Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.03.2019


Osttirol

Wirbel um ärztliche Versorgung in Osttirol

Um die Organisation der primären medizinischen Versorgung bricht ein Konflikt auf. Gemeinden, Patienten, Politik, die Gebietskrankenkasse und die Ärztekammer ringen mit heimischen Medizinern um Richtlinien.

Fünf Ärzte teilen sich die allgemeinmedizinischen sowie die Notarztdienste rund um die Praxis in St. Jakob im Defereggental.

© Paula StembergerFünf Ärzte teilen sich die allgemeinmedizinischen sowie die Notarztdienste rund um die Praxis in St. Jakob im Defereggental.



Von Christoph Blassnig

St. Jakob, Außervillgraten, Matrei – Es geht um nichts weniger als die grundlegende allgemeinmedizinische Versorgung der Menschen am Land. Landärzte sind seit vielen Jahren kaum zu finden. Zusätzliche Bereitschafts- sowie Notarztdienste das ganze Jahr über verlangen nach Idealismus und Motivation.

„Beides wird derzeit in großem Ausmaß vernichtet“, sagt der Allgemeinmediziner Gernot Walder, der seit 2005 im Osttiroler Pustertal Dienst macht. Bis heute jedoch ohne Kassenstelle in seiner Heimatgemeinde Außervillgraten, wo er wohnt und sich als Facharzt auch ein tropenmedizinisches Labor aufgebaut hat. Dagegen wurde dem Mediziner vor zwei Jahren die Kassenstelle in St. Jakob im Defereggental übertragen, nachdem der dort pensionierte Talarzt Ottokar Widemair sich jahrelang vergeblich um einen Nachfolger bemüht hatte. Eine Bedingung Walders: Er ist nicht allein für die Rundum-Versorgung zuständig, sondern teilt sich die Dienste mit anderen Ärzten. Dieses System haben die Gebietskrankenkasse und die Ärztekammer damals akzeptiert. „Die Menschen in den Gemeinden St. Jakob, St. Veit sowie im westlichen Teil von Hopfgarten, aber auch im Pustertal sind mit der niedergelassenen Versorgung hoch zufrieden“, erklärt Illy Ladstätter, Sprecherin einer Initiative im Defereggental, die für die Beibehaltung der ihrer Meinung nach gut eingeführten Organisation kämpft. Doch die zweijährige Testphase ist beendet. Gebietskrankenkasse und Ärztekammer scheinen an einer Verlängerung des Übereinkommens nicht interessiert. „Man hat uns wohl die Duldung entzogen“, befindet Gernot Walder. Aus Sorge, dass ein bestens funktionierendes System, das jedoch über bestehende Richtlinien hinausgeht, zerschlagen werden könnte, haben bisher 1500 Personen aus dem Puster- und dem Defereggental eine Unterschriftenliste unterzeichnet.

Auch im Sprengel Hinteres Iseltal haben die beiden Mediziner Cornelia Trojer und Anton Huber gestern Anlass zur Information der Bevölkerung gesehen und zu einem Pressetermin geladen. Im Notarztverein, dessen Mitinitiator und Obmann Gernot Walder ist, wurden bisher alle Dienste unter den Medizinern abgestimmt und selbst eingeteilt. Die Ärztekammer hat dem Vereinsobmann Walder zu Jahresbeginn die Kompetenz zur Einteilung der Wochenend- und Feiertagsdienste entzogen, wie Artur Wechselberger auf Anfrage der TT bestätigte: „Wir sind dafür letztverantwortlich und teilen die Dienste derzeit von Innsbruck aus ein.“ Man geht sogar juristisch gegen Walder vor, dem seine Standesvertretung etwa die Einteilung nicht zugelassener Ärzte vorwirft. „Unhaltbar, schikanös“, kommentieren das Osttiroler Kollegen Walders, die wirtschaftliche Interessen vermuten und alles andere als Dankbarkeit für den jahrelangen unermüdlichen Einsatz ihres Obmannes ausmachen. Nur aufgrund freiwilliger Nacht-Bereitschaftsdienste an den Wochentagen sei die Versorgung bisher gewährleistet.

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