Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.04.2019


Bezirk Kitzbühel

Pflege im Bezirk Kitzbühel: Es braucht gesellschaftlichen Diskurs

Das Regionalmanagement Regio 3 hat die 24-Stunden-Pflege im Bezirk Kitzbühel genau unter die Lupe genommen. Dabei zeigte sich, dass nicht die Pflege, sondern die Betreuung ein Problem ist.

Stefan Jöchl, Birgit Bätz, Obmann Sebastian Eder, Bernhard Weicht und Melanie Hutter bei der Präsentation der Erhebung.

© EberharterStefan Jöchl, Birgit Bätz, Obmann Sebastian Eder, Bernhard Weicht und Melanie Hutter bei der Präsentation der Erhebung.



Von Brigitte Eberharter

Oberndorf i. T. – Die Betreuung und die Pflege von älteren Menschen sind zwei Paar Schuhe. Den Angehörigen, die eine Unterstützung brauchen, ist das oftmals nicht ganz klar. Deshalb hat das Regionalmanagement Regio 3 eine Studie in Auftrag gegeben, die die 24-Stunden-Personenbetreuung unter die Lupe genommen hat.

Den Betreuungsbedarf festzustellen ist keine einfache Sache, weil die Nachfrage am freien Markt bedient wird. In der Wirtschaftskammer sind im Bezirk Kitzbühel 450 Personen registriert, die Betreuungsarbeit leisten, aktiv gemeldet sind davon 300. Mit 20,6 Prozent an über 65-Jährigen ist der Bezirk Kitzbühel ein relativ alter Bezirk und entsprechend höher ist auch der Betreuungsbedarf.

Bernhard Weicht von der Uni Innsbruck hat zusammen mit Birgit Bätz und einem Studententeam zehn Experten und zehn Angehörige interviewt und die Forscher sind zum Urteil gekommen, dass die Grenzziehung zwischen Pflege und Betreuung derzeit nicht so klar ist. Bei der Betreuung haben die Angehörigen oftmals das Gefühl, dass ungerechtfertigterweise noch pflegerische Leistungen extra zu zahlen sind. Weicht erklärt auch, warum dieses System mit ausländischen Kräften in der Betreuung derzeit existiert.

Es hat im Osten von Österreich angefangen, wo Kräfte aus Ungarn und Tschechien illegal tätig wurden. Jahre später wurde das dann gesetzlich legalisiert, weil man erkannt hat, dass man auf diese Kräfte angewiesen ist. Mittlerweile hat sich jedoch das Lohnniveau in den Nachbarländern gebessert, sodass nun die Betreuungskräfte vorwiegend aus Rumänien nach Österreich gebracht werden. „Dieses System funktioniert nur, wenn die Betreuer aus einem Land mit niedrigem Lohnniveau kommen“, sind sich Weicht und Regio-3-Obmann Sebastian Eder bewusst.

Im Alltag führen Angehörige, wie der Reither Bürgermeister Stefan Jöchl weiß, die Betreuung so lange wie möglich selbst durch, doch dann kommt eine Akutsituation, mit der die Menschen überfordert sind. Die Altersheime bieten für solche Fälle keine Alternativen, denn dort gibt es oft lange Wartezeiten.

Die Agenturen können relativ rasch eine Betreuung organisieren und mangels Alternativen und wegen der Aussicht auf keine allzu großen Veränderungen gibt man sich damit zufrieden. Auch wenn es etliche Dinge gibt, die eine starke Belastung darstellen. Zudem gibt es in der Region viele Eigenheimbesitzer, bei denen eine Pflegeperson rasch untergebracht werden kann.

Da sich die Zahl älterer Menschen in den nächsten Jahren massiv erhöhen wird, stellt sich die Frage, welche alternativen Formen der Betreuung es geben kann. „Nicht der Pflegeaufwand ist das Problem, sondern die Betreuung. Dass der alte Mensch nicht allein ist“, sagt Eder. Eine Idee dazu wäre ein Wohnheim ähnlich der Lebenshilfe, wo eine Betreuungsperson für mehrere Menschen zuständig ist. Bürgermeister Jöchl erklärt, dass es in Reith bereits vier kleine Wohneinheiten für betreubares Wohnen gebe und man damit gute Erfahrungen mache.

Allerdings stellt sich auch dabei immer wieder die Frage: Was ist noch Betreuung und was ist schon Pflege? Dafür braucht es klare Regelungen, sind sich Eder und Freiwilligenkoordinatorin Melanie Hutter einig. Denn für sie ist es vorstellbar, dass Freiwillige stundenweise in der Betreuung aushelfen und dabei über das Freiwilligenzentrum entsprechend versichert sind. Was jedoch unbedingt notwendig wäre, ist ein Case Manager, wie es diesen bereits im Gemeindeverband Brixental-Wildschönau gibt. Dieser kennt alle Möglichkeiten, die sich bieten, und steht den Familien in Akutsituationen mit Rat und Tat zur Seite.

„Der gesellschaftliche und politische Diskurs über künftige bedarfsgerechte Modelle auf der Basis der gegenwärtigen 24-Stunden-Betreuung ist unerlässlich“, fordert Eder.