Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.05.2019


Geschichte

Das dunkle Kapitel „Option“: Geschichte im Koffer

Josef Bruggnaller übersiedelte vor 80 Jahren von Südtirol nach Nordtirol. Eine Transportkiste erinnert auf besondere Art an das dunkle Kapitel „Option“.

Die Transportkiste des Südtiroler Umsiedlers Josef Bruggnaller.

© DietrichDie Transportkiste des Südtiroler Umsiedlers Josef Bruggnaller.



Von Sabine Strobl

Telfs – Geschichte ist immer präsent, auch am Flohmarkt in Telfs. Dort entdeckte Isabella Sterzinger vor drei Jahren eine Kiste, die sie für Mal-Utensilien verwenden wollte. Bei der Reinigung kamen die Originalaufkleber dann besser zutage. „Vorsicht zerbrechlich“ und auf Italienisch „fragile“ war ebenso zu lesen wie die Reiseroute Bolzano – Innsbruck und „Auswanderungsgut“. Wie sich herausstellte, enthielt die Transportkiste einst Habseligkeiten des Südtiroler Optanten Josef Bruggnaller, der 1940 nach Nordtirol übersiedelte. Die Telferin schenkte die Kiste dem Südtiroler Landesmuseum. Derzeit ist der „Optionskoffer“ als zentrales Objekt einer kleinen Ausstellung im „Turm der Erinnerungen“ von Schloss Tirol bei Meran zu sehen, erläutert der Historiker Stefan Dietrich, der die Geschichte der Familie rekonstruiert hat.

Ein „Koffer“ ist ein symbolträchtiger Gegenstand, dieser erinnert an das „Optionsabkommen“ zwischen den Diktatoren Hitler und Mussolini. Bis Herbst 1940 stellten 218.000 deutschsprachige Südtiroler, die für Deutschland optiert hatten, einen Abwanderungsantrag. „Von diesen wurden rund 75.000 tatsächlich umgesiedelt, bevor das Ganze kriegsbedingt zum Erliegen kam“, so Dietrich.

Bruggnaller, ein Gemeindebediensteter, machte sich mit seiner Frau Maria und den sieben Kindern auf die Reise ins Ungewisse. Er selbst starb 1941. Die Familie lebte in Notunterkünften, überlebte Bombenangriffe in Innsbruck und fand letztlich eine neue Heimat, berichtete die heute 86-jährige Tochter Elisabeth Brenner dem Historiker. Dietrich war auch erstaunt über den großen Aktenbestand im Tiroler Landesarchiv. „Die Bürokratie war gewaltig.“ Allein für diese Familie wurde ein Paket Akten angelegt, vom Antrag auf Einbürgerung bis hin zu Gutscheinen für Fahrkarten.

Maria Bruggnaller mit ihren sieben Kindern (ca. 1942).
Maria Bruggnaller mit ihren sieben Kindern (ca. 1942).
- Dietrich
Isabella Sterzinger übergibt das „Flohmarktstück“ an Museumsdirektor Leo Andergassen.
Isabella Sterzinger übergibt das „Flohmarktstück“ an Museumsdirektor Leo Andergassen.
- Dietrich
Josef Bruggnaller.
Josef Bruggnaller.
- Dietrich