Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.04.2019


Innsbruck-Land

Seefelder Familie sucht barrierefreie Wohnung: Steiler Weg voller Hürden

Seit Jahren sucht Familie Özbek aus Seefeld eine barrierefreie Mietwohnung, um ihren schwerstbehinderten Sohn zu pflegen. Laut Gemeinde fehlt es an geeigneten Objekten.

Mehrmals am Tag muss Familie Özbek den 14-jährigen Ilker über eine steile, gewundene Treppe vom Wohnraum ins Schlaf- und Badezimmer und wieder zurück tragen.

© ÖzbekMehrmals am Tag muss Familie Özbek den 14-jährigen Ilker über eine steile, gewundene Treppe vom Wohnraum ins Schlaf- und Badezimmer und wieder zurück tragen.



Von Michael Domanig

Seefeld – Familie Özbek weiß nicht mehr weiter. Seit über drei Jahren ist sie in Seefeld auf der Suche nach einer geeigneten barrierefreien Mietwohnung. Ilker, der 14-jährige Sohn, ist schwerstbehindert, muss mit einer Sonde ernährt werden, kann nicht selbst sitzen, kurz: braucht Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Die Wohnung in der Möserer Straße, in der die Familie seit 2013 lebt, ist zwar per Lift erreichbar, ansonsten aber für den Alltag mit Ilker denkbar ungeeignet: Sie erstreckt sich nämlich über zwei Stockwerke. Nachts schläft Ilker unten bei den Eltern, in aller Früh muss er täglich über die enge, gewundene Treppe in den oberen Stock getragen werden. Dort versorgt ihn Mutter Nejla – in einem Zimmer, das er sich mit seiner 19-jährigen Schwester Ilknur teilt – mit Nahrung, wechselt die Windeln und kleidet ihn an, bevor Ilker abgeholt und zur Betreuung ins Elisabethinum Axams gebracht wird.

Die Eltern sind zunehmend verzweifelt.
Die Eltern sind zunehmend verzweifelt.
- Özbek

Abends muss ihn die zierliche Mutter dann wieder die Treppe hinaufschleppen und versorgen. Danach wartet sie, bis Vater Ibrahim, der als Koch in Innsbruck arbeitet, heimkommt – was oft erst spätabends der Fall ist. Gemeinsam tragen sie Ilker dann wieder hinunter. Der Einbau eines Treppenlifts ist laut Experten nicht möglich. Der Bub wiegt aktuell rund 30 Kilogramm – „aber was ist, wenn es irgendwann 50 Kilogramm sind?“, fragen die Eltern.

Man fühle sich ohnmächtig, meint Ibrahim Özbek, aber auch zu wenig unterstützt – was etwa einen Wohnungstausch innerhalb der Wohnanlage angeht, wo es eine geeignete 4-Zimmer-Wohnung gebe und nur „machbare“ Umbauten nötig seien. „Die Gemeinde kennt unsere Situation genau“, meint er, passiert sei aber wenig. Zuletzt sei der Familie zwar eine barrierefreie Wohnung angeboten worden, „diese ist aber um ein Zimmer kleiner und viel teurer als die jetzige. Außerdem hätte das Pflegebett nicht ins Schlafzimmer gepasst“, seufzt der Vater. Was man brauche, sei eine 4-Zimmer-Wohnung mit genug Platz für ein solches Bett und einem eigenen Zimmer für die Tochter.

Noch hofft man auf Hilfe, auch aus der Bevölkerung. Denn für die Özbeks ist klar: Sie wollen Ilker nicht dauerhaft in ein Heim geben – und in Seefeld bleiben.

Seit Jahren sucht die Familie bereits nach einer geeigneten Wohnung.
Seit Jahren sucht die Familie bereits nach einer geeigneten Wohnung.
- Özbek

Die Situation sei „ganz schwierig“, meint BM Werner Frießer. „Wir stehen mit der Familie in Kontakt und bemühen uns wirklich.“ Aber in Seefeld gebe es „fast keine barrierefreien Mietwohnungen“. Von den 47 Wohnungen in Gemeindeeigentum entspreche etwa keine einzige den Anforderungen. „Die stammen aus den 70er- und 80er-Jahren, als Barrierefreiheit noch nicht Bestandteil der Tiroler Bauordnung war“, sagt Frießer. Zudem seien sie in Dauermietverhältnissen gebunden.

Auch ein Lift allein reiche nicht, dieser müsse breit genug sein – die zuletzt angebotene Wohnung sei die erste gewesen, „die zumindest von der Liftsituation geeignet war“.

In der Anlage, in der die Familie lebt, gebe es zwar eine Dame, die eine kleinere Wohnung suche, so Frießer weiter – aber solange man nichts Passendes gefunden habe, sei ein Wohnungstausch nicht möglich. Ganz allgemein könne man niemanden zwingen, seine Wohnung zu verlassen – zumal Mieter oft selbst viel Geld in die Adaptierung ihrer Wohnung gesteckt hätten.

Private Bauträger wiederum hätten zuletzt in Seefeld Eigentums-, keine Mietwohnungen gebaut. „Und bis die nächsten Projekte umgesetzt sind, dauert es ca. drei Jahre.“

„Sobald eine barrierefreie Wohnung frei wird, prüfen wir das“, betont Frießer. „Und wenn eine Kleinigkeit umzubauen ist, können wir das problemlos mit unserem Bauhof machen. Aber erst müssen wir eine Immobilie finden, die passt. Eine 120.000-Einwohner-Stadt wie Innsbruck tut sich da leichter.“

Marianne Hengl, Obfrau von „RollOn Austria“, die sich seit rund einem Jahr für die Familie einsetzt, kann das nicht nachvollziehen: „Es ist so traurig, dass eine Gemeinde, die Weltmeisterschaften ausrichtet und dabei so viel Geld in die Hand nimmt, nicht in der Lage ist, eine Familie mit einem schwerstbehinderten Kind aus ihrer Notlage zu befreien. Wo ein Wille, da findet man doch immer einen Weg.“