Letztes Update am Sa, 16.03.2019 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„FridaysForFuture“-Demos

Nicht zu überhören: 4000 bei Klima-Demo in Innsbruck

Selten hat die Landeshauptstadt eine so große Demo gesehen: 4000 Jugendliche gingen für den Klimaschutz auf die Straße – laut, selbstbewusst und unsicher über das Morgen.

Kein Durchkommen: 4000 Jugendliche zogen für den Klimaschutz in Innsbruck durch die Straßen.

© Theresa MairKein Durchkommen: 4000 Jugendliche zogen für den Klimaschutz in Innsbruck durch die Straßen.



Von Theresa Mair und Irene Rapp

Innsbruck – Bereits seit Wochen wird jeden Freitag in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße für mehr Klima­schutz protestiert: meist mit 20, 30 Teilnehmern, deren Vorbild die 16-jährige Greta Thunberg ist. Dass am gestrigen Freitagvormittag 4000 Kinder und Jugendliche in Innsbruck an diesem Klima- streik teilnahmen, dürfte aber nicht nur die schwedische Klima-­Aktivistin freuen, sondern auch Anna Perktold. Die Fritznerin organisiert nämlich die wöchentliche Protestbewegung „Fridays for Future“.

Vor der Annasäule demonstrierende Jugendliche.
Vor der Annasäule demonstrierende Jugendliche.
- Vanessa Rachlé/ TT

Kurz vor Beginn der gestrigen Veranstaltung läutete bei der 20-Jährigen daher ständig das Handy, Nervosität war ihr anzumerken. Und natürlich waren ihr im Vorfeld die oft geäußerten Argumente zu Ohr gekommen, dass die Schüler ja in ihrer Freizeit auf die Straße gehen könnten.

„Wir machen den Schul­streik, damit Erwachsene etwas dagegen haben. Wozu sollen wir für eine Zukunft lernen, die es nicht gibt?“, bracht­e Perktold jedoch gewichtige Argumente ins Spiel. Wie unterschiedlich die Schulen mit der Teilnahme an der Demo umgingen, war auch Thema bei den anwesenden Schülern. Einige waren freigestellt worden bzw. hatten Entschuldigungen von ihren Eltern erhalten, andere schwänzten den Unterricht. Für Letztere stellte Bildungsdirektor Paul Gappmaier allerdings in Aussicht, „dass wohl nicht viel passieren wird“. Auch so mancher Lehrer fand sich unter den Schülern, viele davon in ihrer Freizeit.

Organisatorin Anna Perktold und Rednerin Monika Messner hatten noch Zeit für ein Foto.
Organisatorin Anna Perktold und Rednerin Monika Messner hatten noch Zeit für ein Foto.
- Vanessa Rachlé / TT

Hauptthema der zahlreichen Teilnehmer war jedoch die ungewisse Zukunft. „Wir sind keine unwissenden Kinder, sondern machen uns Sorgen“, betonte Perktold. Dass sie nicht nur reden, sondern zugleich handeln, erzählten andere junge Demonstranten: „Ich achte darauf, wenig Plastik zu verwenden, und lasse mich von meinen Eltern auf kurzen Strecken nicht mit dem Auto chauffieren“ erzählte der zwölfjährige Paul.

Greta Thunberg ging in Stockholm auf die Straße.
Greta Thunberg ging in Stockholm auf die Straße.
- TT News Agency

Kreativ waren auch die Forderungen auf den zahlreich gestalteten Plakaten: „Die Erd­e kocht vor Wut“ war ebenso zu lesen wie „Rettet den Eisbären“ oder „Wenn die Welt ein­e Bank wäre, hätte man sie schon längst gerettet“. Ein­e ganz klar­e Meinung hatten Jugendliche mit dem Banner „More trees, less assholes“ – eine Anspielung auf alle, die in den Augen der Jugend nicht handeln, obwohl es fünf vor zwölf ist. Dass dieses Thema jedoch nicht nur den Jungen wichtig ist, zeigte ein Blick in die Menge. Auch einige Erwachsene waren für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt auf die Straße gegangen. „Wir leben auch auf diesem Planeten“ betonte Medizinstudentin Julia Mayer.

Auch in Rom wurde protestiert.
Auch in Rom wurde protestiert.
- AFP

Trotz fortwährenden Regens setzte sich dann gegen 11 Uhr der Demo-Zug unüberhörbar in Bewegung. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“, skandierte die Menge ständig. Doch nicht jeder Passant zeigte Verständnis: „Hauptsache Krawall machen!“, war u. a. zu hören.

Proteste in Neu-Delhi.
Proteste in Neu-Delhi.
- AFP

Dem Aufruf von Greta Thunberg waren am gestrigen Freitag Jugendliche in über 1500 Städten in 105 Ländern gefolgt. Die junge Schwedin demonstriert seit über einem halben Jahr jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm für den Schutz des Klimas und hat es schnell zu internationaler Bekanntheit gebracht.

In ihrem Heimatland wurde sie u. a. zur „Frau des Jahres“ gewählt, auch für den Friedensnobelpreis hat man sie vorgeschlagen. Geht es nach der 16-Jährigen, will sie so lang­e auf die Straße gehen, bis die Verantwortlichen reagieren – und u. a. die Schadstoff-Emissionen reduzieren.

Wie es in Innsbruck weitergehen wird, skizzierte Perktold: „Wir wollen standhaft bleiben, bis etwas passiert“, kündigt­e die 20-Jährige weiter­e Demos an. Die Organisation der „Friday­s for Future“-Treffen wird sie künftig allerdings weitgehend in andere Hände übergeben – die Fritznerin hat aus beruflichen Gründen kein­e Zeit mehr. Monika Messner, Maturantin der Ferrarischule, die eine Rede hielt, betonte den weiteren Zusammenhalt der Jugendlichen. „Wir müssen uns zusammenschließen, um etwas zu erreichen. Es reicht nicht, selbst nachhaltig zu leben, denn Politiker und Unternehme­n haben die Macht, etwas zu verändern“, sagte die 19-Jährige.

Inzwischen werden die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung – u. a. Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, umweltfreundliche Mobilität – von vielen Institutionen unterstützt. Am Freitag stellte sich etwa die Österreichische Ärztekammer hinter das Engagement der Schüler.

Berlin.
Berlin.
- AFP

In Stockholm kommentierte Greta Thunberg das Geschehen so: „Wir haben nicht zu dieser Krise beigetragen. Wir sind nur in diese Welt hineingeboren worden und müssen mit dieser Krise unser ganzes Leben lang leben.“

Junge Mädchen als große Vorbilder

Innsbruck – „Aber er hat ja gar nichts an!“– Es ist ein Kind, das in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ das Offensichtliche ausspricht, und plötzlich fällt es auch den verblendeten Erwachsenen wie Schuppen von den Augen.

Die Geschichte von aktuellen Galionsfiguren wie der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, US-Waffenlobby-Gegnerin Emma Gonzalez oder Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai liest sich ebenfalls wie ein Märchen. Die jungen Frauen, die sich sogar von brutaler Gewalt oder von Hass-Kampagnen im Netz nicht stoppen lassen, bewegen die ganze Welt.

Greta Thunbergs Kampf für den Klimaschutz ist mittlerweile zu einer globalen Bewegung geworden. Unter dem Motto „Schulstreik fürs Klim­a“ sitzt die Schwedin jeden Freitag bei Wind und Wetter vor dem Reichstag in Stockholm. Zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos Anfang dieses Jahres reiste sie mit dem Zug an. „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“, rief sie den Mächtigen der Welt zu.

Auch die US-Schülerin Emma Gonzalez, die 2018 das Schulmassaker von Parkland in Florida mit 17 Toten überlebte, wurde mit ihrer Rede bei einer Großdemo gegen Waffengewalt zu einem Idol. US-Präsident Donald Trump, dessen Wahlkampf von der Waffenlobby finanziell unterstützt wurde, rief Gonzalez bei den Protestmärschen zu: „Schämen Sie sich!“

Den Friedensnobelpreis hat Malala Yousafzai bereits erhalten. Mit 17 Jahren wurde sie zur jüngsten Preisträgerin aller Zeiten. Zwei Jahre zuvor war das pakistanische Mädchen Opfer eines Taliban-Attentats geworden – weil sie sich für Bildung einsetzte.

Die Angreifer schossen ihr in einem Schulbus in den Kopf, sie überlebte. Auch in ihrer Rolle als UNO-Friedensbotschafterin (seit 2017) setzt sie sich weiter für die Rechte von Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt ein. (TT)