Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.04.2019


Bezirk Reutte

Jäger im Außerfern: „Nur keine Erlegerfotos publizieren“

Die Jäger sorgen sich um die gesellschaftliche Entwicklung – urbane Räume würden sich zusehends von der Jagd entfremden. Die Abschussvorschreibung im TBC-Seuchengebiet Lechtal wurde mit 61,5 % weit verfehlt.

Inspektion der Trophäen.

© MittermayrInspektion der Trophäen.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Die allfrühjährliche Trophäenschau in der Reuttener Sporthalle ist einerseits eine Leistungsschau, andererseits ein Ort, an dem Jägerschaft wie Behördenvertreter ausnahmsweise auch öffentlich Tacheles reden. Die von der Bezirkshauptmannschaft für das abgelaufene Jagdjahr vorgeschriebenen Quoten wurden zwar nicht erreicht und BHStv. Konrad Geisler sprach vom Stresshormon Adrenalin und diversen Anlässen zur Ausschüttung des Neurotransmitters in seinem ersten Jahr als zuständiger Jagdreferent, prinzipielle Kritik an der Abschussquote übte er aber nicht. Mit 84 Prozent beim Rotwild, 97 Prozent beim Rehwild und 90 Prozent bei der Gams lag der Bezirk Reutte ja auch im Tiroler Mittel. Einzig das TBC-Gebiet von Häselgehr bis Steeg war der große Ausreißer, was im Saal unerwähnt blieb. Beim Rotwild lag die Abschussquote hier nur bei 61,5 Prozent. Was – auf Nachfrage der TT – laut Geisler durch Strafverfahren nach dem Tierseuchengesetz sicherlich gewürdigt werden wird. Die Frage des angemessenen Wildstandes sei immer schwierig, hier würde es auch menscheln, meinte Geisler.

Landesjägermeister-Stv. Artur Birlmair machte eine aktuelle Entwicklung Sorgen: „Die urbanen Räume entfremden sich zusehends von der Jagd. Tiere zu töten ist nicht mehr selbstverständlich. Sie werden vermenschlicht und zu Freunden erklärt.“ Die zur Verfügung stehenden Marketingmittel der Jäger, um hier dagegenzuhalten, seien kläglich im Vergleich zu NGOs, die Millionen zur Verfügung hätten. Birlmair appellierte in diesen Zusammenhang, nur ja keine „Erlegerfotos“ in sozialen Medien zu veröffentlichen, weil hier vieles sehr schnell falsch verstanden und sehr schnell Widersprüche zur Waidgerechtigkeit entstehen könnten. WhatsApp sei etwa beliebt für „Meinungs- und Erfindungsfreiheit“. Meldungen würden sich schnell verbreiten. „So entstanden ausgehend von einer einzigen Nachricht Wolfsmeldungen in zehn Gebieten. Ein unnötiges neues Jägerlatein.“

Bezirksjägermeister Arnold Klotz lag ein anderes Thema am Herzen. Im winterlichen Wald würden sich Tragödien abspielen – ausgelöst durch Freizeitsportler, die in alle Richtungen ausschwärmten und das Wild, das die Körperfunktionen bei den riesigen Schneemengen auf Sparflamme umgestellt hat, aufscheuchten. „Sehen Sie sich die Aufnahmen an, die dann auch noch voller Stolz auf Facebook und Twitter gepostet werden. Zu sehen sind im Schnee steckengebliebene Hirsche, die von Jägern freigeschaufelt werden müssen, oder ebenso bis zum Träger eingesunkene Gamsen, verfolgt von einer Helmkamera.“ Klotz fragte laut, wie lange die Politik hier noch zuschauen wolle, bis sich endlich Erleichterung für das leidgeplagte Wild einstelle.

Wie sehr das Wetter Abschusszahlen beeinflusst, belegte Arnold Klotz mit den Ausnahmerscheinungen von 2018. Noch Ende Oktober habe sich bei der Abschusserfüllung beim Rotwild ein Kata­strophenjahr angekündigt. Das Wild sei vor der Ausnahmehitze an Orte geflüchtet, „unerreichbar für jede Büchse.“ Erst als Schnee bis in die Tallage fiel, sei Bewegung in die Abschusslisten gekommen und die Jäger hätten alles getan, um die Abschusspläne noch zu erfüllen. Neben 4416 Stück Schalenwild, davon 2066 als Trophäe vorgelegt, wurden u. a. 80 Murmeltiere, 84 Dachse, 512 Füchse, 38 Hasen, ein Kormoran, zwei Reiher und zwei Ringeltauben erlegt.

Bundesrat Stefan Zaggl (SPÖ), höchstrangiger politischer Vertreter im Saal, sorgte dann mit einer dreisätzigen Kurzrede für Erheiterung. Zaggl: „Davor habe ich es noch nie geschafft, vorbeizukommen. Das ist heute eine Ehre, danke. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“

Jagd muss nicht immer todernst sein: VBM Klaus Schimana, Bezirksjägermeister Arnold Klotz und VBM Michael Steskal (v. l.).
Jagd muss nicht immer todernst sein: VBM Klaus Schimana, Bezirksjägermeister Arnold Klotz und VBM Michael Steskal (v. l.).
- Mittermayr