Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 21.04.2019


Interview

Elyas M'Barek zu neuer Rolle : „Für mich absoluter Justizskandal“

Ferdinand von Schirach hatte ein persönliches Motiv, den „Fall Collini“ zu schreiben. Der Roman wurde nun verfilmt. Elyas M‘Barek ist dabei der Hauptdarsteller und ab Freitag in den Kinos als junger Anwalt zu sehen.

Elyas M’Barek ist der Hauptdarsteller im neuen Kinofilm „Der Fall Collini“ und spielt dabei den Anwalt Caspar Leinen.

© privtElyas M’Barek ist der Hauptdarsteller im neuen Kinofilm „Der Fall Collini“ und spielt dabei den Anwalt Caspar Leinen.



Wien — Er ist einer der besten und wichtigsten Autoren im deutschen Sprachraum. Seine Erzählungen werden regelmäßig verfilmt. Wie eben „Der Fall Collini", der erste Roman von Ferdinand von Schirach (ab Freitag in den Kinos). Inspiration dafür war der Hamburger Prozess gegen den SS-Angehörigen Friedrich Engel, den deutschen Polizeichef in Genua, im Jahr 2002. Engel hatte aufgrund eines Partisanenanschlags auf ein Soldatenkino ein­e Vergeltungsmaßnahme befohlen. Er ließ 59 Gefangene am Turchino-Pass in Ligurien erschießen. Hauptdarsteller ist Elyas M'Barek als junger Anwalt. Der Mann mit österreichischen Wurzeln kam eben zur Vorpremiere nach Wien. Ein Gespräch im Hotel Sacher.

War es für Sie wichtig, nach dem Megaerfolg der drei „Fack Ju Göhte"-Späße eine Hauptrolle im „dramatischen" Fach zu spielen?

Elyas M'Barek: Es war eine tolle Zeit mit „Fack Ju Göhte", aber klar, als Schauspieler möchte man auch einmal etwas anderes machen, sich nicht festfahren. Es geht ja immer darum, den Zuschauer emotional zu erreichen. Ich nähere mich jeder Roll­e mit derselben Ernsthaftigkeit.

null
- privat

Als junger Anwalt Caspar Leinen werden Sie zum Pflichtverteidiger des 70-jährigen Italieners Fabrizio Collini, der anscheinend grundlos den Großindustriellen Hans Meyer in dessen Berliner Hotelsuite erschossen hat. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

M'Barek: Unter anderem durch Gespräche mit Rechtsanwälten und dem Autor Ferdinand von Schirach und auch durch Besuche im Gerichtssaal.

Ihre Figur wird anders als im Buch gezeichnet. Warum?

null
- privat

M'Barek: Im Buch stammt der Anwalt aus derselben Gesellschaftsschicht wie das Mordopfer, im Film kommt er aus einem anderen Milieu. Ich glaube, das macht die Konflikte des jungen Anwalts bei seinen Recherchen greifbarer.

Was hat Ferdinand von Schirach zu den Veränderungen gesagt?

M'Barek: Er wurde immer gefragt. Wäre er mit etwas nicht einverstanden gewesen, hätte er es sicher sofort gesagt. Wir beide haben uns meistens übers Essen unterhalten, vor allem über die japanische Küche, die wir sehr mögen.

Kannten Sie Schirachs Bücher?

M'Barek: Ich habe sie alle gelesen und bin ein großer Fan. Was mich besonders fasziniert, ist die unglaubliche Nüchternheit seines Schreibstils. Alles wirkt so echt, so authentisch, so nah am Leben. Wenn man seine Bücher liest, ist man sofort Teil der Geschichte. So ging es mir auch mit dem „Fall Collini".

Dem Vernehmen nach hat Ihnen Schirach sein Zigarettenetui geschenkt?

M'Barek: Es hat mir so gut gefallen. Und weil wir uns offensichtlich bei den Gesprächen gut verstanden haben, hat er es mir als Souvenir in die Hand gedrückt. Ich habe gleich mit dem Gedanken gespielt, dieses Etui in den Film einzubauen. Tatsächlich gibt es nun einige Szenen, in denen ich dieses Leder­etui benütze, darunter auch eine, in der ich dem Mörder eine Zigarette anbiete ...

Schirachs Story basiert auf dem so genannten Decker-Gesetz, das vom deutschen Bundestag verabschiedet wurde und mit einem Schlag zu einer Generalamnestie für die meisten Verbrecher des Nazi-Regimes führte. Deren Taten wurden nicht mehr als Mord, sondern als Totschlag eingestuft, und galten alsbald als verjährt. Ist dieses Gesetz noch immer gültig?

M'Barek: Leider ja. Für mich ist das ein absoluter Justizskandal, der mich tief erschüttert. Aber ich habe die Rolle nicht aus politischen Gründen gewählt. Sondern weil der Stoff sehr vielfältig ist und einen guten Thriller ergibt. Auch wollte ich einmal mit dem Regisseur Marco Kreuzpaintner drehen, den ich sehr schätze.

Wie haben Sie sich bei den vielen Szenen im Gerichtssaal gefühlt?

M'Barek: Der wirkt sehr imposant, nicht wahr? Er wurde extra gebaut, sieht sehr amerikanisch aus und erinnert an große US-Gerichtssaalthriller. Auch die Figur des von Heiner Lauterbach gespielten Staatsanwalts gemahnt an amerikanische Vorbilder.

Ein Genre, das Sie fasziniert? Gab es da einen Film, der Ihnen besonders gut gefallen hat?

M'Barek: Mir fällt da immer „Philadelphia" mit Tom Hanks und Denzel Washington ein. Wo einer Ungerechtigkeit leibhaftig erlebt, aber dann feststellt, dass es doch noch Gerechtigkeit gibt. Auch unser Film dreht sich schnell in andere Richtungen. Mein Anwalt Caspar Leinen ist nicht nur Verteidiger, sondern wird auch — aus eigenem Antrieb — zum Detektiv. Nachdem er mit seinen Recherchen begonnen hat, stellt er fest, dass es noch eine andere Wahrheit gibt. Dinge passieren, mit denen man nicht gerechnet hat. Also genau das, was einen guten Thriller ausmacht.

Der Mann, den Sie verteidigen, wird von Franc­o Nero verkörpert. Er hat kaum mehr Sätz­e als die Buhlschaft im „Jedermann" zu sprechen, ansonsten redet sein Gesicht?

M'Barek: Ja, und es ist unglaublich, wie er das — fast ohne Worte, nur mit Gestik — macht, wie er einen anschaut mit seinen blauen Augen. Das zeigt, warum er eine solche Legende ist. Grundsätzlich bin ich von großen Namen nicht so beeindruckt, sondern mich interessiert viel mehr, wie sie als Menschen sind und wie sie mit ihrer langen Karriere umgehen. Und da kann ich über Franco nur das Beste sagen: Er ist ein sehr angenehmer Kollege und absolut bodenständig geblieben. Wie auch Heiner Lauterbach. Er hat zwar eine viel längere Karriere und viel mehr Filme gedreht als ich, doch wir haben immer auf Augenhöhe agiert, und er hat es gut verstanden, mich zu stärken und zu motivieren.

Die „Fack Ju Göhte"-Zeiten scheinen nicht ganz vorbei. Eben haben Sie mit „Göhte"-Regisseur und -Autor Bora Dagetkin und mit Florian David Fitz als Partner eine neue Komödie abgedreht, „Das perfekte Geheimnis". Da geht es um eine Freundesrunde, die sich zu einem Spielchen trifft. Alle müssen ihre Handys auf den Tisch legen und die Nachrichten, die reinkommen, mit den anderen teilen. Aus dem harmlosen Spaß wird ein wildes Durcheinander?

M'Barek: Da wird einiges an „Göhte" erinnern. Ich wünsche mir sehr, dass sich meine Filmaufgaben künftig die Waage halten werden. Und jeder Film soll so sein, dass ich ihn mir selbst gerne anschaue­n würde.

Sie sind Pass-Österreicher. Haben Sie noch genug Zeit, Ihre Familie in Oberösterreich zu besuchen?

M'Barek: Ich komme immer gern nach Österreich. Egal wohin. Die Kontakte reißen nie ab.

In vielen Städten sehen Sie Ihr Konterfei auf Riesenplakaten, der Fanansturm ist groß. Wie kommen Sie mit dem, was man „Starruhm" nennt, zurecht?

M'Barek: Das sehe ich relativ gelassen. Natürlich ist es schön, wie heute im Sacher anzukommen, wunderbar empfangen zu werden, im Zimmer eine extra gefertigte Torte vorzufinden. Alles total angenehm. Aber es hindert mich nicht daran, zu Hause ein ganz normales Leben zu führen. Und: Wenn nicht gerade einer meiner Filme in den Kinos ist, flacht das alles immer wieder ab. Glauben Sie mir: Wenn ich anonym sein möchte, kenne ich auch Wege, um anonym zu bleiben.

Das Interview führte Ludwig Heinrich