Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.04.2019


Exklusiv

Almen in Tirol: Zwischen Heimat und Erholung

Bald werden wieder die ersten Almen bestoßen. Rund 2000 sind es in Tirol jedes Jahr. Diese Form der Wirtschaft hat Land und Landschaft sowie deren Bewohner und Bräuche nachhaltig geprägt.

„Im Vordergrund eine Wiese, dann Wald und im Hintergrund schroffer Fels“: Das ist es, was sich laut dem emeritierten Professor für Kulturgeographie Werner Bätzing als Bild Tirols und anderer alpiner Länder eingeprägt hat.

© Thomas BÖHM PHOTOGRAPHIE, Brennb„Im Vordergrund eine Wiese, dann Wald und im Hintergrund schroffer Fels“: Das ist es, was sich laut dem emeritierten Professor für Kulturgeographie Werner Bätzing als Bild Tirols und anderer alpiner Länder eingeprägt hat.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Schritt um Schritt lichtet sich der Wald und der Blick auf die weiten Wiesen und mächtigen Gipfel und Wände wird frei. Das Schellen der Glocken wird lauter. Kräuter, Gräser und eine leichte Note von Dung vermischen sich zu jenem charakteristischen Duft, den wohl jeder Wanderer im Land kennt und für viele Bauern im Sommer ein zweites Zuhause ist. Das alles steht für die in Tirol wohl prägendste Form der Wirtschaft.

In wenigen Tagen werden hierzulande wieder die ersten Almen bestoßen, rund 2000 sind es insgesamt jeden Sommer, mehr als 9700 Viehhalter und Bauern treiben ihre Tiere, laut Statistik der Tiroler Landwirtschaftskammer, auf – mehr als 180.000 Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde waren es im vergangenen Jahr. 40 Millionen Liter Milch wurden produziert, davon vier Millionen Liter zu zirka 350.000 Kilogramm Käse verarbeitet.

„In den vergangenen Jahren ist die Zahl der bestoßenen Almen und aufgetriebenen Tiere leicht rückläufig. Im Vergleich zu anderen Bundesländern, steht Tiroler aber noch relativ gut da“, erzählt Josef Lanzinger, Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins. Besonders kleine Betriebe seien unter Druck, weil es sich manchmal finanziell nur noch schwer rechne, Kuh und Kegel im Sommer auf die Alm zu bringen, weiß Lanzinger. Derzeit scheint diese Form der Landwirtschaft dennoch nicht in Gefahr zu sein. Doch was wäre, wenn es sie nicht mehr gäbe?

Lorenz Strickner, in der Landwirtschaftskammer Tirol (LK) für die Almkoordination zuständig, sagt: „Nur weil die Almen bestoßen werden, können sie auch ihre Funktionen für die Gesellschaft erfüllen.“ Und diese seien, laut Strickner, vielfältiger als oft vermutet. „Vor rund 4000 Jahren wurden wohl erstmals Almen eingerichtet, Bäume dafür gerodet. Gäbe es die Almen nicht, wäre alles unter der Baumgrenze Wald.“ Ein neues Biotop sei damals geschaffen worden, eines mit einer „enormen Artenvielfalt. Zu den ökologischen Aufgaben gesellen sich auch soziokulturelle. Viel Tiroler Brauchtum ist rundherum entstanden. Jodeln etwa, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder alles, was mit Auf- oder Abtrieb zu tun hat.“ Der LK-Experte glaubt außerdem, dass „der Tourismus ohne Almen viel schwächer wäre. Nicht zuletzt durch die Almen hat sich eine ganz eigene Art der Freizeitbeschäftigung entwickelt.“

Damit, wie sehr der alpine Raum – und damit auch Tirol – vom allsommerlichen Treiben geformt wurde, beschäftigt sich auch Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie und Verfasser zahlreicher Publikationen über die Alpen. „Diese Form der Wirtschaft hat das Landschaftsbild ganz zentral geprägt. Ohne die Almen wären die Alpen ein dunkles Waldgebirge“, sagt Bätzing und führt aus: „Im Vordergrund eine Wiese, dann Wald und im Hintergrund schroffer Fels – für Touristen bedeutet dieser Anblick Urlaub und Erholung. Die Einheimischen sehen darin ihre Heimat, einen Lebensraum, eine Kulturfläche, die ihre Vorfahren mit ihrer Arbeit nutzbar gemacht haben.“ Auch deshalb seien „die Traditionen, die an den Almen und deren Bestoßung hängen, identitätsstiftend“.

Innerhalb der vergangenen 20 Jahre habe Bätzing beobachtet, dass dieses Brauchtum wieder zunimmt. „Tendenziell gilt das für den gesamten Alpenraum, lässt sich aber auch auf Tirol herunterbrechen. Vermutlich, weil es als Anker in einer schnelllebigen, globalisierten Welt dient.“ Das schätzt der Alpen-Experte so lange positiv ein, bis Schindluder damit getrieben wird. „Gefährlich wird es, wenn die Almen für touristische Zwecke missbraucht werden. Für die Bauern, weil die Touristiker dann das Ruder übernehmen. Für die Touristen, weil ihnen dann nur mehr eine idealisierte Welt vorgegaukelt wird.“

Von „Vorgaukeln“ wollen Tirols Touristiker nichts wissen. Es seien „authentische Betriebe“, welche für Florian Phelps, Geschäftsführer der Tirol Werbung, die Anziehungskraft ausmachen. „Die von den Bauern gepflegte Kulturlandschaft ist ein wichtiges Urlaubsmotiv und ein essentieller Bestandteil des Sommerangebotes.“

Trotz allem sind und bleiben Almen vorrangig ein Wirtschaftsraum, sagt Lorenz Strickner von der Landwirtschaftskammer. „Bauern bestoßen Almen, weil sie etwas verdienen wollen.“