt wird. Nahezu 90 Prozent der Befragten geben an, dass sie Entwicklungsfortschritte bei den Kindern beobachtet haben. Die Eltern erklären auch, dass ihnen das Angebot geholfen habe, die Kinder besser zu verstehen und sich der Familienzusammenhalt intensiviert habe.

Vielfach äußerten die Betroffenen den Wunsch, dass die Begleitung auch beim Übertritt in die Volksschule beibehalten wird. „In dieser Phase gibt es große Veränderungen, sowohl für das Kind als auch für die Familie. Will man, dass jeder Mensch ein Teil der Gesellschaft ist, braucht es hier eine gute Begleitung“, sagt die Expertin.

Vertrauensvolle, stabile Begleitung ist gerade bei der Einschulung sehr wichtig. Gärtner weiß von Beispielen zu berichten, bei denen die Frühförderung obsolet geworden sei. „Es kommt vor, dass nach zwei oder drei Jahren innerhalb der Familie ein Zustand eintritt, dass alle gelernt haben, mit dem, was ist, gut umzugehen.“

Bei der Förderung sind die Eltern zwar dabei, sie sollen aber nicht zu Co-Therapeuten werden, legt Gärtner dar: „Die Mama soll die Mama, der Papa der Papa bleiben. Das ist die wichtigste Beziehungsebene.“ (pla)