Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.03.2019


Exklusiv

Aggressionen gegen Beamte werden immer häufiger

Schreien, Toben, Beschimpfungen: Beamte sind öfter mit ungehaltenen Klienten konfrontiert. Die Gewerkschaft will mit einem Video sensibilisieren. Die Initiative „Gewaltig“ bietet Seminare an. Viele öffentliche Stellen investieren in Deeskalation.

Aggression gegen Mitarbeiter: An den Computern des AMS gibt es einen Notfallknopf, der die Kollegen alarmiert.

© iStockphotoAggression gegen Mitarbeiter: An den Computern des AMS gibt es einen Notfallknopf, der die Kollegen alarmiert.



Von Alexandra Plank

Innsbruck — Das Aggressionspotenzial in der Gesellschaft steigt, während die Frusttoleranz deutlich sinkt: „Früher waren Beamte und Menschen, die im öffentlichen Raum gearbeitet haben, Respektspersonen, nun bekommen sie den ganzen Frust ab", sagt Dietmar Auer. Das Team um den Projektberater des Bundesheeres und seinen Kollegen Arno Weber hat im Oktober vergangenen Jahres die Initiative „Gewaltig" gegründet. Auer, der viel Erfahrung mit Teamteaching hat, erklärt sich die steigende Aggression von Bürgern gegenüber Beamten damit, dass die Zeit immer schnelllebiger wird.

Neue Initiative

Gegen Gewalt. Im engen Austausch mit betroffenen Berufsgruppen wurde die Initiative „Gewaltig — wenn wir nicht wegschauen" im Oktober 2018 vom Team um Dietmar Auer und Arno Weber sowie Daniela und Andreas Hekel gegründet. Ziel ist es, sich für ein gewaltfreies Miteinander einzusetzen.

Öffentlich. Personen, die im öffentlichen Raum arbeiten, sind oft von Gewalt betroffen. Die Initiative wendet sich an Berufsgruppen wie Lehrer, Polizisten, Busfahrer, Mitarbeiter des Arbeitsmarktservice. Für sie werden Trainings von Experten angeboten. www.gewaltig.at

„Zudem ist es so, dass junge Menschen über die digitalen Medien keine Lösungskompetenzen vermittelt bekommen, auch die Kontaktfähigkeit geht verloren", sagt Auer. Junge Menschen seien über das Netz mit überschießender Gewalt konfrontiert, zu der sie früher keinen Zugang hatten. Gerade Männer hätten riesige Probleme, zwischen Aggression im virtuellen Raum und im tatsächlichen Leben zu unterscheiden. „In der Schule haben wir ständig gerauft. Aber wenn der eine den anderen in den Schwitzkasten genommen hat und der abgeklopft hat, war der Kampf vorbei", sagt Auer. Man habe dem Unterlegenen aufgeholfen und sich wieder vertragen.

Nun sei es so, dass Menschen im öffentlichen Raum zusehends mit Anpöbeln und Bedrohen konfrontiert seien. „Es gibt Rettungssanitäter, die sich nicht mehr zu einem Verletzten in der Bogenmeile trauen, weil sie bereits dermaßen angepöbelt wurden", erklärt Auer. Nicht nur Sanitäter, auch Polizisten und Vertreter von Behörden, wie etwa dem Arbeitsmarktservice, sind mit verbalen bis hin zu körperlichen Angriffen konfrontiert.

In diesem Zusammenhang kommt immer wieder ein Urteil ins Spiel, bei dem das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) das aggressive Verhalten eines Kunden in einem Kurs nicht als Grund für die Streichung des Arbeitslosengeldes gesehen hat. Ingo Mayr, Betriebsratsvorsitzender des AMS für Tirol, relativiert die Brisanz der Causa. „Das war nicht wirklich ein Fall des Arbeitsmarktservice, die Trainerin war nur im Auftrag des AMS tätig. Keinesfalls ist das ein Freibrief, der bedeutet, dass sich die AMS-Mitarbeiter alles gefallen lassen müssen." Im Großen und Ganzen seien die Arbeitssuchenden sehr diszipliniert, nur in Einzelfällen käme es zu Beschimpfungen und Drohungen. Da es österreichweit aber auch schon vereinzelt zu Tätlichkeiten gekommen sei, hat man vorgesorgt: Die Mitarbeiter seien in Sachen Deeskalation geschult, zudem verfüge jeder Computer über einen Hilfeknopf. „Da werden dann die anderen Mitarbeiter informiert, dass ein Kollege in Gefahr ist", sagt Mayr. In den großen Geschäftsstellen sind zudem Security-Mitarbeiter vor Ort. „In den Außenstellen herrscht nicht so große Anonymität, da kommt keiner so schnell auf die Idee, einen Mitarbeiter zu attackieren", sagt Mayr.

Laut Gerhard Seier, Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), gibt es in vielen Bereichen ein erhöhtes Aggressionspotenzial. Man sei gerade dabei, gemeinsam mit der Initiative „Gewaltig" ein Video zu erarbeiten und Schulungen für betroffene Berufsgrupppen anzubieten. „Gerade das Problem Aggression von Schülern gegenüber Lehrern wird noch viel zu oft tabuisiert", sagt Seier. Bei der Polizei, aber auch am Sozialamt und bei der Jugendfürsorge gehören Pöbeleien laut Seier zum täglichen Brot.

Der Gewerkschafter hat auch eine Idee, warum Aggressionen derart im Steigen begriffen sind. „In der Arbeitswelt sind alle Menschen immer mehr gestresst, in unserem ganzen Leben hat sich die Schlagzahl erhöht, das macht die Leute nervös." Er kritisiert aber auch, dass der Gesetzgeber zu wenig Sanktionen bereithält, wenn sich Bürger gegenüber den Behörden nicht anständig verhalten.

Viele Dienstgeber setzen mittlerweile auf Konfliktvermeidung. Seitens des Landes gibt es auch Sicherheitskonzepte. „Sie werden aktuell überarbeitet und, sofern notwendig, auch umgehend angepasst", erläutert Jakob Kathrein, Sprecher des Landes. Nach der Ermordung des Chefs des Sozialamtes in Dornbirn erscheinen neue Maßnahmen notwendig. „Der Schutz der Bediensteten in der Tiroler Landesverwaltung ist uns sehr wichtig, vor allem auch der Schutz vor Aggressionen jeder Art."




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