Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.03.2019


Exklusiv

Gegen die Diffamierung der Religion und „atheistische Scheuklappen“

„Gott ist eine Erfindung der Männer“ - das Interview zum Frauentag mit Biochemikerin Renée Schroeder hat bei etlichen Tiroler Gläubigen Diskussionen und auch Unverständnis hervorgerufen.

Symbolbild.

© Getty Images/iStockphotoSymbolbild.



Von Jozef Niewiadomski

Es gibt Texte, bei denen man nicht weiß, ob man beim Lesen lachen, weinen oder nur noch beten soll. „Gott ist eine Erfindung der Männer", stand in der Tiroler Tageszeitung groß unter einem Bild, auf dem mehrere Bischöfe zu sehen waren. Von hinten freilich, erkennbar nur an den roten Käppchen. Zum Internationalen Frauentag interviewte Anita Heubacher die bekannte österreichische Biochemikerin Renée Schroeder. Mehrfach ausgezeichnet, zählt sie zu den Spitzenforscherinnen in ihrem Fach. Ihre Stimme besitzt auch in der Öffentlichkeit einen hohen Wert. Als bekennende Atheistin äußert sie sich immer wieder kritisch zu Religion. Mit ihrem Interview zum Zusammenhang von religiösem Glauben und Unterdrückung der Frau entblößt sie allerdings ihre Ignoranz in Sachen Religion in einem fast schon erschreckenden Ausmaß.

Das Interview driftete auch weg von der Thematik des Weltfrauentags zum Rundumschlag in Sachen Religion. Der Text allein würde eine Entgegnung kaum verdienen, wenn er nicht ein besonders krasses Beispiel einer Tendenz wäre, die in unserer „aufgeklärten Öffentlichkeit" immer mehr Fuß fasst.

Univ.-Prof. Jozef Niewiadomski (68) ist bei Lublin in Polen geboren. 1975 wurde er zum Priester geweiht. Seit 1986 ist er Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. (Jozef.Niewiadomski@uibk.ac.at)
Univ.-Prof. Jozef Niewiadomski (68) ist bei Lublin in Polen geboren. 1975 wurde er zum Priester geweiht. Seit 1986 ist er Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. (Jozef.Niewiadomski@uibk.ac.at)
- thomas boehm

Schroeder setzt mit gutem Recht subjektiv an. Sie mag „das Bild der leidenden Frau" nicht, das von der katholischen Kirche gelehrt wird. „Je mehr sie leidet, desto reiner ist sie", soll die Kirche lehren. Der Befund wird mit einer Aussage in Verbindung gebracht, die alles andere als harmlos ist. Aufgrund dieses Frauenbildes seien Frauen „im Besitz des Mannes", sollen somit auch schweigen und die Unterdrückung „ertragen".

Von welcher Kirche redet hier die Wissenschafterin, wenn sie in „fremden Gewässern" fischt? Ist es die Kirche des 19. oder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind es einzelne Fälle, die ihr persönlich bekannt sind? Gerade als politisch links orientierte Frau weiß sie doch bestens, was es bedeutet, Allgemeinurteile aufgrund von Einzelbeispielen zu fällen. Man nennt dies in anderen Zusammenhängen Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit. Im Eifer des Gefechtes für die gute Sache der Befreiung der Frau legt die Wissenschafterin — vermutlich ohne dies zu ahnen — die Abgründe ihrer Überzeugung offen. Sie versteht es nicht, dass „Frauen überhaupt in die Kirche gehen", glaubt gar zu wissen, dass die meisten Katholiken nicht an Gott glauben und auch die Bibel nicht kennen.

Ihr Vorstellungsvermögen in Sachen Religion erschreckt: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass heutzutage noch irgendwer daran glaubt." Als achtjähriges Mädchen sei sie zur Überzeugung gekommen, dass es Gott nicht gibt. Auf dem Niveau des damaligen kindlichen Glaubens ist ihr religiöses Wissen über „Himmel, Hölle und Teufel" offensichtlich auch stagniert. Mit einer Ausnahme vielleicht: Irgendwann dürfte die begierige Schülerin in die Schule marxistisch-leninistischer Aufklärung geraten sein. Religion sei der von den Mächtigen gezielt eingesetzte Betrug an den „Armen" zur Vertröstung im Jenseits für das leidvolle Geschick im Diesseits.

Nun reimt sie sich ihre Bausteine zusammen: Die Männer hätten Gott erfunden, um die Frauen kleinzuhalten und sie bloß aufs Jenseits zu vertrösten. Als Beweis für ihre Thesen kann sie auf die katholischen Bischöfe hinweisen, die in Sachen Abtreibung mitreden, damit wohl auch die Frauen unterdrücken und zu ihrem Leid beitragen. Dass sie bei der Gelegenheit auch den Muslimen eine Ohrfeige austeilt, sei auch vermerkt. Sie — wie halt alle Gläubigen — müssten dumm sein, verstünden sie doch nicht einmal, was sie beten. Das Interview ist gewürzt mit Hinweisen auf die Fälle des Missbrauchs in der katholischen Kirche, die ja dem ganzen Text zur Glaubwürdigkeit verhelfen sollen.

Nun frage ich mich: Was bedeutet es, dass ausgewiesene Wissenschafter die Grenze ihres Faches radikal überschreiten und mit ihren Stellungnahmen den Eindruck erwecken, als würden sie wissenschaftlich begründete Ansichten zum Besten geben? Es hat ja Zeiten gegeben, da die Theologen sich auch im Bereich naturwissenschaftlicher Theorien als Spezialisten ausgegeben haben. Spätestens seit der „Korrektur" des Urteils über Galileo Galilei und der Begründung dieses Schrittes durch Johannes Paul II., man habe damals Glaubensaussagen mit wissenschaftlichen Theorien verwechselt, sind die Theologen besonders vorsichtig, machen sich auch vertraut mit dem wissenschaftlichen Diskurs anderer Disziplinen.

Diese Haltung findet man leider nicht unbedingt bei allen Naturwissenschaftern. Die Modeerscheinung des so genannten Neuen Atheismus zeigte es deutlich: Gute Naturwissenschafter dilettierten in Sachen Religion mit theologischen und religiösen Erkenntnissen, die vielleicht Gang und Gäbe waren in den Zeiten ihrer Kindheit. So „verkaufen" sie immer noch die biblischen Schöpfungserzählungen als kirchliche Weltentstehungstheorie.

Religion wird nicht nur als Relikt kindlich-animistischer Denkweise diffamiert; sie sei dafür verantwortlich, dass Menschen das Leben nicht genießen können. Die große Werbekampagne mit dem Schlagwort „Es gibt keinen Gott, genieße das Leben" offenbarte allerdings den letztlich grenzenlosen Hedonismus, der eine sinnvolle Diskussion über die Ethik des Zusammenlebens unterminiert. Und dies deswegen, weil er dem Großteil der Menschheit Fanatismus und Intoleranz unterstellt. Weil alle Religionen auf Gewalt reduziert werden, kann die friedensstiftende Arbeit von Kirchen nicht einmal wahrgenommen werden.

Dass es in der Gegenwart fundamentalistische Zirkel gibt, bei denen man Elemente solcher Positionen finden kann und die man als Hilfe zur Konstruktion eines Pappkameraden „Religion und Kirche" benutzen kann, bestreite ich nicht. Wissenschaftliche Redlichkeit sieht aber anders aus. Die Aussagen von Renée Schroeder entpuppen sich also zuerst als Paradebeispiel blanker Ignoranz in Sachen heutiger Theologie und letztlich auch heutiger Religionspraxis. Zum anderen ist es der Grundton militanter Intoleranz, der ihre Aussagen durchzieht. Man sollte die Logik ihrer Ausführung konsequent zu Ende denken. Sollte Gott „eine Erfindung der Männer" sein, die das Geschick der Frauen zu Leidensexistenzen verwandelt, so müsste doch irgendwann dem unheilvollen Treiben ein Ende gesetzt werden. Stalinistische Verfolgung der Religion und auch diejenige in Nordkorea fing nämlich auch bei naturwissenschaftlich untermauerten Urteilen über den vermeintlichen Betrug mit Hilfe der Religion und dem Outing jener an, die den Irrtum zur Unterdrückung von Menschen benutzen.

Der Schritt von der verbalen Pauschaldiffamierung zur handgreiflichen Verfolgung ist kleiner, als man es auf den ersten Blick vermutet. Unsere Gegenwart scheint jedes Gespür für den rationalen Umgang mit Religion und den Fehlern im Kontext des religiösen Verhaltens verloren zu haben. Gerade die katholische Kirche ist zu einer Zielscheibe geworden, auf die man inzwischen mit den Waffen vom allerschlimmsten Kaliber feuern kann. Dass damit humanistische Grundsätze jeder aufgeklärten Kultur, die von der Achtung der Andersdenkenden, Andersgläubigen und Nichtgläubigen redet, mit Füßen getreten werden, sehen militante Atheisten nicht.

Als Wissenschafter und Theologe kann ich nur noch beten, dass auch die Atheisten lernen, rational und niveauvoll zu argumentieren! Und wenn sie trotz oder vielleicht auch wegen ihrer naturwissenschaftlichen Qualifikationen das nicht vermögen, möge Gott ihnen helfen, bei ihrem Leisten zu bleiben. Wie dies der Fall war mit den „alten SchusterInnen".