Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.03.2019


Osttirol

Kultstätte in Lienz wird weiter erforscht

Ein keltisch-römischer Kultplatz auf dem so genannten „Dominikanerinnen-Bichl“ in Lienz fasziniert die Archäologen der Uni Innsbruck. Heuer gehen die Grabungen weiter.

Das Forscherteam der Universität Innsbruck hat letzten Sommer nur einen Teil der keltisch-römischen Kultstätte in Lienz freigelegt. Heuer und nächstes Jahr wird am „Dominikanerinnen-Bichl“ weitergearbeitet.

© GrabherrDas Forscherteam der Universität Innsbruck hat letzten Sommer nur einen Teil der keltisch-römischen Kultstätte in Lienz freigelegt. Heuer und nächstes Jahr wird am „Dominikanerinnen-Bichl“ weitergearbeitet.



Von Catharina Oblasser

Lienz – Bis ins 1. Jahrhundert vor Christus reicht die Geschichte des Heiligtums zurück, das sich im steilen Gelände oberhalb der Brauerei in Lienz befindet. Eine Fläche von knapp einem Hektar war einst ein keltischer Kultplatz. Mit der Eroberung der Region durch die Römer machten am Bichl auch die dort verehrten Götter nach und nach den römischen Platz.

Im Sommer 2018 begannen Archäologen und Studenten der Universität Innsbruck, unterstützt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Stätte auf dem „Dominikanerinnen-Bichl“ bzw. „Klosterfrauenbichl“ genauer zu erforschen. Die Bezeichnung des Geländes leitet sich vom Frauenorden ab, der den Grund besitzt. Die Initialzündung war vom Leisacher Heimatforscher Josef Kalser gekommen, der die Fund­stätte entdeckt hatte.

Wertvolles Fundstück: eine Statuette der Göttin Victoria.
Wertvolles Fundstück: eine Statuette der Göttin Victoria.
- Mandl

Gefunden wurden eine große Begrenzungsmauer, ein Fundament, das wohl zu einem Tempel gehörte, Münzen, Teile von Götterstatuen und vieles mehr. Doch der Platz birgt noch viele unentdeckte Zeugen der Vergangenheit. Deshalb wird im heurigen Juli und im Sommer 2020 weitergeforscht, berichtet Gerald Grabherr, Professor am Institut für Archäologien der Universität Innsbruck.

Besonders interessant ist für die Forscher ein massiver Pfahl, der damals auf einer Terrasse hinter dem Tempel gestanden sein muss. „Dieser Pfahl muss größer gewesen sein als die üblichen Siegesmale, die es sonst gab“, erklärt Grabherr. „Darauf deuten zumindest die Keilsteine hin, mit denen der Pfahl verankert war.“ An die zehn Meter hoch dürfte dieses hölzerne Monument gewesen sein. Das genaue Aussehen lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Es mag sich um ein Stammesheiligtum gehandelt haben, weil in der Nähe eine Kriegstrompete, ein­e so genannte „Carnix“, gefunden wurde. „Das kann die Kriegstrompete der dort ansässigen Menschen gewesen sein oder auch die Trompete eines verfeindeten Stammes, die man erbeutet hat“, führt der Archäologe weiter aus.

Arbeit an der Begrenzungsmauer.
Arbeit an der Begrenzungsmauer.
- Grabherr

Die Fundstätte in Lienz ist auch deshalb so interessant, weil sie die Zeit vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis zum späten 4. Jahrhundert nach Christus abdeckt. „Unser Denk­modell besagt, dass damals der Stamm der Laianke­n in dieser Gegend siedelte und seine Kultstätte dort hatte“, schildert Gerald Grabherr. „Als die Römer kamen, zogen sich alle auf den Bichl zurück, um das Heiligtum zu schützen.“ Zwar behielten die Römer letztlich die Oberhand, doch das dürft­e ohne viel Blutvergießen vonstattengegangen sein. Es gibt weder Spuren von Zerstörung, noch seien die Kulthandlungen auf Dauer unterbrochen worden, sagt Grabherr. Welche Götter die Laianken ursprünglich verehrten, lässt sich nicht mehr sagen. Fundstücke zeugen nur von römischen Gottheiten: dem Göttervater Jupiter, dem Kriegsgott Mars, der Liebesgöttin Venus oder der Siegesgöttin Victoria.

In einer weiteren Hinsicht ist der „Dominikanerinnen-Bichl“ eine Ausnahme. Die Kultstätte war wohl den einfachen Leuten und der Volksfrömmigkeit vorbehalten. „Das erkennt man anhand der Fundstücke“, sagt der Archäologe. „Es gibt keine Marmorsockel, und auch die Götterfiguren sind aus einfachem Material. Menschen aus der damaligen Oberschicht haben bestimmt nicht dort gebetet.“