Letztes Update am Mi, 03.04.2019 21:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Slowakei

AKW Mochovce: Reaktor mit Löchern als “tickende Zeitbombe“

Im slowakischen Atomkraftwerk Mochovce soll es gravierende Sicherheitsmängel geben. Im Falle eines Erdbebens oder von Explosionen könnte die Sicherheitshülle des Reaktors versagen. Die Rufe nach einem sofortigen Baustopp werden lauter.

Luftbildaufnahme des Atomkraftwerkes Mochovce in der Slowakei (undatiertes Archivbild).

© APALuftbildaufnahme des Atomkraftwerkes Mochovce in der Slowakei (undatiertes Archivbild).



Innsbruck — Es sind erschütternde Behauptungen, mit denen Global 2000 am Mittwoch an die Öffentlichkeit geht: Im Atomkraftwerk Mochovce in der Slowakei - gut 700 Kilometer von Innsbruck, nur etwa 200 km von Wien entfernt - soll der Hut brennen.

Wie die Umweltschutzorganisation berichtet, haben sich mehrere ehemalige Arbeiter und Ingenieure mit Foto-Dokumenten an sie gewandt, auf denen "gravierende Mängel" an den neuen Reaktorblöcken 3 und 4 sichtbar sind. Der Reaktorblock 3 soll noch im heurigen Sommer in Betrieb gehen.

Die Zeugenaussagen und Fotos, die Global 2000 zugespielt wurden, sollen belegen, dass die Sicherheitshülle des Reaktors durch Bohrungen beschädigt wurde und im Falle eines Erdbebens oder von Explosionen im Zuge eines schweren Unfalls versagen könnte. Die Umweltschutzorganisation pocht nun erneut auf einen Stopp des AKW-Bauprojekts.

Tausende Löcher in den Wänden des Reaktorgebäudes

„Aufgrund dieser uns anvertrauten Informationen müssen wir davon ausgehen, dass die Statik des Reaktorgebäudes geschwächt und die hermetischen Kammern, die im Falle eines schweren Unfalls den Austritt von radioaktiven Stoffen aufhalten sollten, beschädigt sind", sagte Reinhard Uhrig, Atom-Sprecher von Global 2000.

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Tausende Löcher seien in die Wände des Reaktorgebäudes und der hermetischen Kammern gebohrt worden, um Halterungen für Kabel, Rohre und Dampferzeuger zu befestigen. Diese Bohrungen seien „einfach im Blindflug" erfolgt, so Uhrig. Global 2000 hat außerdem einen Maschinenbau-Ingenieur mit langjähriger Erfahrung im Bau und Betrieb von Atomkraftwerken, der in Mochovce für die Installation von Notstrom-Dieselgeneratoren verantwortlich war, nach Wien geladen. Er bezeuge die „absolut unzureichende" Koordination der Bauausführung zwischen den verschiedenen beteiligten Firmen.


SPÖ, FPÖ, Liste JETZT und Grüne fordern Baustopp

Nach Global 2000 forderten am Mittwoch auch SPÖ, FPÖ, Liste JETZT und Grüne einen sofortigen Baustopp. "Fotos von Rissen im Meiler und Berichte eines ehemaligen AKW-Ingenieurs (...) belegen, dass das AKW Mochovce schon vor der Inbetriebnahme ein brandgefährlicher nuklearer Schrotthaufen ist, von dem unvorstellbare Gefahren für die Bevölkerung in Österreich ausgehen. Deshalb darf diese Atomanlage niemals ans Netz gehen", forderte SPÖ-EU-Spitzenkandidat Andreas Schieder in einer Aussendung. Von Umweltministerin Köstinger verlangt er, bei der Europäischen Kommission "einen sofortigen Baustopp und das Verbot der Inbetriebnahme" zu erwirken, um "uns und unsere Kinder vor einer europäischen Katastrophe zu bewahren". Schieder warf Köstinger vor, "beim Bau des AKW Mochovce tatenlos zugesehen" zu haben.

Der FPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl im Mai, Harald Vilimsky, forderte ebenfalls: "Die Inbetriebnahme der neuen Reaktorblöcke 3 und 4 im slowakischen Atomkraftwerk Mochovce muss verhindert werden." "Was hier an Einzelheiten zutage kommt, deutet auf ganz gravierende Sicherheitsmängel hin", so der FPÖ-Generalsekretär in einer Aussendung. Er forderte von der EU, sich stärker einzubringen, um entsprechenden Druck auf die Slowakei zu machen.

Ähnliche Forderungen stellte auch der Grüne EU-Spitzenkandidat und Bundessprecher Werner Kogler. "Kanzler (Sebastian) Kurz (ÖVP, Anm.) soll endlich Initiative ergreifen und sich Verbündete suchen, um die slowakische Regierung dazu zu bringen, den weiteren Ausbau von Mochovce zu stoppen und eine unabhängige externe Untersuchung des AKW zuzulassen. Das ist eine europäische Angelegenheit, daher sollte man in Absprache mit gleichgesinnten EU-Ländern und der EU-Kommission auftreten", hieß es in einer Aussendung der Grünen.

Die Liste JETZT sprach von einer "tickende Zeitbombe" und verlangte einen koordinierten europaweiten Atom-Ausstieg. "Bei einem GAU (größter anzunehmender Unfall, Anm.), würden die Bundeshauptstadt, Niederösterreich, das Burgenland und Teile Oberösterreichs schwer verstrahlt, ja vielleicht sogar unbewohnbar", erklärte die JETZT-Gesundheitssprecherin Daniela Holzinger, in einer Aussendung. Sie forderte entweder einen sofortigen Baustopp oder ein Verbot, den "Schrottreaktor" in Betrieb zu nehmen. "Am besten wäre es, wenn es eine koordinierte europaweite Ausstiegspolitik gäbe", sagte Holzinger.

Köstinger: "Besorgniserregende Berichte"

Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hat von „sehr besorgniserregenden Berichten" bezüglich der Sicherheit des AKW-Bauprojekts Mochovce 3 gesprochen. Bereits zuletzt habe die Bundesregierung gedrängt, dass alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt werden müssten, sagte sie vor dem Ministerrat. Andernfalls wäre eine Inbetriebnahme „inakzeptabel".

Gegenüber ihrem slowakischen Amtskollegen habe sie schon vor einigen Wochen ihre Bedenken formuliert, so die Ministerin. Weiterhin gehe man jedem Zeugenbericht und jedem Vorfall nach. „Für uns ist Atomenergie keine Technologie der Zukunft", unterstrich sie; auch als Maßnahme gegen den Klimawandel sei sie der falsche Weg.

Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) äußerte sich bei der Pressekonferenz nach dem Ministerrat zu der Debatte ums AKW Mochovce. Das Bauprojekt sei derzeit ein "wichtiges Thema" und er sei deswegen mit dem slowakischen Premier in Kontakt.

Das Innere von Reaktorblock 3 des Atomkraftwerks Mochovce in der Slowakei.
Das Innere von Reaktorblock 3 des Atomkraftwerks Mochovce in der Slowakei.
- AFP

Inbetriebnahme in den kommenden Monaten

Die SPÖ richtete überdies eine Parlamentarische Anfrage an Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP). Trotz zahlreicher Berichte über grobe Mängel und massive Unzulänglichkeiten sollen die neuen Reaktorblöcke 3 und 4 des Atomkraftwerks Mochovce in den kommenden Monaten in Betrieb gehen, Reaktor 3 bereits im Sommer 2019, erklärte SPÖ-Abgeordneter Erwin Preiner.

Preiner wollte von Köstinger wissen, welche sofortigen und konsequenten Schritte sie als Ministerin setzen werde, um die zeitnah geplante Inbetriebnahme zu verhindern. Weiters fragte er, warum Köstinger nicht bereits während der österreichischen Ratspräsidentschaft entsprechende Schritte gesetzt habe und ob bereits eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorliege. „Das Kernkraftwerk Mochovce liegt nur rund 130 Kilometer von der österreichischen und burgenländischen Grenze entfernt", warnte er: „Der Schrottreaktor ist eine tickende Zeitbombe!" (APA, TT.com)