Letztes Update am Mi, 17.04.2019 06:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Vandalismus: „Es hilft, einen Bezug zu Räumlichkeiten zu haben“

Warum zerstören Jugendliche fremdes Eigentum? Der Jurist Alois Birklbauer hat dazu 1091 Schüler von Neuen Mittelschulen befragt.

Zerstörte Fenster und Möbel: Im März wüteten Jugendliche in Wattens, sie wurden ausgeforscht.

© ZOOM.TIROLZerstörte Fenster und Möbel: Im März wüteten Jugendliche in Wattens, sie wurden ausgeforscht.



Vandalismus zählt zu den häufigsten Formen der Jugendkriminalität. Ist den Jugendlichen nicht bewusst, dass dies eine Straftat ist?

Alois Birklbauer: Die Jugendlichen wissen, dass es strafbar und verboten ist, machen es aber dennoch. Es ist ein Gruppen­event, nur selten wird ein Akt alleine ausgeführt. Auch bei Graffitis hilft verstärkt der Effekt des Internets. Dabei werden Fotos gemacht und in den sozialen Medien veröffentlicht. Nach ihren Motiven gefragt nannten die Schüler übrigens zuerst Wutabbau, an zweiter Stelle steht der Spaßfaktor, gleich danach kommt die Langeweile.

Das Wissen, eine Straftat zu begehen, schreckt also nicht ab. Wovor haben die Jugendlichen denn dann möglicherweise Angst oder Respekt?

Birklbauer: Das Vertrauen der Eltern zu enttäuschen, ist das größte Risiko. Zudem schämen und fürchten sich die Kinder vor den Eltern auch. Mädchen sind übrigens weniger häufig bei Vandalen beteiligt, da sie mehr kontrolliert werden. Bei der Erziehung lässt man Burschen hingegen mehr machen. Das zeigt, dass die Eltern durch die Erziehungsarbeit einen großen Einfluss haben.

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Wie könnte man, abgesehen von der richtigen Erziehung, entgegenwirken?

Birklbauer: Man hat an den Schulen herausgefunden, dass es hilft, wenn die jungen Menschen einen Bezug zu Räumlichkeiten haben. Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass Kinder und Jugendliche bei der Gestaltung des Klassenzimmers oder des Spielplatzes miteinbezogen werden. Damit identifizieren sie sich dann, schauen, dass es sauber bleibt und auch andere Leute damit sorgsam umgehen. Ein anderer Punkt ist, dass Sachbeschädigung Nachahmer sucht. Wenn z. B. eine Straßenbahn verschmiert wird, sollte sie am nächsten Tag nicht mehr zum Einsatz kommen. Das wäre sonst der größte Erfolg für die jugendlichen Vandalen, wenn das „Kunstwerk“ herumfährt.

Die Täter sind wohl in allen Fällen nicht selbst in der Lage, für die Reparatur bzw. Reinigung aufzukommen. Sind sie sich der Folgen ihrer Handlungen im Klaren?

Birklbauer: Klar, wenn eine Unterführung ausgemalt werden muss, kostet das Geld. Wenn eventuell der Zugverkehr eingestellt werden muss, wird es noch teurer. Das ist den Jugendlichen meist nicht bewusst. Bei einem Fall von mir war der durch Vandalismus entstandene Schaden so hoch, da hätten die Jugendlichen 30 Jahre lang gezahlt. Mit der öffentlichen Hand konnte ein Deal ausgehandelt werden, da man das weitere Leben der Jugendlichen nicht zerstören wollte.

Schulbänke zerstören und Wände beschmieren ist das eine. Vor Kurzem gab es aber auch Vandale bei einer Kirche in Tirol. Braucht es immer neue Ziele?

Birklbauer: Das kann auch Zufall gewesen sein. Vielleicht hat sich die Kirche angeboten, da sie gerade ins Auge stach und sich die Personen abreagieren wollten. Neben Rache bzw. einem Akt gegen eine Person ist der Wutabbau ein häufiges Motiv.

Das Interview führte Manuel Lutz