Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.02.2019


Bezirk Landeck

Lawinensprengungen: Wenn es die Ischgler wieder krachen lassen

In Ischgl sind Lawinensprengungen Routine. Seit acht Jahren werden die Schneemassen im Großtal und am Hohen Zug künstlich ausgelöst.

Acht Lawinensprengmasten bedient die Gemeinde Ischgl.

© WolfAcht Lawinensprengmasten bedient die Gemeinde Ischgl.



Von Matthias Reichle

Ischgl – „Geht es euch gut?“, „Oh mein Gott!“ – besorgte Kommentare wie diese wurden im Jänner im Internet unter dem Video einer Ischgler Lawinensprengung gepostet. Auf der Aufnahme bahnt sich eine gewaltige Staublawine ihren Weg ins Tal und hüllt mit einem feinen Nebel aus Schneekristallen auch noch die Straße und Gebäude ein. Dramatische Bilder, keine Frag­e – aber in Ischgl Routin­e, wie Bürgermeister Werner Kurz betont. Seit dem Winter 2011/12 löst die Gemeinde am Hohen Zug und im Großtal Lawinen künstlich aus, um die Gefahr von unkontrollierten Abgängen über der Paznauntalstraße zu verhindern. Die Gemeinde war damit Vorreiter in Tirol. Die Sprengung, die so viel Staub aufwirbelte, sei harmlos gewesen, wurde aber von Medien sehr negativ bewertet, so Kurz. Zuschauer hatten das Schauspiel gefilmt, online verbreitete es sich über mehrere Kanäle. Dort hielten viele die Lawine für „echt“.

Dabei drückten die Mitarbeiter der Paznauner Gemeinde in diesem Winter bereits zehnmal auf den Zündknopf. „In einem besonders strengen Winter hatten wir auch schon 16 Sprengungen“, erklärt der Dorfchef. Durchgeführt werde das unter hohen Auflagen, die Entscheidung fällt die Lawinenkommission. „Das kommt ganz auf die Situation an. Aber meist schon ab 30 bis 40 Zentimetern Neuschnee.“ Ziel sei es, die Schneemenge am Berg möglichst klein zu halten.

Ein beeindruckendes Schauspiel – das kontrolliert abläuft: die Sprengung der Großtallawine.
Ein beeindruckendes Schauspiel – das kontrolliert abläuft: die Sprengung der Großtallawine.
- Gemeinde Ischgl

Die Polizei wird per SMS informiert. Sie sichert die Silvrettastraße mit zwei Streifen ab und absolviert eine Kontrollfahrt, während Gemeindemitarbeiter die Gemeindestraßen, Loipen und Wanderwege überprüfen. Erst dann wird mittels Fernauslösung gesprengt. „Das alles dauert keine zehn Minuten – dann gehen alle wieder nach Hause“, schildert der Dorfchef den Ablauf. „Wir sind ein eingespieltes Team. Jeder weiß, was er zu tun hat.“

Das bestätigt auch die Ischg­ler Polizei. Bisher sei niemals etwas passiert, der Ablauf sei inzwischen Routine.

Dafür beschäftigt die Gemeinde inzwischen zwei eigene Sprengmeister, die die acht Masten bedienen – zwei am Hohen Zug, sechs für die Großtallawine. Sie werden ferngezündet, der Sprengstoff fällt aus einer Röhre und detoniert knapp über dem Boden, „dort hat er die höchste Wirkung“, erklärt Kurz.

Lawinensprengungen hätten sich für die Gemeinde rentiert. „Seither war die Straße zwischen Ischgl und Mathon nicht mehr gesperrt.“

In der kommenden Woche erwartet man in der Gemeinde wieder Neuschnee. Die Sprengmasten wurden nachgeladen. Man ist bereit.




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