Letztes Update am Do, 21.02.2019 11:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fragen und Antworten

„9/11“ der Kirche: Krisengipfel zum Thema Missbrauch im Vatikan

Für den Papst und die katholische Kirche steht viel auf dem Spiel. Bei dem historischen Missbrauchsgipfel im Vatikan erwarten viele von Franziskus konkrete Taten. Doch noch vor Beginn des Spitzentreffens macht sich bei Opfern Enttäuschung breit.

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© APA/Hochmuth(Symbolbild)



Rom – Papst Franziskus hat nach jahrzehntelangen Skandalen am Donnerstag das erste Gipfeltreffen im Vatikan zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche eröffnet. Zum Auftakt sagte der Papst, die Welt erwarte von der Kirche „konkrete und wirksame Maßnahmen“ gegen den Missbrauch. „Mut und konkretes Handeln“ forderte der Papst in seiner Ansprache vor den katholischen Bischöfen, die bis Sonntag über Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen der Kirche beraten. Die österreichische Bischofskonferenz wird durch den Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn vertreten.

Der Papst dankte seinen Mitarbeitern, die das Gipfeltreffen organisiert haben. Die Begegnung sei eine Gelegenheit, das Übel in eine Chance für mehr Bewusstsein umzuwandeln. „Die Muttergottes helfe uns, die tiefen Wunden zu heilen, die der Skandal des Kindesmissbrauchs sowohl in den Kindern, als auch in den Gläubigen verursacht hat“, so der Papst.

Opfer schon vorab enttäuscht

Zusammen mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt will Franziskus Wege finden, um sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern. Opfer fordern von Franziskus konkrete Taten – wurden aber schon vor Beginn des Gipfels enttäuscht. Sie hätten den Papst treffen wollen, wurden jedoch nicht von ihm persönlich empfangen. Lediglich Mitglieder des Organisationskomitees trafen am Mittwoch die Missbrauchsopfer. Ein Sprecher des Vatikan sagte im Anschluss, ein Treffen der Opfer mit Franziskus sei nie geplant gewesen. Allerdings konnte eine Gruppe von Missbrauchsopfern aus Polen dem Papst bei der Generalaudienz am Mittwoch einen Bericht über die Vertuschung entsprechender Taten in ihrem Land überreichen.

Reue reicht nicht mehr

Die Gefahr einer Enttäuschung ist groß. Reue für das „9/11“ der Kirche – wie der Privatsekretär von Ex-Papst Benedikt, Georg Gänswein, mit Verweis auf die Anschläge vom 11. September 2001 sagte – hat die Kirche genug gezeigt. Die Opfer haben konkrete Forderungen: Eine Änderung des Kirchenrechts zum Beispiel. Und eine sofortige Entlassung aus dem Priesterstand, wenn Täter überführt werden. Doch bindende Beschlüsse können die etwa 190 Teilnehmer auf der Konferenz gar nicht fassen. Hinzu kommt, dass in vielen Erdteilen Missbrauch bisher nicht als Problem anerkannt ist – weder in der Kirche noch in der Gesellschaft.

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Was kann und will der Missbrauchsgipfel?

Warum findet das Spitzentreffen statt?

Die ersten Missbrauchsfälle kamen schon vor Jahrzehnten ans Licht, zunächst in Nordamerika. Der Vatikan nennt als erstes den Skandal 1984 in Kanada. Mit Skandalen in den USA, in Irland, Deutschland, Chile und in vielen anderen Ländern wurde der Druck auf die Kirche immer stärker. Franziskus‘ Vorgänger Benedikt XVI. hatte sich als erster Papst dem Thema gestellt und sich mit Opfern getroffen. Franziskus spricht immer wieder von „Null Toleranz“ gegenüber Tätern. Doch in vielen Teilen der Kirche herrscht immer noch Widerstand gegen die Aufklärung.

Wer ist dabei und was wird diskutiert?

Neben dem Papst kommen rund 110 Chefs der Bischofskonferenzen der Welt, aus Österreich Kardinal Christoph Schönborn. Auch Vertreter der römischen Kurie, darunter der Glaubenskongregation, und von Orden und Religionsgemeinschaften sind dabei. Kritisiert wurde, dass nur etwa zehn Frauen eingeladen wurden. Das Treffen ist in drei Themen gegliedert: Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Transpsarenz. Für viele Opfer wiegt schwer, dass Täter von ihren Vorgesetzten gedeckt und nie bestraft wurden. Auf den Tisch kommen soll auch das Machtgefüge in der Kirche.

Was sind die Ziele?

„Schweigen ist inakzeptabel“, sagte der Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, der zum Vorbereitungskomitee gehört. Am Ende soll jeder Bischof in jedem Winkel der Welt die kirchenrechtlichen Verfahren kennen und nicht mehr sagen: Bei uns gibt es sowas nicht. Der deutsche Jesuit und Kinderschutzexperte Hans Zollner, der auch zum Vorbereitungskomitee gehört, will Laien (Nichtgeistliche), darunter auch Frauen, stärker in den Prozess der Machtkontrolle einbinden. Ihm schweben auch „Task Forces“ bei den Bischofskonferenzen vor, die in den einzelnen Ländern helfen sollen, Leitlinien zum Kinderschutz umzusetzen.

Was sind die Probleme?

Missbrauch von Kindern wird in der Welt vollkommen unterschiedlich gesehen. In afrikanischen und asiatischen Ländern oder im Nahen Osten ist das Thema nicht so prominent wie in Europa oder den USA. Es hängt auch immer vom Kontext ab, wie Missbrauch in der jeweiligen Region in der gesamten Gesellschaft gesehen wird. Auch in der Kurie gibt es Widerstand gegen die Aufklärung.

Was wollen Opfer und Kirchenreformer erreichen?

Sie wollen vor allem konkrete Taten des Vatikans. Dazu gehört eine Änderung des Kirchenrechts. Priester, Bischöfe und Kardinäle sollen zum Beispiel umgehend aus dem Klerikerstand entlassen werden, wenn sie sich der Missbrauchs oder der Vertuschung schuldig machen, fordern Opfervertreter. Außerdem sollen die Opfer besser gehört und ernster genommen werden.

Welche Rolle spielen die Opfer bei dem Treffen?

Sie werden an der Konferenz nicht direkt teilnehmen. Der Vatikan hat die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen aber aufgefordert, vor dem Gipfel Opfer zu treffen. Zu Beginn der Konferenz sollen Zeugenberichte per Video abgespielt werden. Auch jeweils ein Opfer soll beim Abendgebet Zeugnis ablegen. Am Rande des Gipfels finden jeden Tag Pressekonferenzen und Demonstrationen von Opfervereinigungen statt. Vor dem Gipfel fand ein Treffen von Opfervertretern mit den Organisatoren statt.

Wird es konkrete Beschlüsse geben?

Das Gremium kann keine bindenden Beschlüsse fassen. Es ist bisher auch keine Abschlusserklärung geplant. Der Papst wird aber am Ende der Konferenz eine Rede halten und das Treffen abrunden.

Wird auch über den Zölibat diskutiert, also die Ehelosigkeit von Priestern?

Nein, nicht explizit. Es wird auch keine Veränderung der Kirchenlehre in diesem Punkt geben, sagte Zollner der Zeitung „Der Welt“. Eine Studie der Bischofskonferenz ergab, dass Diakone in geringerem Maß Täter von Missbrauch werden als Priester. Allerdings ist das Profil verheirateter Diakone - die meist erst in höherem Alter und nach vielen Ehejahren geweiht werden - schwer mit denen von Priestern vergleichbar. Außerdem haben Studien gezeigt, dass die Ehelosigkeit per se kein Grund für Missbrauch ist.

Und was ist mit dem Thema Homosexualität?

Auch hier scheiden sich die Geister. Rund zwei Drittel der Missbrauchsopfer sind Buben. Ein Zusammenhang mit Homosexualität an sich wurde in mehreren Studien ausgeschlossen. Allerdings wird Homosexualität in der Kirche oft verschleiert, was nach Ansicht einiger Experten zu einer Kultur des Geheimhaltens und Vertuschens führt.