Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.01.2019


Gesellschaft

Gewaltprävention sollte schon im Babyalter ansetzen

Über die Welle von Gewalttaten gegen Frauen herrscht allgemeine Bestürzung, gleichzeitig werden Beratungseinrichtungen wichtige Förderungen gekürzt. Viele setzen auf Prävention schon im Kindesalter.

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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — „Wir wissen immer noch nicht, womit wir im laufenden Jahr rechnen können." Klaus Edlinger von der Männerberatung „Mannsbilder" ist ratlos. Während die Stadt Innsbruck die Einrichtung vermehrt unterstützt, lassen die Fördergelder vom Bund auf sich warten: „Was für uns besonders schlimm ist: Wir können nicht planen."

Dabei ist der Beratungsbedarf groß und die Warteliste lang. „Wenn sich jemand, der ein Problem hat, bei uns meldet, ist das oft schon ein Riesenschritt für ihn. Da müssen wir sofort reagieren und können nicht sagen, dass wir uns in den nächsten zwei Monaten wegen eines Termins melden werden. Wir können viel bewirken, aber dazu müssten wir auch mit den gewaltbereiten Männern arbeiten können." Die meisten Klienten sind deutschsprachig. Edlinger: „Gerichtlich beeidete Dolmetscher kann sich niemand leisten."

Ein Schwerpunkt ist die Arbeit mit Burschen ab zwölf Jahren, bei den Workshops an Schulen geht es ums Mann-Werden und Mann-Sein. Die Nachfrage ist groß. „Wir würden aber auch gerne bei den Schützen, der Feuerwehr oder in Vereinen, wo junge Leute anzutreffen sind, präventiv arbeiten." Der Einschätzung des Beraters zufolge hat die Gewaltbereitschaft zugenommen, „damit umzugehen ist Ziel unserer Arbeit".

Ein Thema, das bei Jugendlichen zu wenig berücksichtigt werde, ist der Alkohol — durch seine enthemmende Wirkung „die schlimmste Droge, die es in Österreich gibt". Über ein Drittel werde nach übermäßigem Konsum gewalttätig. Aggressionen sollten aber nicht prinzipiell verteufelt werden, so Edlinger: „Sie gehören zum Leben und sollten nicht unterdrückt werden. Es geht darum, dass sie sich nicht gegen jemanden richten und auch nicht körperlich werden."

In vier Schritten zur gewaltfreien Kommunikation Barbara Plank, Trainerin im Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation Austria in Tirol, bringt Kindern in Kindergärten und Schulen bei, Konflikte auszutragen, ohne andere zu verletzen. Den Weg zur gewaltfreien Kommunikation erklärt sie in vier Schritten.

Schritt 1: Es geht darum zu beobachten, ohne zu bewerten. „Kinder sind genial und haben diese Fähigkeit noch, leider geht das später oft verloren", bedauert Plank, selbst Mutter von zwei Töchtern.

Schritt 2: Dabei wird geübt, Gefühle zu benennen. „Anfangs werden meist nur Begriffe wie ,gut' oder ,schlecht' verwendet. Mit der Zeit lernen sie, sich differenzierter auszudrücken.

Schritt 3: Dabei geht es um das Erkennen von Bedürfnissen. Ein häufiger Konflikt: Während die anderen Kinder gemeinsam zu jausnen beginnen, möchte eines noch seinen Turm fertigbauen, es fehlen nur drei Bausteine. Muss es trotzdem aufhören, beginnt es zu protestieren. „Es geht um die Frage, was das Kind in der Situation braucht, und auch, was der Pädagogin wichtig ist. Das Kind darf sagen, was ihm wichtig ist, und merkt, es wird ernst genommen. Sobald die Bedürfnisse klar sind, ist eine befriedigende Lösung für beide möglich."

Schritt 4: Strategien sollen helfen, Wünsche in einer konkreten Bitte auszudrücken. „Sagen, was man vom Gegenüber gerne hätte, ist ungewohnt. Das fällt vielen schwer — teils aus Scham, aber auch aus Angst, der andere könnte Nein sagen."

In diesem Jahr soll die Schulsozialarbeit Tirol (Schuso) weiter ausgebaut werden, berichtet unterdessen Fachbereichsleiter Philipp Bechter. „Aktuell arbeiten wir mit Studierenden des Departments Soziale Arbeit des MCI und unseren Kooperationspartnern an einem für Kinder und Jugendliche geeigneten Selbstbehauptungstraining zur Gewaltprävention."

Für Birgit Eder von der Pädagogischen Hochschule Tirol beginnt die Gewaltprävention „bestenfalls im Babyalter": „Schon Kleinkinder sollen vielfältige Möglichkeiten erhalten, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen." Erwachsene müssten in der Lage sein, diese unterschiedlichen Formen des kindlichen Ausdrucks zu deuten, um adäquat reagieren zu können.

Gerade bei sehr jungen Kindern dürfe aber nicht jeder impulsive körperliche Ausdruck als Gewalt bewertet werden: „Aus den Neurowissenschaften wissen wir inzwischen, dass jenes Zentrum im Gehirn, das für eine funktionierende emotionale Impulskontrolle zuständig ist, erst etwa mit dem 20. Lebensjahr vollständig ausgereift ist."

Grundsätzlich werde das Verhalten positiv durch stabile, verlässliche Beziehungen beeinflusst und durch die damit zusammenhängende Sicherheit, dass primäre Bedürfnisse verlässlich befriedigt werden. „Gewalt ist ja häufig eine Äußerung von Frustration, die ein Kind überfordert." Kinder lernen sehr effizient durch Vorbilder, deren Verhalten sie nachahmen. „Und dies wäre aus meiner Sicht der zweite wichtige Ansatzpunkt im Sinne der Gewaltprävention: Wenn Kinder erleben, dass Erwachsene ihre Konflikte gewaltfrei lösen können, dann wird dieses Modell auch dem Kind als wichtige Orientierung zur Verfügung stehen.