Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.03.2019


Tirol

Das Leben als Organistin: Eine sportliche Angelegenheit

Kalte Kirchen, ungeregelte Arbeitszeiten, bescheidener Lohn – ein Leben als Organistin ist nicht einfach. Elisabeth Hubmann lässt sich davon dennoch nicht abschrecken.

Viele Tasten, viele Pedale und Register: Elisabeth Hubmann an der Orgel in der Petrus-Canisius-Kirche.

© Foto TT / Rudy De MoorViele Tasten, viele Pedale und Register: Elisabeth Hubmann an der Orgel in der Petrus-Canisius-Kirche.



Von Benjamin Stolz

Innsbruck – Das Innere der Pfarrkirche Petrus Canisius in der Höttinger Au ist ungewöhnlich: ein orangefarbener Filzboden, darauf halbkreisförmige Sitzreihen und eine Orgel schräg hinter dem Altar. Am Instrument sitzt Elisabeth Hubmann vor einem Stoß Notenblätter. „Zu üben gibt es immer viel“, erzählt sie.

Im unbeheizten Raum ist es kalt. Rau sind auch die Rahmenbedingungen für Organisten: Die eigene Passion zum Beruf zu machen, bedeutet schlechte Chancen auf eine Festanstellung, mäßige Gagen und ein meist kühler Arbeitsplatz. Dies alles nimmt die 24-Jährige dennoch in Kauf. Denn: „Das Klangspektrum der Orgel gibt es auf keinem anderen Instrument.“

Mit vierzehn Jahren begann Hubmann neben dem Klavierunterricht zusätzlich Orgelstunden zu nehmen. Das Instrument, das sie als Ministrantin kaum beachtet hatte, weckte zuerst ihre Neugier, dann ihre Leidenschaft. Nach der Matura entschied sie sich, Orgel zu studieren. Neben dem Studium am Mozarteum spielt sie heute in der Petrus-Canisius-Kirche in Innsbruck und in den Pfarren Hall, Igls und Volders.

Der Sonntag ist für die junge Innsbruckerin daher ein Arbeitstag – das bedeutet drei bis vier katholische Messen innerhalb von zwölf Stunden. Für die Musikerin kein Problem, sie ist gläubige Christin. Einige Kollegen hätten im Verhältnis mit der Kirche allerdings durchaus Diskrepanzen: Für Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, kann es nämlich schwer sein, in einer Kirche, vor allem während der Messe, zu arbeiten.

Weil die Organisation der Kirche immer noch vielfach Männersache ist, ist es Hubmann auch nicht ganz leichtgefallen, in der klerikalen Welt Fuß zu fassen. „Männern ist es mitunter angenehm, unter Männern zu sein“, hat sie den Eindruck gewonnen.

Wenn sie so wie jetzt übt, ist sie in der Kirche jedoch meist allein. Nur manchmal setzt sich jemand in die letzte Bankreihe und hört zu. Später kommt eine ältere Frau der Gemeinde, um nach dem Rechten zu sehen und ein bisschen zu plaudern.

Einen Job als Kirchenorganistin zu finden, gestaltet sich laut Elisabeth „ein bisschen mittelalterlich“. Für ihre Aufträge musste sie die Pfarrer persönlich um ein Engagement bitten und vorspielen. Die Garantie für Kontinuität und ein bescheidenes Gehalt sind mündlich vereinbart. Anstellungen in größeren Kirchen mit fixen Organisten seien jedoch schwierig.

Gleichzeitig „ringen viele Pfarren um einen Organisten“, schildert Hubmann die Lage. Genau wie sie müssen Organisten daher oft mehrere Gemeinden bespielen. Nachwuchsorganisten gibt es nämlich wenige: Am Tiroler Landeskonservatorium z. B. gibt es bloß fünf Studierende im Hauptfach Orgel.

Leben kann Hubmann von ihren Aufträgen daher noch nicht, sie muss sich mit Studentenjobs und privaten Klavierstunden über Wasser halten. Die unangenehmen Seiten werden dennoch von positiven Erlebnissen und der Dankbarkeit in ihren Pfarrgemeinden aufgewogen. Menschen kommen etwa nach der Messe zu ihr und loben ihr Spiel, bei den Tertiarschwestern in Hall gibt es zum Sonntagsgottesdienst sogar Frühstück. In den Pfarrgemeinschaften fühlt sich Elisabeth wohl: „Es gibt mir einfach menschlich total viel.“

Für ihre kommenden Aufnahmeprüfungen übt Elisabeth ein Stück von Franz Liszt. Die Finger huschen über die Tastaturen, im Fachjargon „Manuale“ genannt, die Füße spielen die „Pedale“, eine weitere Klaviatur am Boden. Links und rechts der Tasten findet man „Register“, die, richtig gezogen, das Klangbild der Orgel bestimmen. „Es ist teilweise schon eine sportliche Angelegenheit“, erklärt Hubmann schmunzelnd.

Nach der Abschlussprüfung am Mozarteum im Frühsommer will sie in eine große Stadt, um ihren Master zu machen; Bachelor-Abschlüsse in Alter Geschichte und Klavier hat sie bereits in der Tasche. Für Prüfungen und Konzerte übt Hubmann im Schnitt drei, manchmal bis zu neun Stunden am Tag.

Ihr großes Ziel – eines Tages an einer Hochschule zu unterrichten. Bis dahin will sie Konzerte spielen und dabei Musik mit politischem Aktivismus verbinden – zum Beispiel durch Benefizkonzerte für den Umweltschutz.

2017 wurden Orgelbau und Orgelmusik von der Unesco übrigens zum immateriellen Kulturerbe ernannt. Diesen Ritterschlag sieht Elisabeth als Anreiz, mit dem Orgelspiel zu beginnen – „egal, wie alt man ist“. Den Glauben sieht sie nicht als Voraussetzung für das Spielen einer Kirchenorgel. Beim stundenlangen Üben in ausgekühlten Gemäuern scheint man ohnehin vor allem eines zu brauchen – den Glauben an sich selbst.