Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.05.2019


Gesellschaft

Nachwuchssorgen bei den Tiroler Wassermessern

Mit der Ehrung langjähriger Freiwilliger wurden gestern 125 Jahre Hydrographischer Dienst gefeiert. Die meisten Beobachter sind 50 Jahre und älter.

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© die fotografen



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Sie teilen eine Leidenschaft und das nicht selten seit mehreren Generationen: Gestern Nachmittag wurden in Innsbruck 60 Beobachter des Tiroler Hydrographischen Dienstes für ihre langjährige, mehr als 25 Jahre andauernde Mitarbeit geehrt. Insgesamt 171 Freiwillige beschäftigt die Einrichtung, die heuer ihr 125-jähriges Bestehen feiert.

Trotz Freude über die traditionsreiche Institution hängen auch einige dunkle Wolken über den heimischen Wassermessern, denn: Die Mehrheit der Beobachter, von denen ein Gros Frauen sind, ist 50 Jahre und älter.

Nachwuchs zu finden ist kein Kinderspiel, weiß der Leiter des Tiroler Hydrographischen Dienstes, Klaus Niedertscheider: „Die Technisierung und Digitalisierung hat vieles vereinfacht. Früher waren unsere Beobachter die einzigen Datenlieferanten. Heute machen das vielfach die Geräte, die Freiwilligen sind besonders für die Kontrolle zuständig. Trotzdem bleibt die Aufgabe sehr zeitaufwändig.“

Ein tiefgreifender Wandel in der Gesellschaft trägt zu der aufkommenden Problematik bei. Niedertscheider erklärt sich das so: „Wer jeden Tag viele Kilometer zur Arbeit hin und wieder zurück nach Hause muss, ist weniger flexibel. Die Jugend von heute ist viel mobiler, mehr unterwegs, was es schwieriger macht.“ Dass manche da keine Lust und Muse hätten, sich täglich zu den Messstationen aufzumachen, liege in der Natur der Sache.

Dennoch will Nieder­tscheider für die nächste Zeit nicht zu sehr schwarzmalen: „Für die nächsten 20 Jahre ist der Nachwuchs bei unseren Beobachtern gesichert. Was danach kommt, wie wir darauf eventuell reagieren werden und können, wird sich zeigen.“ Aber wohl auch dann wird es noch Menschen brauchen, die Niederschlagsmengen und Grundwasser­pegel aufzeichnen und die Messanlagen in Schuss halten. „Denn ohne Kontrolle geht es nicht. Und die 18 fest angestellten Mitarbeiter im Hydrographischen Dienst könnten das Netz niemals alleine abdecken“, glaubt der Leiter der Stelle.

Deren Geschichte begann im Jahr 1894, als vom damals noch kaiserlichen Zentralbüro beschlossen wurde, die Aufgaben der hydrographischen und hydrologischen Erfassung an die Länder zu übertragen. Heute gibt es in ganz Tirol etwa 1000 Messeinrichtungen, deren Daten besonders bei Hochwasserprognosen und -warnungen und der Planung von Schutzbauten benötigt werden.

„Es ist unsere Aufgabe, die Ressource Wasser für die kommenden Generationen zu sichern“, sagte Landesrat Josef Geisler (ÖVP), zuständig für die Wasserwirtschaft, gestern bei den 125-Jahr-Feierlichkeiten. „Wir müssen die Bevölkerung aber auch vor den Gefahren, die vom Wasser ausgehen, schützen. Dafür ist der Datenschatz des Hydrographischen Dienstes unverzichtbar. Das Jubiläum ist Anlass, die Bedeutung des Dienstes zu würdigen, aber auch Anlass, diejenigen vor den Vorhang zu holen, die täglich bei Wind und Wetter draußen an den Messstellen für eine lückenlose Datengrundlage sorgen“, lobt Geisler.

„In vielen Fällen werden die Tätigkeiten von einer Generation an die nächste weitergegeben“, weiß Hydrographie-Leiter Niedertscheider. Zu den langjährigen Beobachtern gehört etwa die Familie Seifert aus Gramais, auf deren Grundstück seit August 1895 gemessen wird, damals von Paula Wolf. Seit dem Jahr 1980 wird die Station von Hildegard Seifer, geboren Wolf, betreut und gewartet. In Sillian begann die Familie Niederegger im Jahr 1900 mit den Messungen, seit inzwischen 55 Jahren sind die Eheleute Annemarie und Norbert Niederegger dafür verantwortlich. Fest in der Hand einer Familie ist ebenfalls die Messstelle in Obsteig, wo auch vor 119 Jahren mit den Aufzeichnungen begonnen wurde. Anna Reichle, die sie heute durchführt, hat die Aufgabe von ihrem Vater Anton Mallaun übernommen, der diese von seinem Vater geerbt hat.

Ganz lückenlos sind die Datensätze aber in kaum einem Fall, weiß Klaus Niedertscheider: „Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges war Messen oft nicht möglich.“

Zahlen & Fakten

Im Jahr 1894 wurde vom K. u. K. hydrographischen Centralbureaus ein neues Organisationsstatut erlassen. Damit ging die Verantwortung für die Wasser- und Niederschlagsmessung an die Länder über – der Start der hydrographischen Landesdienste.

An 400 Stellen im Land werden Quellen und Grundwasser gemessen, für die Erfassung von Niederschlag und Lufttemperatur gibt es 130 Messeinrichtungen, an Seen und Flüssen 116.

50 Jahre und älter sind die meisten der 171 freiwilligen Wassermesser – viele davon sind Frauen.

60 der 171 Beobachter sind schon 25 Jahre im Dienst, erfassen Wasserkreisläufe, messen Regenmengen, kontrollieren Pegelstände.