Letztes Update am Fr, 29.03.2019 07:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Terror in Neuseeland

Vergebung statt Hass: Christchurch gedenkt der Terroropfer

Zwei Wochen ist es her, dass ein 28-Jähriger in einer Moschee 50 Menschen erschossen hat. Vor mehr als 20.000 Teilnehmern dankt Premierministerin Ardern nun bei einer emotionalen Trauerfeier den Muslimen im Land für ihre besonnene Reaktionen.

Dieses Mal trug Premierministerin Jacinda Ardern statt eines Kopftuches einen Maori-Umhang und sprach einige Sätze auf Arabisch.

© dpaDieses Mal trug Premierministerin Jacinda Ardern statt eines Kopftuches einen Maori-Umhang und sprach einige Sätze auf Arabisch.



Christchurch – Mit einer großen Trauerfeier in Christchurch hat Neuseeland zwei Wochen nach dem rassistisch motivierten Anschlag auf zwei Moscheen der 50 Todesopfer gedacht. Premierministerin Jacinda Ardern rief vor mehr als 20.000 Gästen dazu auf, dem Extremismus Menschlichkeit entgegenzusetzen. Die Feier, bei der auch Staatsgäste aus dem Ausland dabei waren, war auf Großbildschirmen ins ganze Land zu sehen. Dabei wurden auch die Namen aller Toten verlesen.

„Die Antwort liegt in unserer Menschlichkeit“

Ardern trug dieses Mal kein Kopftuch, wie sie dies bei früheren Gelegenheiten zu Ehren der muslimischen Gemeinde getan hatte. Sie trat mit einem Umhang auf, wie ihn Neuseelands Maori-Ureinwohner benutzen, und sprach auch einige Sätze auf Arabisch. Den Muslimen dankte sie dafür, „im Angesicht von Hass und Gewalt ihre Türen für uns alle geöffnet zu haben, damit wir mit ihnen trauern können – obwohl sie jedes Recht gehabt hätten, ihre Wut auszudrücken“.

Im ganzen Land verfolgten die Menschen die Zeremonie auf Leinwänden.
Im ganzen Land verfolgten die Menschen die Zeremonie auf Leinwänden.
- AFP

Weiter sagte die Premierministerin: „Die Welt ist in einem Teufelskreis aus Extremismus gefangen, der noch mehr Extremismus hervorbringt. Das muss enden. Wir können das nicht allein. Die Antwort liegt in unserer Menschlichkeit.“ Viele Menschen standen auf, um Beifall zu spenden. Auch im Ausland hatte Ardern viel Lob für ihr Auftreten in den vergangenen Tagen bekommen.

Überlebender hat Attentäter vergeben

Vor einer Woche hatte Neuseeland bereits mit zwei Schweigeminuten der Opfer gedacht. Vor der Menschenmenge in Christchurch sprach nun auch einer der Überlebenden, Farid Ahmed, dessen Frau bei dem Anschlag ermordet worden war. Der Muslim sagte, er habe dem Attentäter vergeben. „Die Leute fragen mich: Wie kannst Du jemandem vergeben, der deine geliebte Frau getötet hat? Die Antwort ist: Ich glaube. Ich glaube an Allah. Und Allah sagt, dass wir einander vergeben sollen.“ Auch zwei Mädchen, deren Vater erschossen worden war, sprachen kurz zur Menge. Zu den geladenen Gästen gehörte Australiens Premierminister Scott Morrison und Vertreter 58 anderer Länder.

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Der Sänger Yusuf Islam (Cat Stevens) führte seinen Song „Peace Train“ (Friedenszug) auf.
Der Sänger Yusuf Islam (Cat Stevens) führte seinen Song „Peace Train“ (Friedenszug) auf.
- AFP

Bei der Trauerfeier trat auch der britische Sänger Yusuf Islam, früher Cat Stevens, auf, der schon in den 1970er Jahren zum Islam übergetreten war. Er sang „Peace Train“, eines seiner bekanntesten Lieder von früher. Die Gedenkveranstaltung fand unter freiem Himmel im einem Park von Christchurch statt, in unmittelbarer Nähe der Al-Nur-Moschee, wo der Anschlag vor zwei Wochen begonnen hatte.

„Angriff auf uns alle“

Christchurchs Bürgermeisterin Lianne Dalziel bezeichnete den Anschlag als einen „Angriff auf uns alle“. Die von Hass getriebene Tat habe zum Ziel gehabt, die Neuseeländer zu spalten. Stattdessen habe sie „uns vereint“, sagte Dalziel.

 Australiens Premierminister Scott Morrison legt im  Beisein seiner Frau Blumen nieder.
Australiens Premierminister Scott Morrison legt im Beisein seiner Frau Blumen nieder.
- AFP

Bei dem Anschlag am 15. März waren in Neuseelands drittgrößter Stadt durch Schüsse 50 Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt worden. Als mutmaßlicher Täter sitzt ein 28 Jahre alter Rassist und Rechtsextremist aus Australien in Untersuchungshaft. Dem Mann, der schon seit mehreren Jahren in Neuseeland lebte, droht lebenslange Haft. Kommende Woche wird er einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Für den Prozess gibt es noch keinen Termin.

Das Blutbad sorgte international für Entsetzen. 22 Verletzte werden nach wie vor in Krankenhäusern behandelt.

Kontakte nach Österreich werden geprüft

Der mutmaßliche Attentäter hatte Österreich vom 27. November bis zum 4. Dezember 2018 aus Ungarn kommend bereist. Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) berichtete dem Nationalrat am Donnerstag über den diesbezüglichen Ermittlungsstand. Neu war dabei, dass der Attentäter eine Nordkorea-Reise im Jahr 2014 in einer Gruppe unternahm, in der sich auch drei Österreicher befanden. Die Behörden seien nun am Ermitteln, ob es Kontakte zu extremistischen Personen, Gruppierungen oder Netzwerken in Österreich gegeben habe.

Anfang 2018 hatte der mutmaßliche Christchurch-Attentäter eine Spende in Höhe von rund 1.500 Euro an den Chef der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ), Martin Sellner, überwiesen. Dies führte zu einer Hausdurchsuchung bei Sellner. (APA/AFP/dpa)