Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.02.2019


Exklusiv

Familienforscher: „Mehrere verkürzte Ferien wären besser“

In Österreich gibt es weniger Mehrkindfamilien, trotzdem erleben viele Familien die Schule als Stressfaktor. Das zeigt eine Studie. Politik und Wirtschaft müssten nicht nur bei den Ferien familienfreundlicher sein, sagt Familienforscher Wolfgang Mazal.

Das erste Halbjahr ist geschafft, jetzt geht’s mal ab in die Semesterferien und damit für viele Kinder auf die Piste. <span class="TS_Fotohinweis">Foto: iStock</span>

© E+Das erste Halbjahr ist geschafft, jetzt geht’s mal ab in die Semesterferien und damit für viele Kinder auf die Piste. Foto: iStock



Innsbruck — Die Semesterferien stehen vor der Tür. Und damit viele Familien vor der Entscheidung: Wohin geht es im Herbst? In eine NMS, in ein Gymnasium? Und im Falle aller Viertklässler einer NMS: (berufsbildende) höhere Schule oder Lehre? In der Mehrzahl der Familien erfolgt die Wahl oft sehr unreflektiert. Zumindest kommt eine Studie des Instituts für Familienforschung zu diesem Ergebnis. Zwei Jahre lang wurden 21 Fälle analysiert. Fazit: In vielen Fällen spielt der soziale Druck aus der Umgebung und eine vorgefasste Meinung bei der Entscheidung eine höhere Rolle als das Talent des Kindes. Insgesamt sei die Schule ein großes Thema und emotional gesehen ein schwerer Brocken im Alltagsleben vieler Familien, erklärt Wolfgang Mazal vom Institut für Familienforschung.

Was beschäftigt Familien im Kontext Schule am meisten?

Wolfgang Mazal: Die Schule beschäftigt Familien sehr, sehr stark, weil sie das Alltagsleben dominiert. Es geht um Fragen der Erreichbarkeit, um Außeneinflüsse, um Hausübungen, um Organisation innerhalb der Familie. Schule saugt viel Energie ab.

Eine Studie Ihres Instituts kam zu dem Ergebnis, dass Eltern bei Weichenstellungen nach der Volksschule sehr von Emotionen geleitet sind. Viele Lehrer erzählen, dass Eltern Druck auf Noten machen, um ins Gymnasium zu kommen. Wie erklären Sie sich das?

Mazal: Unsere Gesellschaft ist inhomogener geworden. Früher war es in einem Dorf klar, dass alle in dieselbe Schule gehen, die meisten kamen aus demselben Milieu — das ist heute nicht mehr so klar. Es gibt viel mehr Angebote und Möglichkeiten. Eltern müssen den Spagat zwischen einer guten Zukunftsperspektive für das Kind, seinen Neigungen und einer pragmatischen Lösung zur Alltagsbewältigung finden. Man sollte Eltern hier mehr Freiräume und Informationen für ihre Entscheidungen geben und Druck herausnehmen. Vielen Eltern geht es bei der Schulwahl darum, dass die soziale Zusammensetzung der Klassen passt, sie meiden Schulen, wo sie ihre Kinder nicht gut aufgehoben wissen. Das sollte die Politik akzeptieren, darüber kann man viel reden, aber Fakt ist, dass der Ruf einer Schule sehr viel bei der Wahl ausmacht. Da wollen sich Eltern nichts vormachen lassen.

In einem früheren Interview plädieren Sie für eine Art Krisen- und Familienkarenz für Eltern mit Schulkindern. Aktuell wackelt gerade ein vorgeschlagener Papamonat, warum sollten Politik und Wirtschaft Auszeiten für größere Kinder einführen?

Mazal: Familien bräuchten besonders in stürmischen Zeiten Luft, um akute Probleme zu bewältigen. Wenn beide Eltern im Vollerwerb sind, ist das fast unmöglich. Es gibt gute Gründe für Teilzeit. Unsere Arbeitszeitkultur in Österreich ist alles andere als familienfreundlich. Hier eine Regelungstechnik zu finden, Arbeitszeit zu verlagern, würde viel abfedern.

Unbezahlt?

Mazal: Ja, dann wäre es für Unternehmen auch verkraftbar.

Welche Rolle spielt die Anzahl der Kinder?

Mazal: Wo früher drei Kinder waren, sind es heute zwei. Mehrkindfamilien nehmen ab, was auch damit zu tun hat, dass die Familien- und Erwerbsarbeit in Summe an die Grenzen der Belastbarkeit führt. Das erlebt man selber oder sieht es bei anderen.

Entlasten Ferien nicht?

Mazal: Im Sommer ist es für berufstätige Eltern schwierig, neun Wochen am Stück zu organisieren. Man kann Kinder auch nicht von früh bis spät abends fremdbetreuen lassen. Es geht um Familienzeit. Besser wären etwas kürzere Sommerferien und Ferien in kürzerer Periode, dafür öfter.

Das Gespräch führte Liane Pircher