Letztes Update am Mo, 11.03.2019 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Irak

Zillertaler engagiert sich in Mosul: „Die Hoffnung stirbt langsam“

Der gebürtige Zillertaler Joe Höllwarth investiert jede freie Minute für humanitäre Hilfsaktionen in Mosul (Irak). Er will den hilflosen Kindern dort eine Zukunft schenken.

Der gebürtige Zillertaler Joe Höllwarth wohnt in Münster, reist aber, so oft er nur kann, nach Mosul. Sein Ziel: Er will den Menschen in der zerbombten Stadt helfen, bringt ihnen Lebensmittel und medizinische Hilfe.

© HöllwarthDer gebürtige Zillertaler Joe Höllwarth wohnt in Münster, reist aber, so oft er nur kann, nach Mosul. Sein Ziel: Er will den Menschen in der zerbombten Stadt helfen, bringt ihnen Lebensmittel und medizinische Hilfe.



Zillertal, Mosul — Von der einen Sekunde zur anderen ändert sich alles. Schüsse ertönen. In der einen Straße sieht noch alles normal aus, in der nächsten nicht mehr. Dort steht kein einziges Gebäude mehr. Alles zerbombt. Leben und Tod gehen in Mosul Hand in Hand. Aber die Stadt ist nicht verlassen. Mitten in den Trümmern leben viele Menschen. Verzweifelte Menschen. Wieder und wieder wird Joe Höllwarth bei Checkpoints aufgehalten und durchsucht. Er ist in Mosul, weil er helfen will. Sein Herz schlägt vor allem für die Kinder, denen er eine Zukunft schenken will. Und das macht er alles in seiner Freizeit.

Wie kam es, dass du dein Leben von heute auf morgen umgekrempelt hast und dich nun so für notleidende Menschen im Irak einsetzt?

Höllwarth: Angefangen hat das 2015 mit der Flüchtlingswelle. Die Berichte haben mich schockiert. Da habe ich mir gedacht, das kann's nicht sein. Also habe ich mich mit dem Auto voller Babykleidung, Mützen und Schals auf den Weg nach Spielberg gemacht. Da habe ich erste Kontakte geknüpft. Schnell hat sich ein Netzwerk mit freiwilligen Helfern gebildet. Dann bin ich nach Idomeni in Griechenland. Ich wollte einfach helfen. Im Endeffekt verschlug es mich dann in den Irak.

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- Höllwarth

Wie sieht deine Hilfe in Mosul aus? Woran fehlt es den Menschen dort?

Höllwarth: Es fehlt an allem — ob medizinische Versorgung oder Lebensmittel. Zwei Drittel der Stadt sind komplett zerbombt. Hunderttausende Menschen haben kein Dach überm Kopf, sie leben teils in den Ruinen oder Flüchtlingslagern. Ich organisiere Lebensmittelverteilungen. Ich habe ein kleines Mädchen, das bei einem Bombenangriff schwer verletzt wurde, in den Ruinen gefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Dort habe ich es geschafft, dass sie operiert wurde. Die Leute haben kein Geld und die Gesundheitsversorgung ist schwierig. Da bleiben viele auf der Strecke.

Du sammelst nicht nur Spendengelder, sondern organisierst auch Transporte mit Hilfsgütern. Wie meisterst du das alles?

Höllwarth: Ich habe das Elend in Mosul gesehen. Die haben dort keine Bandagen, nichts. Daher habe ich letztes Jahr den ersten medizinischen Hilfsgütertransport organisiert. Da gingen Ultraschallgeräte, Laborausrüstungen usw. nach Mosul. Bald folgt der nächste Transport. So was ist sehr aufwändig. Da geht viel Zeit drauf. Ich mache das nach der Arbeit. Andere haben ein Hobby und ich wende meine Zeit für humanitäre Hilfsaktionen auf.

Wie kann man dich unterstützen?

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- Höllwarth

Höllwarth: Wir haben den Verein Freundeskreis Flüchtlingsheim St. Gertraudi gegründet und so kann man uns unterstützen.

Wie ist es in Mosul? Wie gehst du vor, wenn du dort hinkommst?

Höllwarth: Man kann nicht einfach nach Mosul reinfahren. Da sind nach wie vor der IS, die Milizen, und als Ausländer bist du dort ein gefundenes Fressen. Aber ich habe ein tolles Netzwerk vor Ort und gute Kontakte — die braucht man für seinen Schutz. Ich setze mich in Mosul u. a. für die jesidische Bevölkerung ein. Im Moment kümmere ich mich auch um zwei Schmetterlingskinder. Ich konnte bereits viele Kinder zu Ärzten bringen, die durch Operationen gerettet wurden. Ich habe auch Familien besucht, Kuscheltiere verteilt, Medikamente besorgt, die sich die Leute nicht leisten können, und vieles mehr. Ich versuche zu helfen, wo ich nur kann.

Welchen Moment wirst du nie wieder vergessen?

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- Höllwarth

Höllwarth: Da gibt es viele. Vor einem Jahr habe ich bei einem Stadtrundgang so viele Leichen gesehen, es stank bestialisch, dort waren so viele traumatisierte Kinder, die in Zelten auf dem Boden lagen. Ein anderes Mal wurde ich bei der Einreise in einem Checkpoint festgehalten. Da ich nur ein kurdisches, aber kein arabisches Visum hatte. Einer vom Geheimdienst machte Fotos von mir.

Hast du da um dein Leben gebangt?

Höllwarth: Es ist ein Moment, den ich nicht mehr vergessen werde. Aber ich war relaxt. Ich kam mit den Soldaten ins Gespräch und alles ging gut aus. Angst machte sich damals breit, als ich mit einem Freund nach einer Lebensmittelverteilung am Abend in den anderen Teil der Stadt wollte. Da aber alles in Schutt und Asche liegt, sieht jede Gasse gleich aus. Wir habe­n die einzige Brücke über den Fluss nicht gefunden. Und im Dunkeln weißt du nicht, wem du begegnest. Da wurde mir mulmig.

Gibt es auch schöne Momente?

Höllwarth: Natürlich — wenn ich sehe, dass ich helfen kann. Wenn ein Kind nach der Operation wieder gehen oder sehen kann. Wenn eine Mutter, die so viel Leid erleben musste, plötzlich wieder strahlt.

Haben die Leute noch Hoffnung?

Höllwarth: Ja, vor allem, wenn sie Hilfe bekommen. Es bedeutet für sie Zukunft. Die Hoffnung stirbt aber langsam, wenn man nach fünf Jahren noch immer nicht in sein Gebiet zurückkann, die Häuser nicht von Sprengfallen gesäubert werden oder noch immer dieselben Leute am Ruder sind.

Wenn du einen Wunsch frei hättest — was wäre das?

Höllwarth: Einen Euromillionen-Sechser. Den würde ich in Mosul ausgeben.

Das Interview führte Eva-Maria Fankhauser

Hoffnung schenken

Vortrag: Joe Höllwarth und Faisal Ahmed sprechen am Donnerstag, 14. März, im Gemeindesaal Strass über ihre Erlebnisse bei den Hilfseinsätzen in Mosul. Eintritt ist frei.

Spenden:

Kontoinhaber: Verein Freundeskreis FH St. Gertraudi; IBAN: AT23 1400 0668 1012 5889; Kennwort: Hilfe vor Ort – Irak