Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.03.2019


Tag des Wassers

Klimawandel: Der Welt geht das Wasser aus

Jahr für Jahr blickt man am Weltwassertag besorgt auf Regionen, in denen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Nun zeigt sich, dass der Klimawandel die Situation verschlimmert. Und die Katastrophe rückt näher.

Mieminger Wasserfall und Innauen Mieming Rietz (Symbolfoto)

© Thomas Boehm / TTMieminger Wasserfall und Innauen Mieming Rietz (Symbolfoto)



New York, Wien — Kalt und klar sollte Wasser sein, im Überfluss sprudeln, aber nicht knapp sein und krank machen. Doch Milliarden Menschen auf der Welt können das Lebenselixier nicht genießen, ganz im Gegenteil. Die Kinderhilfsorganisation Unicef zieht am heutigen Weltwassertag einen drastischen Vergleich: In lang anhaltenden Konflikten haben Kinder unter 15 Jahren ein fast dreimal höheres Risiko, an Durchfall oder Krankheiten zu sterben, die auf verseuchtes Wasser zurückzuführen sind, als durch direkte Waffengewalt.

Ohne sichere Wasserversorgung sind Kinder von Mangelernährung und vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall, Typhus, Cholera und Polio bedroht. Durch den Bürgerkrieg im Jemen etwa kam es laut Unicef zur größten Cholera-Epidemie seit Jahrzehnten. 2018 erreichte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mehr als 35 Millionen Menschen in Notsituationen mit dem Zugang zu sauberem Wasser — man muss es so hart formulieren. Es sind nur Tropfen auf dem heißen Stein. „Nach neusten Schätzungen haben über 2,1 Milliarden Menschen weltweit keine reguläre Versorgung mit sauberem Wasser“, berichtete Unicef. „Rund 4,3 Milliarden verfügen über keine vernünftigen Latrinen oder Toiletten. Viele dieser Menschen müssen ihre Notdurft im Freien verrichten.“

Die katastrophalen Zustande sind seit 1993, als der Aktionstag von den Vereinten Nationen eingeführt wurde, bekannt. Obwohl die Weltbevölkerung wächst, bleibt die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren nahezu gleich. Ein Erfolg. Doch der Klimawandel könnte viele Maßnahmen zunichte machen. Der Weltklimarat ging vor wenigen Tagen mit einer eindringliche Warnung an die Öffentlichkeit: Schmelzende Gletscher, wärmere Ozeane, steigende Meeresspiegel, Hochwasser und Dürren als Folge des Klimawandels haben verheerende Folgen für den globalen Wasserhaushalt. Vor allem im Sommer muss man sich auf Hitzestress und Wasserknappheit einstellen. Und das findet nicht nur in Subsahara-Afrika statt, sondern mehr oder weniger vor der Haustür.

Im Sommer 2017 mussten wegen Versorgungsengpässen in ganz Italien, auch in Südtirol, Notstandsmaßnahmen mit Mindestdurchflussmengen erlassen werden. 2018 waren auch in Teilen Deutschlands und Österreichs Trinkwasserquellen trockengelegt. Und vor wenigen Tagen schockierte James Bevan, der Chef der britischen Umweltbehörde, mit einer düsteren Aussicht: In 20 bis 25 Jahren könnten in England durch den Klimawandel die Flüsse 50 bis 80 Prozent weniger Wasser führen. „Dann könnte der Punkt erreicht sein, an dem wir nicht mehr genug Wasser haben, um den Bedarf zu decken, wenn wir nicht rechtzeitig Veränderungen einleiten“, sagte er dem Guardian. Damit meint er unter anderem, dass marode Leitungen, aus denen zu viel Wasser versickert, repariert werden müssen.

Im Vergleich zu den Briten, die am Tag im Schnitt 140 Liter verbrauchen, sind die Österreicher mit ihren 130 Litern ein sparsames Volk — obwohl das Lebenselixier im Überfluss vorhanden ist. In dieser Rechnung fehlt allerdings das „virtuelle“ Wasser, wie der Innsbrucker Wissenschafter Josef Nussbaumer erklärt (siehe Interview unten). Unter „virtuell“ versteht man jene Menge, die bei der Produktion von Gütern des täglichen Gebrauchs verwendet bzw. verschwendet wird. Bei der Herstellung eines Autos können das Hunderttausende Liter Wasser sein, bei einem Kilogramm Rindfleisch sind es etwa 15.000 und bei einer Jeans ca. 6000. Das Problem bei vielen Produkten ist, dass sie gerade in Ländern produziert werden, in denen Wasser besonders knapp ist.

Wer also eine Jeans trägt, müsste sie eigentlich mit dem Gedanken tragen, dass anderen Menschen dadurch 6000 Liter von der lebenswichtigen Ressource abgehen. Man gräbt sprichwörtlich jemand anderem das Wasser ab. (chris, APA, dpa)

Zahlen, Daten, Fakten

35 Liter lässt der Österreicher im Schnitt pro Tag durch die Wasserhähne im Haushalt fließen. 32 Liter sind es bei der WC-Spülung.

4 Liter Wasser werden vom Österreicher pro Tag getrunken und fürs Kochen verwendet. Das sind etwa 3 Prozent der verbrauchten Menge von 130 Litern.

2,2 Milliarden Kubikmeter werden pro Jahr in Österreich verbraucht. 1,5 Milliarden entfallen auf die Industrie, 0,55 Milliarden auf Haushalt und Gewerbe und 0,13 Milliarden auf die Landwirtschaft.

3 Prozent der gesamten in Österreich verfügbaren Wasserressourcen werden derzeit genutzt.

2 Milliarden Menschen sind weltweit ohne dauerhaften Zugang zu sauberem Trinkwasser.

9 Prozent der Haushalte in den ländlichen Gebieten der Welt sind an ein Abwassersystem angeschlossen. 63 Prozent sind es in den Städten.

40 Prozent der weltweiten Getreideproduktion werden bis 2050 wegen mangelnder Wasserressourcen bedroht sein.